Ex-Rostock-Profi Hansen Vom Fußballplatz ins Zeugenschutzprogramm

Er galt als einer der besten Jugendspieler Deutschlands, debütierte mit einem Tor gegen die Bayern. Später saß Kevin Hansen im Gefängnis, weil er Mitwisser beim größten Drogendeal in der deutschen Geschichte gewesen sein soll. Das Magazin "11FREUNDE" über einen ungewöhnlichen Fußballer.
Ex-Profi Hansen: Ein Spieler, zwei Geschichten

Ex-Profi Hansen: Ein Spieler, zwei Geschichten

Foto: imago

Wenn Kevin Hansen den Ball über das Feld führt, sieht das ein wenig so aus wie früher bei Günter Netzer. Er spielt tödliche Pässe aus dem Fußgelenk und schießt gefühlvolle Freistöße. Ohne Ball bewegt er sich kaum. Hansen ist 34 Jahre alt - nach zehn Operationen und einem kräftezehrenden Leben hat er einen kaputten Körper.

Heute spielt er für Hamm United, einen Club im Osten Hamburgs, Landesliga. Das ist ziemlich weit unten für einen, der früher als einer der besten Jugendspieler Deutschlands galt. Ganz oben war er am 34. Spieltag der Saison 2001/2002. Damals gelang Hansen im Trikot von Hansa Rostock in seinem ersten Profieinsatz ein Treffer gegen den FC Bayern, und als er nach dem Spiel mit seinem Vater telefonierte, konnte der kaum reden, denn er weinte vor Freude.

Das ist die eine Geschichte. Sie endet mit diesem Glücksmoment am 4. Mai 2002, noch bevor sie richtig angefangen hat.

Die andere Geschichte ist eine von falschen Entscheidungen und Pechmomenten. Sie beginnt acht Monate nach dem Tor gegen Oliver Kahn, am 25. Januar 2003.

Hansa spielt an diesem Tag gegen 1860 München, und Hansen gelingt nichts. Nach 20 Minuten steht es 0:3, nach 36 Minuten nimmt ihn Trainer Armin Veh vom Feld. "Mir fehlte manchmal das Selbstbewusstsein", sagt Hansen heute. "Streck mal die Brust raus!", sagt Veh damals häufig. Hansen gibt im Training alles, doch in den kommenden Wochen muss er wieder bei der zweiten Mannschaft ran. Im Februar 2003 geht er bei einem Spiel auf einem gefrorenen Nebenplatz zum Kopfball hoch, und als er landet, hört er es knacken. Der Knöchel ist gebrochen.

Erst Isolationshaft, dann Zeugenschutzprogramm

Hansen lässt sich monatelang behandeln, doch die Schmerzen verschwinden nie mehr. Ein paar Mal spielt er noch für Hansa in der zweiten Liga, er versucht einen Neuanfang in Aue, doch nach der zehnten Operation ist Schluss, Hansen ist 28, als er nach Hamburg zurückkehrt.

In dieser Zeit lernt Hansen Costa F. kennen. Die jungen Männer verstehen sich gut und weil Costa ein wenig außerhalb von Hamburg wohnt, lässt Hansen ihm einen Schlüssel für seine Wohnung nachmachen. "In unserem Freundeskreis wussten wir, dass er mal ein krummes Ding gedreht hat, doch wir dachten, die Zeit sei vorbei", sagt Hansen. 2006 hatte Costa wegen Erpressungsverdacht in Untersuchungshaft gesessen.

Eines Tages kommt Costa zum Clubheim von Hamm United. Er flüstert Hansen ins Ohr: "Zu hause liegt eine Tasche voller Geld." Hansen schaut ein wenig irritiert, doch erst als er zu Hause die Schranktür öffnet, versteht er, was Costa gemeint hat. "Das war ein Millionenbetrag", sagt Hansen. Als er Costa fragt, was es mit dem Geld auf sich habe, antwortet der: "Wenn das schiefgeht, hast du damit nichts zu tun." Hansen nickt. "Ich war viel zu naiv", sagt er heute.

Am Morgen des 12. April 2010 wird Hansen unsanft geweckt. Er liegt mit seiner Freundin im Bett und guckt auf acht Männer vom Mobilen Einsatzkommando, die ihre Gewehre auf ihn richten. "Das war der schlimmste Tag in meinem Leben", sagt er. Hansen kommt in Isolationshaft, danach in ein Zeugenschutzprogramm, denn er hat sich entschieden auszusagen. Zeitgleich erfährt er die Details seiner Geschichte aus der Zeitung. Er liest, dass Costa der Kopf einer Drogenbande ist, die bei der Polizei unter dem Namen "Paraguayos" firmiert. Und dass Fahnder auf einem Frachter aus Paraguay 1,33 Tonnen Kokain sichergestellt haben. Verkaufswert: 40 Millionen Euro.

Es ist der größte Drogenfund in der Geschichte Deutschlands - und Kevin Hansen soll den Deal mitorganisiert haben. "Warum hätte ich da überhaupt mitmachen sollen?", fragt er heute. "Ich hatte keine Geldsorgen." Die Staatsanwaltschaft glaubt ihm nicht, sie vermutet, dass Hansen ein Doppelleben führte. Häufig stehen nun Reporter vor der Wohnung seiner Eltern. Einige machen Hansen, der für zwei Jahre ins Gefängnis muss, zum Chef der Bande. "Ich war am Durchdrehen", sagt er. "Ich habe mich gefragt, was draußen vorgeht."

Seit Ende 2012 ist Hansen frei. Er macht eine Umschulung zum Bürokaufmann, es geht um Steuersachen, Hansen mag seine Kollegen, den Job aber nicht. Manchmal spürt er die Blicke seiner Mitmenschen. "In der Berufsschule habe ich gesagt: Fragt, wenn ihr was wissen wollt." An den Wochenenden spielt er wieder für Hamm United, dort haben sie ihm seine Nummer 14 reserviert.

Manchmal ist es dort wie früher, wenn der Schiedsrichter auf Freistoß entscheidet. Dann legt sich Hansen den Ball zurecht und zirkelt ihn an der Mauer vorbei. Neulich, gegen den Club Kosova, hat er ein Tor vorbereitet und eines selbst gemacht. Einfach so, aus dem Fußgelenk.

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