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Randale im Stadion: Schlagstöcke und Leuchtraketen

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Polizei gegen Ultras Draufhauen statt Dialog

Die Fronten sind verhärtet: Ultras seien für Gewalt beim Fußball, sagt die Polizei und geht immer härter gegen die Fans vor. Die fühlen sich schikaniert und reagieren mit weiteren Provokationen. Sollten die Vertreter nicht zurück an einen Tisch finden, droht die Situation zu eskalieren.

Eis, Wasser und feuchte Lappen wurden massenhaft herbeigeschafft. Zahlreiche Kinder, Jugendliche und Erwachsene saßen auf den Betonstufen der Nordkurve im Stadion von Hannover 96 und versuchten, ihre brennenden Augen zu säubern und zu kühlen. Wenige Minuten zuvor war die Polizei in den Fanblock der Niedersachsen eingedrungen, hatte vor dem Spiel gegen den FC Bayern München (2:1) Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt. Jacken und Rucksäcke wurden nach Pyrotechnik durchsucht.

Leuchtraketen wurden nicht gefunden, es gab aber 36 verletzte Anhänger. Der Einsatz liefert neuen Zündstoff für die Debatte, die seit den jüngsten Vorfällen im DFB-Pokal heftig geführt wird: Haben tatsächlich nur die Fans, vor allem die Ultras unter ihnen, an der derzeitigen Eskalation Schuld?

"Die Fans, die regelmäßig ins Stadion gehen, empfinden die Polizeieinsätze als extrem und unverhältnismäßig", sagt Marco Noli. Der Münchner gehört dem Arbeitskreis Fananwälte an und setzt sich insbesondere für die Rechte von Ultras ein. Gerade die, so Noli, haben in den vergangenen Jahren zunehmend gelitten: Ultras werden bei Auswärtsfahrten häufig schon am eigenen Bahnhof in einem "Wanderkessel" zusammengefasst, bei dem zig Polizisten die Fangruppe einkreisen, sie filmen und in ein extra für sie vorbereitetes Zugabteil verfrachten. "Man kann dann weder etwas zu essen kaufen oder trinken gehen, noch pinkeln oder mal kurz telefonieren", beklagt ein Münchner Ultra.

Strategien wie bei Hooligans

"Den Ultras werden kaum Freiheiten gelassen, sie werden von der ersten Minute an kriminalisiert. Dies führt natürlich dazu, dass sie sich von der Polizei provoziert fühlen", sagt Fanforscher Jonas Gabler. Auch er glaubt, dass die Spannungen zwischen der Polizei und den Ultras größer geworden sind. "Die Ultra-Szene hat sich in den vergangenen sieben bis zehn Jahren sehr gewandelt, die Polizei hat sich aber nicht darauf eingestellt. Stattdessen werden immer noch die Strategien verfolgt, die vor 20 Jahren nützlich waren, um Hooligans zu bekämpfen", sagt Gabler.

Der Fanforscher charakterisiert die derzeitige Ultra-Bewegung als "gesprächsbereit und pragmatisch". Als Beispiel führt er die Debatte um Pyrotechnik an, in der sich die Ultras über Monate in friedliche Diskussionen mit den Fußball-Verbänden, Sicherheitsdiensten und mit Polizeivertretern begeben haben. Erst als sie sich vom DFB hintergangen fühlten, eskalierte die Situation.

Für den Chef der Polizeigewerkschaft GdP, Bernhard Witthaut, sind diese Argumente hingegen Augenwischerei. Er empfindet die Ultras als eine "massive Bedrohung für die Polizei" und hat den Eindruck, "dass es zunehmend mehr gezielte Attacken auf Polizisten gibt".

Witthaut fordert ein striktes Alkoholverbot bei den Anfahrten zu Auswärtsspielen, zudem ein Vermummungsverbot im Stadion und radikalere Stadionverbote für Gewalttäter. "Die verschiedenen Polizeigewerkschaften werben um Kundschaft und übertreffen sich dadurch im Populismus", erwidert Noli und ergänzt: "Die Polizei vermittelt den Eindruck, dass sie die Ultra-Kultur nicht wünscht und einfach abschaffen möchte."

Die Situation ist verfahren, Polizei und Ultras stehen sich unversöhnlich gegenüber, keine der beiden Gruppen möchte der anderen Rechte zubilligen. "Dabei gibt es zahlreiche Problemlösungsstrategien, die aber scheinbar ignoriert werden", sagt Gabler. Eine davon ist der Einsatz von szenekundigen Beamten, die die Ultras namentlich kennen, in ständigem Kontakt mit ihnen sind, sie auch außerhalb des Stadions ansprechen können. "Dass diese aber bei vielen Einsätzen an Spieltagen von den Zugführern der Bereitschaftspolizei nicht ernst genommen werden, ist für uns mittlerweile Alltag", sagt ein Fanbetreuer aus Gelsenkirchen.

Polizei-Übergriff auf Fanbetreuerin

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Fanprojekte und Sozialarbeiter, mit denen die Polizei derzeit kaum zusammenarbeitet: "Manche Beamte wissen gar nicht, was ein Fanprojekt ist", sagt Barbara Paech. Die Fanbetreuerin beim SV Babelsberg 03 ist vor wenigen Wochen von einem Polizisten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit bei einem Auswärtsspiel des Drittligisten auf dem Bahnhof in Jena zu Boden geschlagen worden.

Auslöser soll Paechs Frage an einen Beamten gewesen sein, warum dieser die Personalien eines Mitglieds des Fanprojekts aufnehme. Die Polizei in Jena wollte sich dazu auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern. "Überharter Einsatz der Polizei bleibt häufig unaufgeklärt oder wird justiziabel nicht abschließend verfolgt", sagt Noli. Der Rechtsanwalt fordert Erkennungsnummern an den Polizeiuniformen, Fanansprechpartner bei der Einsatzleitung und eine objektive Kontrolle der Polizei.

Solange dies nicht der Fall ist, versuchen die Ultras sich selbst zu helfen. Seit Ende 2005 existiert die Initiative Fußballfans beobachten die Polizei , auf deren Homepage überharte Polizeieinsätze protokolliert werden. "Wir wollten mit unserer Initiative eine Gegenöffentlichkeit zur allgemeinen Wahrnehmung des ausschließlich randalierenden Fans schaffen", sagt der Sprecher Jakob Roth. Es ist ein Ansatz, der Dialoge und Diskussionen schaffen soll.

Und vielleicht auch eine Möglichkeit für den Runden Tisch am 14. November, bei dem Vereins-, Verbands, und Polizeivertreter sowie Mitglieder der Landesministerien zum Thema "Fangewalt im Fußball" tagen. Bisher sind bei dieser Diskussion keine Fans zugelassen. Ultras sowieso nicht.

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