Pleite gegen Schweden Gelähmte Griechen flüchten sich in Angstfußball

Alt, älter, Griechenland: Mit einem altbackenen Spielsystem versuchte Otto Rehhagel den EM-Titelverteidiger zum Erfolg gegen Schweden zu führen - doch er verspekulierte sich. Seine Defensivtaktik scheiterte auf ganzer Linie. Das Bedauern darüber hält sich in Grenzen.

Aus Salzburg berichtet Christoph Biermann


Die schwedischen Fans waren sauer. Im Stadion neben der Autobahn in Salzburg stellten sie die deutliche Mehrheit - und pfiffen in der ersten Halbzeit den Gegner aus. Dabei hatten die Griechen nicht hart gespielt oder sich anderweitig unfair betragen. Sie wollten einfach nur nicht richtig mitmachen. Traianos Dellas, Sotirios Kyrgiakos und ihre Kollegen in der Abwehr spielten sich die Bälle zu. Von rechts nach links, hin und her, nur den Pass nach vorne wagten sie nicht.

Immer wütender wurden die Schweden auf den Rängen, dabei hätten sie dankbar sein können. Den Auftritt der griechischen Mannschaft konnte man nämlich durchaus als eine Form der derzeit so populären Wiederbelebung historischer Szenerien verstehen. Nur ging es hier nicht um das Nachspielen vom Leben im Mittelalter, sondern um den Fußball der achtziger Jahre, den Rehhagels Mannschaft vorführte.

Bei den Griechen gab es etwas anzuschauen, was es im Weltfußball wahrscheinlich sonst nur noch bei deutschen Kreisligateams zu sehen gibt. Rehhagel stellte gegen die schwedischen Giganten hinten eine Fünferabwehr auf. Dort gab wie beim Gewinn der Europameisterschaft in Portugal 2004 der allerdings schwerfälliger gewordene Dellas den Libero hinter der Abwehr. 14 Monate lang hatte Rehhagel auf diese taktische Variante aus der Vergangenheit des Spiels verzichtet, doch damit allein war die Fahrt in den "Time Tunnel" nicht beendet. Der Frankfurter Kyrgiakos spielte gegen den schwedischen Starstürmer Zlatan Ibrahimovic gute alte Manndeckung. Kurzum: Er lief ihm über den ganzen Platz hinterher.

In der "Märchenstunde", wie Rehhagel die Pressekonferenzen traditionell zu nennen pflegt, erklärte er, dass er mit dem unproduktiven Gekicke seiner Abwehrspieler nicht einverstanden war: "Das hat mir auch nicht gepasst." Ansonsten war Rehhagel von seiner Entscheidung für ein Historienspiel mit Libero auch nach dem Spiel noch überzeugt. Schaute man es genau an, war seine Taktik zumindest in der torlosen ersten Hälfte völlig aufgegangen. "Wenn wir nicht so gespielt hätten, hätte es zur Halbzeit 5:0 für die anderen gestanden", sagte Rehhagel. Und wer hätte ihm da widersprechen wollen?

Dass es in der zweiten Halbzeit zumindest ein 2:0 für Schweden wurde, erklärte Rehhagel in klassischer Old-School-Argumentation: "Die Schweden haben sich in den Zweikämpfen besser durchgesetzt als unsere Jungs." Vor allem aber sah man, warum dieser Fußball inzwischen ausgestorben ist. Er hilft nämlich nur, wenn es 0:0 steht. Genau in dem Moment, als die Griechen durch das 1:0 der Schweden in der Bringschuld waren, (übrigens durch den manngedeckten Ibrahimovic, der seit drei Jahren kein Tor mehr für Schweden erzielt hatte) mussten sie ihre Spielweise auch schon aufgeben.

Weil es nicht mehr reichte, auf Konter, Standardsituationen und den lieben Gott zu hoffen, mussten sie doch nach vorne. Also lösten sie den Libero auf, wie man früher sagte. Aber keine Angst, er wurde nicht in ein Fass mit Salzsäure geworfen, sondern Dellas wurde einfach nur zugunsten des Frankfurter Stürmers Ioannis Amanatidis vom Platz genommen.

Durch das Loch, das da entstand, kam schon zwei Minuten später der Ball zum zweiten Treffer durch Petter Hansson, dem auch noch ziemlich kurios eine kleine Pannenshow im griechischen Fünf-Meter-Raum voranging. Damit war das hellenische Historienspiel vorbei, und man kann annehmen, dass für Griechenland die Reise zur Titelverteidigung sehr früh zu Ende geht. Das Bedauern darüber dürfte sich jedoch nicht nur bei den schwedischen Zuschauern in Salzburg in Grenzen halten.



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