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18. Juni 2010, 19:01 Uhr

Podolski, elf Meter und der Schiedsrichter

Der Prügel-Prinz

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Er war Held des Auftaktspiels, jetzt ist er der Depp der Fußballnation. Lukas Podolski traf gegen Serbien alles, nur nicht das Tor - seinem heillos verschossenen Elfmeter attestierte der "Kölner Prinz" sogar "Schmackes". Das Team sucht sich lieber einen anderen Sündenbock: den Schiedsrichter.

Sie lagen sich schon in den Armen. Als Deutschland in der 60. Minute im Spiel gegen Serbien beim Stand von 0:1 einen Elfmeter zugesprochen bekam, war der Jubel der deutschen Fans bereits groß. Superstar Nemanja Vidic von Manchester United hatte zuvor eine Flanke von Lukas Podolski völlig ohne Not mit der Hand berührt. Ein unerklärlicher Aussetzer.

Die meisten hatten bei ihrem Jubel wohl schon einen triumphierenden Schweinsteiger vor Augen. Schließlich hatte er, der verlängerter Arm des Bundestrainers auf dem Platz ist, zuletzt gegen Bosnien Verantwortung übernommen - und getroffen. Zwei Elfmeter gab es damals für die DFB-Elf, Schweinsteiger verwandelte sogar dreimal, da einer seiner Strafstöße wiederholt werden musste. Dabei wirkte er so abgezockt wie der ehemalige Dortmunder Michael Zorc, der 49 seiner 57 Elfmeter verwandelte.

Und gegen Serbien? Da schnappte sich plötzlich Lukas Podolski den Ball. Ausgerechnet der Spieler, der vorher aus allen Lagen am Tor vorbeigeballert hatte, wollte diesen extrem wichtigen Strafstoß versenken. Podolski, gern auch "Prinz Poldi von Köln" genannt, lief selbstbewusst an, schoss den Ball flach, aber nicht hart genug. Der serbische Torwart Vladimir Stojkovic hatte keine Mühe, den Ball im Fallen zu parieren.

"Eine klare Hierarchie haben wir nicht"

"Ich weiß auch nicht, was die beiden da besprochen haben", sagte ein ziemlich ratloser Löw nach der Partie. Wer die Elfmeter schieße, werde situativ festgelegt, erklärte der Bundestrainer: "Eine klare Hierarchie haben wir da nicht. Es soll der schießen, der sich am sichersten fühlt", sagte Löw.

Es ist müßig zu spekulieren, ob Schweinsteiger den Job besser gemacht hätte, aber ein wenig selbstkritischer darf man einen Fußballprofi nach so einem Schüsschen sicher erwarten. "Der Elfmeter war nicht so schlecht geschossen. Der hatte Schmackes. Der Torwart hat die Ecke geahnt ", ließ Podolski die Welt nach dem Spiel wissen: "Ich bin eigentlich ein sicherer Schütze." Das sah Löw offenbar ganz anders: "Der Elfmeter war nicht gut geschossen und für den Torhüter haltbar."

Statt Selbstkritik suchten einige die Schuld beim Schiedsrichter Alberto Undiano. Der Spanier hatte neben sieben Gelben Karten eine Gelb-Rote gegen Miroslav Klose verhängt. Der Stürmer war bereits in der 13. Minute wegen eines Fouls verwarnt worden. Nach seinem ungestümen Einsatz in einem Zweikampf an der Mittellinie gegen Dejan Stankovic zückte Undiano die Gelb-Rote Karte.

Schweinsteiger kritisiert Schiedsrichterleistungen

"Es war kein böses Foul. Der Schiedsrichter hätte mich auch noch mal ermahnen können, statt Gelb zu zeigen. Fußball ist ein Kampfsport, dazu gehören nun mal auch Zweikämpfe", versuchte Klose sich zu rechtfertigen. Sicher war die Entscheidung hart, doch wer die Schiedsrichter bei den bisherigen WM-Auftritten gesehen hat, hätte wissen müssen, dass deren Hände sehr schnell in die Brusttasche wandern. Sieben Platzverweise hat es bisher in 22 Spielen gegeben.

Im Gegensatz zu Klose scheint Bastian Schweinsteiger diese Beobachtung gemacht zu haben. "In jedem Spiel gibt es hier eine Rote Karte. Das ist ein Witz, das macht doch keinen Sinn", sagte Schweinsteiger nach dem Spiel. Und wetterte trotzdem weiter: "Du kannst nichts mehr machen. Für mich ist das lächerlich. Das zerstört den Fußball. Das macht doch keinen Spaß mehr, in der Champions League würde man darüber lachen." Auch ZDF-Experte Oliver Kahn kritisierte den Unparteiischen: "Das ist ja Wahnsinn, wie schnell man heute Gelb gezeigt bekommt."

Der langjährige Fifa-Schiedsrichter Eugen Strigel kritisierte Undianos Leistung, sagte, Undiano habe "sehr kleinlich gepfiffen. Die Gelben Karten waren ein bisschen übertrieben, die gegen Klose beide überzogen", sagte der DFB-Schiedsrichterlehrwart. Allerdings sprach er auch dem zu ungestümen Klose die nötige Weitsicht ab: "Wenn ein Schiedsrichter so kleinlich pfeift, muss man wissen, wie kritisch das ist, wenn man im Mittelfeld grätscht."

Auf Facebook wurde kurz nach dem Schlusspfiff sogar eine gefälschte Seite unter Undianos Namen eingestellt, die als virtuelle Klagemauer frustrierter deutscher Fans herhalten musste - inzwischen ist sie wieder entfernt, aber die Wut findet im Netz andere Wege (mehr...).

Zahlreiche Beschimpfungen sind weit unter der Gürtellinie. Bundestrainer Löw hielt sich mit seiner Kritik dagegen eher zurück: "Das war kein böses Foul, das zu Kloses Ausschluss führte. Es war grundsätzlich ein faires Spiel." Mehr wollte der Bundestrainer nicht zu diesem Thema sagen. Vermutlich auch, weil er seinen Spielern kein Alibi für den insgesamt schwachen Auftritt bieten will.

Bleibt zu hoffen, dass die Fans im entscheidenden Gruppenspiel am kommenden Mittwoch gegen Ghana (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wieder einen echten Grund zum Jubeln haben.

Mit Material der dpa

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