Ex-Bild-Kolumnist Merkel Prokura zum Weiterfeiern

Viele Jahre lang testete Max Merkel in der "Bild"-Zeitung die Bundesliga: "Beruf Sohn" oder "Volltreffer - bei der Damenwelt", für viele Profis gab es einen deftigen Spruch, fast immer ging es um Frauen oder Alkohol. Das Magazin "11FREUNDE" mit einer Würdigung seines Gesamtwerks.

Ex-Bild-Kolumnist Merkel: Alkoholiker, Heißsporne und Weiberhelden
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Ex-Bild-Kolumnist Merkel: Alkoholiker, Heißsporne und Weiberhelden


Große Künstler werden oft nach ihrem Ableben angemessen gewürdigt. Van Gogh zum Beispiel, Tupac Shakur, Karl Marx. Und hoffentlich demnächst auch Max Merkel, Wiener, Meistertrainer und vor allem Kolumnist. Denn wer heute noch einmal die Texte, die Merkel seit den frühen achtziger Jahren für die "Bild"-Zeitung schrieb, hervorkramt, der wird darin eine seltene, heute weitgehend ausgestorbene literarische Gattung entdecken: die textgewordene Operette.

Die ist ja, folgt man der lexikalischen Definition, in ihrer musikalischen Form ein Kunstwerk der leichten, eingängigen Form, gepaart mit einer heiteren oder sentimentalen Handlung und gesprochenen Dialogen zwischen den Musiknummern. Und exakt so war auch Merkels Kolumne.

Die Konstruktion war simpel. In den letzten zwei Wochen vor Saisonstart hechelte Merkel, kräftig unterstützt durch "Bild"-Redakteur Bernd Stubmann, alle Mannschaften der ersten Liga durch. Was von der Aufmachung daherkam wie ein seriöser Formcheck und stets mit einer Art Zeugnis garniert war, in dem Merkel Bälle für Abwehr, Mittelfeld und Sturm verteilte, war in Wirklichkeit ein steter Fluss von Lästereien, Indiskretionen und düsteren Prophezeiungen für den weiteren Saisonverlauf.

Dass diese auf den ersten Blick eher unverdauliche Mixtur nicht kleinkariert oder gar bösartig wirkte, war dem durchgehend heiteren Ton der Kolumne zu verdanken. Sie erweckte erst gar nicht den Eindruck, in Saufereien oder Frauengeschichten mehr als lässliche Sünden zu sehen. Operette halt.

Überall nur Alkoholiker, Heißsporne und Weiberhelden

Merkel ging es eh nicht um den Fußball als Sport. Auf die Analyse von taktischen Formationen legte er keinen Wert. Nein, für Merkel war der Fußball wie das ganze Leben ein unterhaltsamer Formationstanz charakterlicher Defizite. Überall nur Alkoholiker, Heißsporne, Weiberhelden.

Oft nur eine Zeile brauchte Merkel, um einfühlsame Porträts zu schreiben. Zu Hochform lief er insbesondere bei seinen geliebten Erzfeinden wie Ernst Happel ("Beethoven in der Endphase") und Otto Rehhagel ("Früher hatte er Mühe, Omelett von Hamlet zu unterscheiden") auf. Aber selbst die grauen Mäuse der Liga ging er an. Meisterhaft, wie er den Karlsruher SC der frühen Achtziger als Ansammlung von Schönlingen und Frauenhelden charakterisierte. Jeder bekam sein Fett weg, ob Uwe Dittus ("Beruf Sohn"), Max Hagmayr ("Volltreffer - bei der Damenwelt"), Michael Harforth ("Zieht mit seinem Björn-Borg-Haarschnitt die Hasen ins Stadion") oder Rolf Dohmen ("Falls Sie übrigens mal schnell einen Fön brauchen, Dohmen fragen!").

Neben der Damenwelt hatten Merkels Texte als zweiten Schwerpunkt die ständige Sauferei in der Liga. Nicht, dass er herummoralisiert hätte. Seit er als Trainer bei 1860 Alkoholiker und Abstinenzler gegeneinander kicken ließ und den siegreichen Alkoholikern anschließend Prokura zum Weiterbechern gab, kleidete er seine Ratschläge in ein fürsorgliches Gewand. Allerdings nicht ohne zumindest das Lieblingsgetränk anzudeuten, wie im Falle von Dortmunds Coach Lattek: "Der Udo sollte nicht soviel auf Sieg wetten, sondern lieber seinen geliebten Aquavit herunterspülen", während Horst Wohlers offenbar flüssige Hausmannskost bevorzugte: "Nur schade, dass ihn der Ischias so zwickt. Mein Tip: Vor allem Pilskneipen meiden, in denen es zieht!"

