Pokalchampion FC Bayern Das Mantra des Meisters

Es war ein Titel, vielleicht war dieser Cup-Erfolg sogar der erste Teil des Double-Doubles, der Verteidigung von Meisterschaft und DFB-Pokal. Aber Bayern München konnte mit dem Pflichtsieg gegen Frankfurt nicht überdecken, wie ideenlos die Mannschaft besetzt ist. Und international gibt es seit langem nur noch Lehrstunden.

Von Katrin Weber-Klüver


Es ist nicht leicht, Bayern München zu sein. Man gewinnt immer, muss man aber auch, denn man ist nun mal Bayern München, die große deutsche Fußballmarke. Wenn man immer gewinnt, wird es schwierig, sich noch zu begeistern. Nur für Bayern-Novizen ist das anders, denn ihnen fehlt die Erfahrung des Seriellen von Deutschen Meisterschaften und Deutschen Pokalsiegen und deren Kombination, dem Double. Philipp Lahm sagte am Sonnabend, gerade war Bayern durch einen unauffälligen, unschönen und schmeichelhaften 1:0-Sieg über Eintracht Frankfurt zum 13. Mal, er selbst aber erstmals Pokalsieger geworden: "Für mich hätte das erste Jahr nicht schöner sein können."



Diese Saisonbilanz werden nicht viele Bayern ziehen. Auch die Fans nicht. Pflichtschuldig füllten sie das ausverkaufte Berliner Olympiastadion knapp zur Hälfte, standen stumm herum mit üblichen Siegeserwartungen, hier und da wurde ein Fähnchen gewedelt. Erst als in der 59. Minute das Tor des Tages fiel, nahmen sie den Pflichtjubel über einen Pflichterfolg auf. Tagsüber Ku'damm und Reichstag, abends Olympiastadion und Pokalsieg. So geht das jedes Jahr. Und dieses Jahr war auch noch schlechtes Wetter.

Die großen Gefühle standen dem Bayernblock gegenüber: Links und rechts des Marathontores hatte sich der Frankfurter Anhang zu einer aufwändigen und imposanten Adler-Choreographie in rot-schwarz-weiß formiert, begann die verbale Unterstützung der eigenen Mannschaft weit vor dem Anpfiff und hörte nach dem Abpfiff nicht auf. Das alles hatte nichts mit der Erwartung eines Sieges, schon gar nicht eines sicheren zu tun, sondern mit der Freude, ein großes Ziel erreicht zu haben. Manchmal ist es sehr leicht, Teil eines Vereins zu sein, der ein Fußballzwerg ist. Vor vier Jahren wankte die Eintracht am Abgrund und drohte in den Amateurfußball zu stürzen. Nächste Saison spielt sie Uefa-Cup. Und wenn der Verein am Mittwoch mit einem Sieg über Kaiserslautern den Klassenerhalt schafft, wird dies eine sehr gute Saison gewesen sein.

Einkaufstour im eigenen Land

Bayern München wird spätestens am Wochenende drauf Meister werden. Das ist so gut wie sicher. Und es wird trotzdem eine vermaledeit schlechte Saison gewesen sein. Ja, Bayern hat dann wieder mal das Double geschafft, ja, sogar als erster Verein das Double verteidigt. Oliver Kahn kann man die Freude über diesen kruden Spezialerfolg glauben, denn er beginnt altersweise und -milde zu werden und scheint im Herbst seiner Karriere die Kunst des Genießens zu lernen. Aber von Kahn abgesehen wirkt die mantraartig wiederholte Credo, der Verein schreibe mit diesem Double-Double Geschichte, nachgerade mitleiderregend.

Bayern München gewinnt immer und alles und muss das auch, denn es ist Bayern München, die große deutsche Fußballmarke. Aber Bayern München gewinnt immer und alles nur noch im eigenen Land. Diese Saison eingerechnet: sieben der letzten zehn Meisterschaften, fünf der letzten zehn Pokalfinals. Doch international ist seit dem Champions League-Erfolg 2001 nichts mehr zu holen gewesen. Außer Lehrstunden. Michael Ballack hat keine Ära geprägt. Und am Ende seiner vier Münchner Jahre wird jetzt oft eine Bilanz gezogen, die sich so zusammenfassen lässt: Ballack ist nicht Effenberg. Darauf hätte man zwar schon früher kommen können. Aber offenbar wollte man nicht.

Vielleicht fehlt es auch an Phantasie. Auf der alljährlichen Bayern-Einkaufstour fallen wie üblich lauter Namen aus der Bundesliga. Van Buyten, Lincoln, Podolski. So ist das: Sieht irgendwo in der Liga einer nach Erfolg aus, wird er gekauft. Willy Sagnol, eine der Ausnahmen als Direktimport aus dem Ausland, hat diese wenig kreative Beschränktheit gerade beklagt. Und indirekt auch gefragt, wie produktiv die Verpflichtung von Felix Magath gewesen sei. Ausgerechnet die nationalen Titel haben womöglich verkleistert, dass Magath, der zuvor beim VfB Stuttgart ein munteres Ensemble spiellustiger Jungfußballer betreuen durfte, im internationalen Maßstab weder ein souveräner noch ein moderner Trainer ist. Bayern entwickelt sich unter ihm nicht, und wenn, dann rückwärts.

Bayern München, die große deutsche Fußballmarke, hat vor gar nicht allzu langer Zeit die Idee, die WM im eigenen Land als FC Bayern Deutschland zu gewinnen. Nun kann es passieren, dass eine Nationalelf aufläuft, in der außer Ballack, der dann kein Bayer mehr ist, kein einziger Münchner spielt.

Vielleicht hätte es dem Verein mehr geholfen, den DFB-Pokal nicht zu gewinnen. Denn zu nichts anderem taugt er als zu verkleistern, wie ideenarm, leidenschaftlos, technisch dürftig diese Mannschaft aufgestellt ist. Nun ja, zu fast nichts anderem. Durch die Katakomben des Olympiastadions lief nach dem Spiel Valérien Ismael, um pflichtgemäß kundzutun, wie schön dieser Titel sei. Den realen Pokal hatte er als Beleg dabei, den wunderbaren DFB-Pokal, den einmal zu gewinnen, sich viele Fußballer und Fans erträumen, die meisten ein Leben lang vergeblich. Ismael hatte ihn reduziert auf seinen praktischen Nutzwert: Er transportierte darin seinen Kulturbeutel.



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