Gruppe C - Polen Endlich wieder ein Star

Große Schlüsselspieler führten Polen zweimal zu WM-Bronze. Jetzt hat das Team wieder einen Superstar: Robert Lewandowski, Stürmer von Weltformat. Die anfällige Defensive trübt jedoch die Hoffnungen.

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Was auch immer im Frankfurter Waldstadion am 3. Juli 1974 gespielt wurde, mit Fußball hatte das wenig zu tun. In der entscheidenden Partie um den Einzug ins WM-Finale kam es zwischen Polen und Deutschland zur "Wasserschlacht von Frankfurt". Die deutsche Elf gewann unter schlicht irregulären Platzbedingungen durch ein Tor von Gerd Müller 1:0. Deutschland wurde später Weltmeister, Polen sicherte sich im Spiel um Platz drei die Bronzemedaille.

Polen, damals eine der technisch stärksten Mannschaften im Turnier, litt besonders unter dem unbespielbaren Rasen und verpasste wohl auch deshalb die Chance auf den ersten großen Titel. Und dennoch ist die WM 1974 in Deutschland zusammen mit der WM 1982 in Spanien, wo Polen ebenfalls Dritter wurde, der größte Erfolg in der Historie dieser Fußballnation.

Dass es so weit kam, lag vor allem an ihm: Grzegorz Lato, 100facher Nationalspieler, zweitbester Torschütze (45 Treffer) und bester WM-Torschütze seines Landes (zehn Treffer), wurde 1974 mit sieben Treffern in sieben Spielen Torschützenkönig. Beim 1:0 im Spiel um Platz drei gegen Brasilien schoss er das einzige Tor des Spiels. Auch 1982 hatte Polen einen überragenden Mann: Zbigniew Boniek, heutiger Präsident des polnischen Fußballverbands, besiegte Belgien in der Zwischenrunde mit drei Treffern fast im Alleingang und führte sein Team anschließend zu Bronze.

Wenig EM-Erfahrung, starke Qualifikation

Ein solcher Erfolg ist Polen bei Europameisterschaften nie gelungen: Nur zweimal nahm das Land überhaupt an der Endrunde teil, 2008 und 2012 war jeweils nach der Vorrunde Schluss. Aber jetzt hat die Mannschaft wieder einen Star: Robert Lewandowski sticht bei der EM in Frankreich noch stärker aus dem Team heraus als Lato oder Boniek es getan haben. Der Bundesliga-Torschützenkönig vom FC Bayern ist zu einem der besten Stürmer der Welt gereift. Mit 27 Jahren hat er bereits 34 Länderspieltore erzielt. Dazu kommt er auf 76 Länderspiele, aus dem EM-Kader hat nur Jakub Blaszczykowski mehr Partien absolviert (78).

Lewandowski hat mit seiner Mannschaft zudem eine vielversprechende Qualifikation gespielt. Die polnische Auswahl verlor nur ein Spiel (gegen Deutschland), erzielte die meisten Treffer (33) aller Teams, Lewandowski war der beste Torschütze (zehn Treffer). Dazu gelang der erste Sieg gegen ein DFB-Team in der Geschichte.

Es gibt aber auch Schattenseiten: So gefährlich die Offensive vor allem dank Lewandowski geworden ist, so anfällig ist die Defensive. Aus der Abwehrreihe spielt nur Lukasz Piszczek von Borussia Dortmund bei einem Verein von internationaler Größe. Das macht sich bemerkbar: Mit zehn Gegentoren in zehn Qualifikationsspielen weist Polen den zweitschlechtesten Wert aller teilnehmenden Teams vor. Bei den Weltmeisterschaften 1974 (5 Gegentore/7 Spiele) und 1982 (5/7) war die Defensive stabiler - trotz deutlich stärkerer Gegner als in der gerade absolvierten Qualifikation.

