SC-Trainer Streich Freiburgs Freigeist

Schalke geschlagen, den Bayern und Bremen einen Punkt abgetrotzt: Freiburgs neuer Trainer Christian Streich ist stark gestartet. Der 46-Jährige gilt als guter, aber emotionaler Pädagoge, der auf junge Spieler setzt. Dabei hatten einige im Verein ihm den Job nicht zugetraut.

DPA

Christian Streich hat das Angebot aus München ausgeschlagen. Es sei noch zu früh, um einer Einladung aus der bayerischen Landeshauptstadt zu folgen, ließ der Freiburger Coach die Redaktion der TV-Gesprächsrunde "Sky 90" wissen. Auch in dieser Woche stapeln sich wieder die Interviewanfragen auf der SC-Geschäftsstelle. So viel Interesse an einem Angestellten gab es an der Dreisam zuletzt, als Volker Finke 2007 nach 16 Jahren gehen musste.

Wie aber erklärt sich der Rummel um den Trainer eines Tabellen-Vorletzten? Ist es die Bilanz von neun Punkten aus acht Partien, die der SC zusammengeklaubt hat, seit Streich übernahm? Der Sieg gegen Schalke, die Punkte gegen Bremen, Bayern und Gladbach? Die Chance, mit einem Sieg beim Hamburger SV am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zum ersten Mal seit dem achten Spieltag die Abstiegsränge zu verlassen? Sicher auch. Vor allem aber wohl die Tatsache, dass der SC einen Trainer gefunden hat, der schon nach wenigen Wochen mehr Neugier weckt als mancher Kollege nach Jahren.

Menschen, die Streich zum ersten Mal erleben, finden ihn zuweilen schräg - was wiederum die wundert, die ihn länger kennen. Ist es das eindringliche Sprechen? Der alemannische Dialekt, der den Menschen trotz Joachim Löw fremd ist? Oder dieser Blick, der das Fußballmagazin "11FREUNDE" an Jack Nicholson erinnerte? Ein bekanntes Foto des US-Schauspielers zeigt ihn in einer Filmszene aus "Shining". Als Wahnsinniger bricht er eine Tür auf und versucht, seine Familie zu ermorden.

Es ist also ein eher zweifelhaftes Kompliment, mit Nicholson verglichen zu werden. Andererseits: Schauspieler gibt es wie Sand am Meer. Aber nur wenige Charakterdarsteller. Nicholson ist einer der profiliertesten.

Streich nicht der Einzige mit dem Nicholson-Blick

Außerdem scheint Fußball den Jack-Nicholson-Blick vor allem bei denjenigen Menschen hervorzurufen, die besonders ehrgeizig sind. Thomas Müller hat jüngst ausgesprochen "Shining"-artig geschaut, als er sich mit Jérôme Boateng in die Wolle bekam. Oliver Kahn hat selten anders geguckt. Und auch von Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder selbst Lucien Favre kennt man es: das Flackern im Blick, das nur dann ins Auge schießen kann, wenn ein Mensch reine Emotion ist.

Nach Abpfiff ist Streich jedenfalls ein aufmerksamer, vollkommen sanfter Mensch, dessen vielleicht herausragendste Eigenschaft seine Neugierde ist.

Streich hat auf dem zweiten Bildungsweg Abitur gemacht, um danach ein Lehramtsstudium anzuschließen. Unter Teambuilding versteht er mehr als eine Raftingtour im Trainingslager. "Persönlichkeit" ist ein Begriff, der bei Streich oft fällt. Von "Haltung" spricht der langjährige Leiter der Freiburger "Fußballschule" so oft, dass man nachfragen muss. Und er erklärt: "Jemand, der seine Stärken und Schwächen erkennt, angemessen in der Gruppe damit umgeht."

Die Verantwortlichen trauten Streich den Posten zunächst nicht zu

Allerdings: Temperament hat Streich fraglos. Schon als Trainer der A-Jugend bekam mancher Zuschauer Angst um die Gesundheit des Mannes, der da unten an der Seitenlinie litt und tobte. Als feststand, dass Robin Dutt nach Leverkusen gehen würde, schien Streich der prädestinierte Nachfolger zu sein. Doch dann wurde es Marcus Sorg.

Mancher Verantwortliche beim SC hatte Angst, der zuweilen unbeherrschte Fußballlehrer sei nicht geschaffen für eine Bühne, auf der jedes Wort und jede Geste für Schlagzeilen sorgen kann. Sie haben sich getäuscht: Streich reagiert nicht cholerisch, sondern ironisch, wenn ihn eine Frage provozieren soll. Und sportlich läuft es sowieso besser als unter dem Ende Dezember entlassenen Sorg.

Streich, der seit 17 Jahren als Trainer beim Club arbeitet, glaubt allerdings zu wissen, dass die Fans auch einen Abstieg akzeptieren würden, wenn die Spieler alles getan haben, um ihn zu verhindern: "Wenn wir heute nicht gewonnen, aber genauso gespielt hätten", hat er nach dem 2:1-Sieg gegen Schalke gesagt, "dann wären unsere Zuschauer genauso zufrieden."

Das mag sogar stimmen. Wie sein Hinweis stimmt, dass man den zahlreichen jungen Spielern, die er an den Kader herangeführt hat, Fehler zugestehen muss. Und dennoch zeigt beides, dass Streich ein typischer Freiburger Trainer ist. Bei einem Club, der die Arbeit seines Coachs nur an Punkten und Toren festmacht, hätte er wohl seine Probleme. Wahrscheinlich würde er dort aber auch nicht anheuern.

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kingston007 18.03.2012
1. Er wird immer besser...
mehr ist bis jetzt noch nicht zu sagen Danke für den Ausführlichen Artikel!
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