Porträt Aufstieg und Fall des Christoph Daum


Neuss - In seiner besten Zeit scheute der Fußball-Trainer Christoph Daum selbst den Vergleich mit Jesus Christus nicht: "Er war der beste Vermarkter, den es je gegeben hat. Auch ich sehe meine Aufgabe darin, den Menschen mehr im und vom Leben beizubringen." Ging Jesus einst übers Wasser, so ließ Daum seine Spieler im Training über Glasscherben laufen, um ihre Grenzen auszuloten. Seine eigenen Grenzen hat der Mensch und Trainer Christoph Daum möglicherweise endgültig überschritten.

Die eher freudlose Kindheit verbrachte der Mann, der am 24. Oktober 47 Jahre alt wird, in der Friedhofstraße im Duisburger Arbeiterviertel Beeck. Im Spiel mit den Straßenkindern, allesamt größer und älter als er, verdiente sich Daum Anerkennung durch seinen Ideenreichtum und seine Finessen. "Er wollte schon damals nicht Spieler, sondern Trainer werden", erinnert sich Mutter Christa. Der Vater erlebte den Werdegang nicht mit, er starb bei einem Grubenunglück, als sein Sohn sechs Jahre alt war.

Als Christoph Daum älter wurde, setzte er weiter auf Köpfchen statt auf Muskelkraft. Er machte Abitur, studierte Sport und Englisch und schloss 1980 seine Ausbildung zum Fußball-Lehrer mit der Note "gut" ab. Sein erster Job als Jugendtrainer beim 1. FC Köln war mit 1.500 Mark monatlich dotiert. Im September 1986 übernahm der damals 32-jährige Daum den Cheftrainerposten bei den FC-Profis von Georg Keßler, dessen Assistent er bis dahin war.

Ein gestörtes Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Mannschaft beendete im Juni 1990 Daums Kölner Zeit, in die jener legendäre Sportstudio-Auftritt fiel, bei dem Daum Bayern Münchens damaligen Trainer abkanzelte: "Jede Wetterkarte ist interessanter als ein Satz von Jupp Heynckes." Nur fünf Monate später heuerte der als Lautsprecher der Liga bekannte Coach beim VfB Stuttgart an, den er 1992 zur deutschen Meisterschaft führte. Danach folgte für Daum im Schwabenland ein Abstieg in Etappen. Erst trat er mit Äußerungen über angebliche Doping-Praktiken in der Bundesliga ins Fettnäpfchen, dann unterlief ihm der dilettantische Fehler im Europacup gegen Leeds United, als er einen vierten Ausländer einwechselte und damit das Aus einleitete. Daum "flüchtete" in die Türkei, wo er von 1994 bis 1996 bei Besiktas Istanbul zum Volkshelden wurde. Seine Schwierigkeiten in der Heimat erklärte er mit den Worten: "Ich bin ein Pionier, die haben es immer schwer."

Zur Saison 1996 kehrte Daum in die Bundesliga zurück und sorgte mit Bayer Leverkusen vier Jahre lang für Furore. Nur ein einziger Punkt fehlte am letzten Spieltag der Saison 1999/2000 zur Meisterschaft, als das 0:2 in Unterhaching den großen Traum zerstörte. Dokument des sportlichen Desasters waren die Fotos von Christoph Daum, der im Kabinengang seinen weinenden Sohn Marcel tröstete. Sie zeichneten ein anderes Bild des Mannes, der einst seine Stuttgarter Spieler zum bewussten Foulspiel aufgefordert haben soll: "Wenn einer wieder so aufzieht, dann haut ihm aufs Maul."

"Etwas, das ich mir nicht vorstellen kann und das hoffentlich nie eintreten wird" hat Christoph Daum einmal als das größtmögliche Unglück in seinem Leben bezeichnet. "Hinterlistigkeit" verabscheue er zutiefst, und "Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit" schätze er als menschliche Eigenschaften am allermeisten. Als sein Lebensmotto gab er an: "Fallen ist keine Schande, aber Liegenbleiben."

Von Angela Bern, sid



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