Und dennoch: In der Gruppe C mit Deutschland, der Ukraine und Nordirland ist das Erreichen des Achtelfinals das klare Ziel für die Mannschaft von Trainer Adam Nawalka, der die Nationalelf seit fast drei Jahren betreut. Klar ist jedoch auch trotz des brillanten Stürmers Lewandowski: Sollte es in Frankreich im Vorrundenspiel gegen Deutschland erneut zu extremen Regenfällen kommen, wäre das für die insgesamt deutlich schwächeren Polen diesmal wohl eher ein Vorteil als ein Nachteil - im Gegenteil zur Wasserschlacht von vor 42 Jahren.

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insgesamt 8 Beiträge
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Besserwizzer 08.06.2016
1. Stürmer von Weltformat??
Für mich ist Lewandowski kein Weltklassestürmer, für die Bayern hat er in der Championsleague ab Achtelfinale nur 2 Tore geschossen. Deshalb sind die Bayern auch nicht weitergekommen. 5 seiner 9 Tore hat er gegen Zagreb geschossen. Heißt für mich gegen gute Innenverteidiger kommt er nicht so zum Zug. Auch bei der EM wird er keine große Rolle spielen.
gegenpressing 08.06.2016
2.
Zitat von BesserwizzerFür mich ist Lewandowski kein Weltklassestürmer, für die Bayern hat er in der Championsleague ab Achtelfinale nur 2 Tore geschossen. Deshalb sind die Bayern auch nicht weitergekommen. 5 seiner 9 Tore hat er gegen Zagreb geschossen. Heißt für mich gegen gute Innenverteidiger kommt er nicht so zum Zug. Auch bei der EM wird er keine große Rolle spielen.
Fairerweise ist Lewa ein unwahrscheinlich gut mitspielender Stürmer. Diese Qualitäten sind beim BVB zur Perfektion ausgebildet worden. Ihn daher nur an den Toren zu messen, greift vielul zu kurz. Er ist ein ganz Großer! Bei Bayern muss man sagen, dass es vor allem auch an Guardiolas Taktik lag, dass Lewa gegen Top Mannschaften eher unauffällig war. Das wurde zuletzt im Sportstudio gut gezeigt. Ballbesitz, Passquote etc. Alles geschenkt, wenn Du dabei keine Gegner überspielst. Bayern kann froh sein, dass Guardiola weg ist.
briancornway 09.06.2016
3. Stars hinter dem Star
Zitat von BesserwizzerFür mich ist Lewandowski kein Weltklassestürmer, für die Bayern hat er in der Championsleague ab Achtelfinale nur 2 Tore geschossen. Deshalb sind die Bayern auch nicht weitergekommen. 5 seiner 9 Tore hat er gegen Zagreb geschossen. Heißt für mich gegen gute Innenverteidiger kommt er nicht so zum Zug. Auch bei der EM wird er keine große Rolle spielen.
"Weltklasse" ist ein sehr relatives Etikett, Er ist aktuell mit der beste Stürmer der Welt, aber mehr auch nicht. Viel wichtiger wird aber die Form von Leuten wie Grosicki und Krychowiak sein.
lordofaiur 09.06.2016
4. Optional
Zitat von BesserwizzerFür mich ist Lewandowski kein Weltklassestürmer, für die Bayern hat er in der Championsleague ab Achtelfinale nur 2 Tore geschossen. Deshalb sind die Bayern auch nicht weitergekommen. 5 seiner 9 Tore hat er gegen Zagreb geschossen. Heißt für mich gegen gute Innenverteidiger kommt er nicht so zum Zug. Auch bei der EM wird er keine große Rolle spielen.
Hier scheint ein wahrer Fußballexperte zu Wort gekommen zu sein. Chapeau!
docsunshine 09.06.2016
5. Wichtiger
als viele Tore gegen einen unbedeutenden Gegner (Zagreb/Wolfsburg) wären die entscheidenden 1:0 oder 2:1-Treffer. Davon bringt er zuwenig, als daß er ein Weltklassemann wäre.
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