Politiker im Fanblock "Euer Hass macht uns stark"

Berlins Integrationsbeauftragter Günter Piening betritt Neuland - und wagt sich unter hartgesottene Fußballfans. Der Grüne wollte sich selbst ein Bild über ausländerfeindliche Tendenzen und interkulturelles Miteinander verschaffen. Nun ist er entsetzt - und angenehm überrascht.

Von Johannes Kopp


Aufgeschreckt schaut Günter Piening zur Seite. Nur wenige Meter von ihm entfernt brüllt einer aus dem Fanpulk des Berliner FC Dynamo mit wutverzerrtem roten Gesicht auf den Platz: "Kämpfen, nicht diskutieren!" Pienings Gesichtszüge verraten eine Mischung aus Erstaunen und Entsetzen. Er wirkt blass. Mit dem "Kampfspiel" und der organisierten Schreierei, gibt er später zu, könne er wenig anfangen. In seiner Freizeit höre er lieber Free Jazz als Fangesänge.

Politiker Piening: "Eskalationsprozesse auf den Rängen"
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Politiker Piening: "Eskalationsprozesse auf den Rängen"

Für den 57-jährigen Berufspolitiker ist die Welt des Fußballs absolutes Neuland. Doch bei seinem Aufgabengebiet, so Piening, komme er nicht darum herum. Der Mann mit den unschuldigen blauen Knopfaugen ist im Berliner Senat für Integration und Migration zuständig. Seit dieser Saison begleitet der Grünen-Politiker Migrantenclubs der Hauptstadt bei ihren Auswärtsfahrten nach Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern oder eben auch zum Berliner FC Dynamo, der von vielen rechtsradikal gesinnten Fans unterstützt wird. "Ich will mir selbst einen Eindruck über das Ausmaß der fremdenfeindlichen Stimmung machen und den betroffenen Vereinen zeigen, dass man ihre Probleme nicht unbeachtet lässt", hatte Piening bereits vergangenen Herbst angekündigt.

Inzwischen, resümiert er, habe er sein zuvor "holzschnittartiges Bild" von den Zuständen auf den Fußballplätzen durch ein recht differenziertes ersetzen können. Für ihn sei es eine Überraschung gewesen, wie multinational mittlerweile auch brandenburgische Teams aufgestellt sind, weil es ihnen an deutschem Nachwuchs fehle. Selbst der so verrufene BFC Dynamo wird mittlerweile von einem türkischstämmigen Coach trainiert. Die Mannschaft wirbt auf ihrem Trikot für einen türkischen Getränkehändler. Völlig unverständlich findet es Piening deshalb, dass solch ein Team zugleich noch aus rechten Kreisen gesponsert wird. Und er begreift nicht, weshalb die Fans, wie er beim Spiel gegen Türkiyemspor beobachten konnte, ein riesengroßes Transparent aufhängen durften, auf dem in altdeutscher Schrift geschrieben stand: "Euer Hass macht uns stark."

Der BFC Dynamo lasse dadurch bewusst eine aggressionsgeladene Atmosphäre zu. Das seien unzumutbare Zustände für die Vereine mit Migrationshintergrund, so Piening, der zu mehr Aktivität aufruft. "Türkiyemspor", lobt er, "ist ein hervorragendes Beispiel, wie man mit geringen Mitteln gute Integrationsarbeit leisten kann." Der Club stelle eine "Scharnierfunktion zwischen der türkischen Community und der deutschen Gesellschaft" dar. Pienings akademische Ausdrucksweise verrät seine Distanz zum Fußball. Der studierte Soziologe spricht etwa von der "visuellen Präsentation des Stadions" und von "Eskalationsprozessen auf den Rängen" oder bemängelt die fehlende "Anerkennungskultur" gegenüber Migrantenclubs.

Hansa Rostock hat keine Zeit für Piening

Seine Analysen hören sich zuweilen nach schwerer Kost an, aber Piening kann auch sehr konkret werden. Im brandenburgischen Rathenow, berichtet er, mussten die Türkiyemspor-Spieler durch einen schmalen Menschenkorridor in die Kabinen gehen. Eine leichte Handgreiflichkeit eines heimischen Zuschauers hätte beinahe zur Eskalation geführt. Mit einer breiteren Absperrung wäre dies leicht zu verhindern gewesen. Piening möchte der Integrationsbeauftragten des Deutschen Fußball-Bundes, Gül Keskinler, nun einen "erfahrungsdurchtränkten Schwachstellenbericht" schreiben. Er wünscht sich künftig auch in Detailfragen ein konsequenteres Durchgreifen des Verbandes.

Deshalb interessiert sich der ehemalige Journalist bei seiner Stadiontour eben nicht nur für die sogenannten Risikospiele. Vergangenen Sonntag begleitete er Ankaraspor Kulübü 07 nach Rostock zum Reserveteam von Hansa. Bereits vor der Partie erkannte er nach einem Rundumblick: "Das wird wohl ein Wald- und Wiesenspiel." Lediglich 100 Zuschauer bildeten auf einem Nebenplatz der DKB-Arena eine trostlose Kulisse. Es gab keinerlei Anzeichen einer ausländerfeindlichen Stimmung. Diese friedliche Partie, erklärte Piening, habe seine recht vielfältigen Eindrücke des Oberliga-Alltags komplettiert.

Auf der Rückfahrt nach Berlin unterhielt er sich im Mannschaftsbus mit Bülent Göndogdu, dem Trainer des Oberligisten, über die allgemeine Lage der Migranten im Amateurfußball. Die meisten der hinter ihnen sitzenden türkischstämmigen Fußballer wussten gar nicht, wer dieser Herr im weißen Hemd und gestreiften Jackett überhaupt ist. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE schüttelten sie nur ratlos den Kopf.

Der Integrationsbeauftragte von Berlin pflegt eher einen leisen Arbeitsstil. Er sucht vor allem die Gespräche mit den Verantwortungsträgern. Einige von diesen scheinen aber noch gar nicht begriffen zu haben, wie ernst man den Kampf gegen Diskriminierungen auch auf unterster Ebene nehmen muss. Am Sonntag sagten die Verantwortlichen des Bundesligisten Hansa Rostock ihren Termin mit Piening ab. Grund: Die Niederlage der Profimannschaft in Cottbus und der damit näher gerückte Abstieg aus der Bundesliga. Aufgrund von Krisengesprächen war kein Hansa-Angestellter abkömmlich.



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