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24. Juni 2018, 17:56 Uhr

Polen gegen Kolumbien

Von Lewandowskis Gnaden

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Vor der WM träumten die Polen schon vom Titel. Doch nach der Niederlage gegen Senegal ist die Stimmung umgeschlagen. Nur Robert Lewandowski ist trotz schwacher Leistungen offenbar unantastbar. Noch.

Als Polen 1978 zur WM in Argentinien anreiste, kannte das Selbstbewusstsein keine Grenzen. "Wir wollen den Titel", verkündete der damalige Nationaltrainer Jacek Gmoch. Er sprach damit aus, was im damals sozialistischen Polen viele Parteifunktionäre, Verbandsverantwortliche und auch Fans glaubten. Nach dem Olympiasieg 1972, dem dritten Platz bei der WM 1974 in Deutschland und Silber bei Olympia 1976 sei nun endlich die Zeit für den ganz großen Titel auf der Weltbühne des Fußballs gekommen, hieß es allseits.

Die Ernüchterung kam mit der Zwischenrunde. Gerade mal ein 1:0-Sieg gegen Peru gelang den Polen. Eine Enttäuschung, für die bis heute viele Gmoch verantwortlich machen.

Nach der 1:2-Niederlagegegen Senegal jetzt bei der WM in Russland wird sich Nationaltrainer Adam Nawalka, 1978 eine feste Größe im Mittelfeld der Polen, an jene Tage erinnert haben. Denn auch vor dem Turnier in Russland waren die Hoffnungen groß in seinem Land.

Es sollte großartig werden, es wurde so enttäuschend wie immer

"Es sollte großartig werden, doch es wurde so enttäuschend wie immer" - so lauteten die ernüchterten Schlagzeilen. Denn: Sowohl 2002 in Japan und Südkorea als auch 2006 in Deutschland endete die Weltmeisterschaft für Polen bereits nach der Gruppenphase.

Für Nawalka sind diese Töne neu. In seiner fast fünfjährigen Amtszeit erarbeitete sich der 60-Jährige durch den Sieg gegen Deutschland im Oktober 2014 - dem ersten Sieg einer polnischen Auswahl gegen ein DFB-Team überhaupt - die Qualifikation für die EM in Frankreich, bei der die Polen bis ins Viertelfinale kamen, und das Erreichen der WM in Russland einen Heldenstatus. Viele Medien spekulierten vor dem Turnier gar darüber, in welche starke europäische Liga er nach dem Turnier in Russland wechseln werde.

Mit der durch den Erfolg eingekehrten Ruhe ist es seit der Niederlage gegen Senegal vorbei. Die Kritik an seiner Aufstellung und individuellen Fehlern auf dem Feld haben bei ihm Spuren hinterlassen. "Wir haben nicht vergessen, wie man Fußball spielt", erklärte er zwar trotzig auf der Konferenz vor dem Spiel gegen Kolumbien (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD), die angespannte Stimmung hatte er damit aber nicht überdecken können. Dass anstelle der Stars wie Robert Lewandowski nur Ersatzspieler zu den Pressekonferenzen erschienen, sorgte zusätzlich für Unmut.

Was jedoch bei den öffentlichen Auftritten vor dem entscheidenden Spiel gegen die Südamerikaner deutlich wurde: Nawalka stellt nicht nur sein Spielsystem von 4-4-2 auf das bisher kaum praktizierte 3-4-3 um. Er hat auch mehrere personelle Veränderungen vorgenommen: Kamil Grosicki, Thiago Cionek sowie der langjährige Nationalmannschaftskapitän Jakub Blaszczykowski sind aus der Startelf geflogen.

Unantastbar bleibt natürlich Robert Lewandowski. Ganz deutlich wurde das wieder einmal im Camp der Polen in Sotschi: Zehn Minuten lang diskutierte Nawalka mit seinem Stürmer für alle Kameras sichtbar beim Training. Ob es dabei auch um die heutige Aufstellung ging, wie polnische Medien spekulierten, ist zwar unbekannt. Es war jedoch eine Szene, die zeigte, welchen Einfluss Lewandowski in der Nationalmannschaft hat - mit allen möglichen Freiheiten.

So ließ der Bayern-Star mitten in der Vorbereitung in Polen einen Freund sowie einen Mitarbeiter seines Beraters Pini Zahavi per Hubschrauber in das Mannschaftsquartier in Arlamow einfliegen, wo sich das Trio dann zu Beratungen zurückzog. Für Verwunderung sorgte auch die Berufung von Slawomir Peszko, in Köln den meisten nur wegen seiner damaligen Alkoholeskapaden in Erinnerung. Der Profi von Lechia Danzig spielte keine gute Saison, ist seit der gemeinsamen Zeit bei Lech Posen aber eng mit Lewandowski befreundet.

Wie weit der Einfluss von Polens Rekordtorschütze reicht, musste bereits der ehemalige Nationaltrainer Franciszek Smuda erfahren: Nach der verkorksten Heim-EM 2012 machte Lewandowski in einem Interview allein Smuda für das schlechte Spiel verantwortlich. Seither ist Nawalka im Amt. Über seine schwache Leistung und das der Mannschaft verlor er dagegen kein Wort - damals wie heute nicht.

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