"Mario Basler ist die teuerste Parkuhr der Welt"

Für die Kolumne empfohlen hatte sich Merkel durch seine Amtsführung als Bundesligatrainer. Schon als Coach war er hart gewesen, nicht gegen sich selbst, aber gegen andere. Legendär, wie er einmal seine Spieler ausdauernd den Kopf von links nach rechts schütteln ließ und als er nach Sinn und Zweck der Übung gefragt wurde, antwortete: "Damit ihr wisst, was ihr antworten müsst, wenn man euch fragt, ob ihr Fußball spielen könnt."

Bei der "Bild"-Zeitung war man ausnehmend zufrieden mit der Entwicklung von Merkels Kolumne. Denn der früh pensionierte vierfache Meistertrainer (Rapid Wien, 1860 München, 1. FC Nürnberg und Atlético Madrid) fand schnell zum unverwechselbaren Ton, der ihn dann über Jahrzehnte begleiten sollte.

Erst dem Spätwerk Merkels ab 2000 fehlte dann ein wenig der Biss der Anfangszeit. Was weniger daran lag, dass der Wiener den Lästereien entsagt hatte. Stattdessen hatte sich das Fußballgeschäft gewandelt. An der Seite der Fußballprofis tummelten sich nun Anwälte und Spielerberater, die bei auch nur dezent angedeuteten Affären und Promillefahrten schnell mit dem Gang vor den Bundesgerichtshof drohten. Dementsprechend zahnlos wurde die Kolumne.

2006 starb Max Merkel 87-jährig in Putzbrunn bei München. Die Älteren mochten sich an seine sportlichen Erfolge erinnern, für die breite Öffentlichkeit war Merkel der unterhaltsame Grantler vom Boulevard. Und als solcher hatte er hellsichtig auch seinen Nachfolger schon frühzeitig treffend charakterisiert. "Mario Basler ist die teuerste Parkuhr der Welt", war der Kolumnist kurzzeitig in den Straßenverkehr gewechselt - um dann humorig abzuschließen: "Er steht rum, und die Bayern stopfen das Geld rein." Das sollte sich nicht ändern. Nur dass nun nicht mehr der FC Bayern, sondern die "Bild"-Zeitung fleißig Geld nachwirft.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
TS_Alien 09.08.2012
1. War schon eine tolle Zeit.
Max Merkel war eine Klasse für sich. Heutzutage gibt es solche Sportjournalisten (im Fussball) nicht mehr. Auf Linie gebracht, sich anbiedern, wachsweiche oder dümmliche Fragen stellen, keine eigene Meinung haben bzw. die eigene Meinung nicht kundtun - so sind die Sportjournalisten heute.
hapeme 09.08.2012
2. Danke!
Eine wirklich tolle Persönlichkeit dieserMax Merkel! War er nicht auch der Bundesligatrainer, dermit seiner Mannschft (Nürnberg) Meister wurde und sofort darauf abstieg?
michelangelo1810 09.08.2012
3. MM, du warst Spitze
Kaum zu glauben, dass Max jetzt schon wieder 6 Jahre nicht mehr unter uns weilt. Ein Ähnlicher wie er kommt nie mehr wieder: Freche, zutreffende Sprüche von einem Mann mit Rückgrad und Chuzpe! Wenn ich da an Waldi denke - mei, wird mir schlecht!
junghorst1 09.08.2012
4. Er war ein Ekel
Max Merkel hatte nicht zuletzt auch dadurch Erfolg, dass seine Clubs bereit waren, bereits damals viel Geld für teure Spieler zu investieren. Nach den Erfolgen verschwanden die Clubs in die Mittelmässigkeit und der "Club" stieg nur ein Jahr nach der Meisterschaft ab. Man sollte vielleicht auch einmal den Ex-Löwenspieler Jimmy Hartwig fragen, was der mit diesem Trainer erlebt hat.
unter_linken 09.08.2012
5.
Zitat von hapemeEine wirklich tolle Persönlichkeit dieserMax Merkel! War er nicht auch der Bundesligatrainer, dermit seiner Mannschft (Nürnberg) Meister wurde und sofort darauf abstieg?
So war es. Unter anderem ein Grund dafür dass sich in Nürnberg das Sprichwort bildete "Der Glubb is a Depp!".
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