Pokalheld Schlaudraff Zaubertor macht Bayern noch heißer

Zufriedene Verlierer und Sieger in Moll. Der spektakuläre Sieg von Alemannia Aachen über den FC Bayern im Achtelfinale des DFB-Pokals führt zu vertauschten Rollen und gibt Hinweise auf die mögliche Zukunft des Jung-Nationalspielers Jan Schlaudraff in München.
Von Christoph Biermann

Noch hatte das Fernsehinterview nicht begonnen. Jan Schlaudraff wartete in eine Decke gehüllt auf den Beginn der Befragung, als die Spieler des FC Bayern an ihm vorbei Richtung Kabine gingen. Die meisten anderen Alemannen hätten sie wohl ignoriert, doch Schlaudraff klopften Roy Makaay, Willy Sagnol oder Mark van Bommel im Vorbeigehen auf die Schulter oder schüttelten ihm die Hand. Daraus sprach ihr Respekt, denn wenige Minuten zuvor hatte der Aachener den FC Bayern mit einem Treffer endgültig niedergerungen, wie ihn nur große Spieler erzielen. Von der linken Außenlinie war Schlaudraff allein gestartet, hatte sich gegen fünf Spieler der Bayern durchgesetzt und zum Endstand von 4:2 (3:0) getroffen. "Nach vorne läuft man leichter als nach hinten", sagte er über dieses sensationelle Tor, was einer der trocken lakonischen Sprüche ist, wie sie der Pfarrersohn gern macht. Ob dieser Treffer einer gegen seinen zukünftigen Arbeitgeber sei, dazu wollte Schlaudraff jedoch nichts Flottes sagen, bekanntlich hat er ein Angebot des FC Bayern vorliegen. Erwiesen ihm nach der Partie seine zukünftigen Mannschaftskameraden die Ehre?

Eine Bemerkung von Uli Hoeneß konnte man jedenfalls so verstehen, dass Schlaudraff, den die Mönchengladbacher Vereinsführung für nicht gut genug befunden hatte, das Angebot des Rekordmeisters möglicherweise bereits angenommen hat. "Das wird er noch teuer bezahlen", sagte der Manager der Bayern mit einem leichten Grinsen über besagtes Tor. Der unausgesprochene Nebensatz hieß: Schlaudraff kann uns doch nicht so düpieren, wo er bald bei uns spielt. Aber Hoeneß sprach ihn nicht aus, sondern druckste plötzlich herum und wechselte eilig das Thema.

Hoeneß hatte nämlich mitzuteilen, dass er trotz des Ausscheidens im Pokal nicht unzufrieden war. "Ich finde es gar nicht so schlimm", sagte Hoeneß, "dann gehen wir auf die anderen Ziele los, man kann nicht ewig auf drei Hochzeiten tanzen." Es waren aber nicht nur solch strategischen Überlegungen, die ihm milde stimmten. Auch mit der Leistung seiner Mannschaft war er insgesamt einverstanden. "Die erste Viertelstunde des Spiels war sogar die beste, die wir dieses Jahr auswärts gespielt haben", sagte Hoeneß.

Bereits nach zehn Minuten hatten die furios kombinierenden Bayern drei große Gelegenheiten herausgespielt. Zur Halbzeit war das Chancenverhältnis 7:4 für den Rekordmeister, nach Toren stand es 3:0 für den Außenseiter. "Wenn man so fahrlässig mit den Chancen umgeht, muss man sich nicht wundern", sagte Hoeneß, "die wollen immer Schönheitstore machen, aber im Pokal muss man mit der Pike reinhauen."

Während die Bayern vorne gelegentlich in Schönheit starben, interpretierte hinten vor allem Lucio seinen Part als Innenverteidiger fast schon bizarr. Der Brasilianer rannte überall herum, nur nicht in der Defensivzentrale und musste sich deshalb schon nach einer halben Stunde einen Anpfiff von Mannschaftskapitän Sagnol anhören. Doch trugen die Bayern durch Schwung nach vorne und Lässigkeit nach hinten viel zu einem der schönsten Fußballspiele bei, das man in diesem Jahr von deutschen Vereinsmannschaften gesehen hatte.

Pokal-Achtelfinale

Paarung Ergebnis
VfL Osnabrück - Hertha BSC 0:3
VfL Bochum - VfB Stuttgart 1:4
Eintr. Frankfurt - 1. FC Köln 3:1 n.V.
1. FC Nürnberg - Unterhaching 2:1 n.E.
K. Offenbach - Burghausen 2:1
Greuther Fürth - Wolfsburg 1:3
Hannover 96 - MSV Duisburg 1:0
Alem. Aachen - Bayern München 4:2

Die Alemannia verdiente sich den Erfolg durch Hingabe und die Fähigkeit, fast ansatzlos zu Toren zu kommen. "Wir haben eine für einen Aufsteiger überragende Torquote", sagte Trainer Michael Frontzeck, Nachfolger des mitten in der Hinrunde zu Hannover 96 abgewanderten Dieter Hecking: "Auch weil die Mannschaft immer an sich glaubt, egal wie es steht und gegen wen es geht." So ist den Alemannen in dieser Saison schon manche Überraschung gelungen, trotz des neuerlichen Coups war die Stimmung jedoch eher gedämpft. Noch war der Jubel um das Stadion Tivoli nicht verklungen, noch hörte man die Jubelgesänge der vom Spiel überwältigen Fans der Alemannia Aachen, als die Väter des Erfolges schon bei der Tonlage Moll angekommen waren.

"Es war in den letzten Wochen etwas komisch, weil sich die Stimmung der Fans gegen eigene Spieler gedreht hat, die eine kleine Durststrecke hatten", sagte Schlaudraff. Aus diesem Grund hätte die Mannschaft gegen die Bayern "für uns ein großes Spiel machen wollen". Und nicht etwa fürs Publikum. Auch Aachens Manager Jörg Schmadtke war durch den Sieg nicht überwältig. "Dadurch wird die Situation doch nur übertüncht", sagte der Manager und schaute so missmutig, als wäre seine Mannschaft gerade achtkantig aus dem Pokal geflogen.

Was Schmadtke "Situation" nannte und "nicht weiter erklären wollte", ist das Anspruchsdenken von Teilen des Publikums, das nach dem guten Start in die Saison entstanden ist. Trotz der besten Platzierung aller Aufsteiger (Rang 13 und vier Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz) hatte es neben dem Gemurre über Spieler im letzten Bundesligaspiel (3:3 gegen den Hamburger SV) sogar "Frontzeck raus"-Rufe gegeben.

Auch vereinsintern rumort es, beim Auswärtsspiel in Dortmund hatten einige Vorstandsmitglieder laut über den Coach gelästert. Frontzeck wollte so nach dem Triumph über die Bayern offensichtlich die Gunst der Stunde nutzen, um das Publikum gleich auf die Rückrunde einzuschwören. "Wir sind nach 34 Jahren erstmals wieder in der Bundesliga und müssen alles geben, um dort im nächsten weiter zu spielen", sagte er, "da müssen alle mitziehen." In der nächsten Saison wird es sowieso schwer genug, ob Jan Schlaudraff nun bei den Bayern spielt oder doch in Bremen.

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