EM-Sieg gegen Wales Defensiv ins Finale - dafür muss sich Portugal nicht schämen

Viele stöhnten über den defensiven Fußball der Portugiesen, doch nun steht die Seleção im EM-Finale - und das völlig verdient. Alles Wichtige zum souveränen Erfolg gegen Wales.

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Ausgangslage: In diesem Spiel ging es bereits um einen Titel: Vize-Europameister. Zumindest wenn man vielen Analysen im Vorfeld der beiden EM-Halbfinalspiele glauben sollte. Wales? Sympathischer Außenseiter, auch, weil Superstar Gareth Bale mitspielt. Portugal? Ungeliebter Außenseiter, auch, weil Superstar Cristiano Ronaldo mitspielt (und weil es noch keinen Sieg in der regulären Spielzeit gab). So war die allgemeine Lesart, wobei es bei den Portugiesen eine bemerkenswerte Schieflage in der Bewertung einer guten Defensive und fehlender Attraktivität gibt. Und im Finale gegen Deutschland oder Frankreich wäre Portugal sowieso ohne Chance.

Das Ergebnis: Portugal zieht mit einem 2:0-Sieg ins EM-Finale ein (hier geht es zum Spielbericht).

Moderner Flitzer: Die Uefa will nach Abpfiff keine Spielerkinder mehr auf dem Rasen sehen. In der Schaltzentrale in Nyon dürfte schon das nächste Verbot geplant werden. Von den Choreografie-Mitgliedern machten sich zwei Ronaldo-Fans selbstständig. Der eine schnappte sich den Portugiesen für ein Selfie, der andere schummelte sich auf das Mannschaftsfoto der Seleção. Ronaldo nahm es mit Humor.

Die portugiesische Start-Zwölf
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Die portugiesische Start-Zwölf

Startformationen
Portugal: Patrício - Cédric, Alves, Fonte, Guerreiro - Mário, Danilo, Sanches, Silva - Nani, Ronaldo.
Wales: Hennessey - Gunter, Chester, Collins, A. Williams, Taylor - Allen, Ledley, King - Robson-Kanu, Bale.

Wichtige Ausfälle: Beide Mannschaften mussten auf jeweils zwei Stammspieler verzichten. Bei Portugal fiel kurzfristig Innenverteidiger Pepe aus, zudem musste der gelbgesperrte William Carvalho zuschauen. Auch bei Wales fehlten zwei Profis gesperrt, wobei - nichts gegen Ben Davies - nur Spielmacher Aaron Ramsey in die Kategorie "unverzichtbar" gehört.

Erste Halbzeit: Wurde nach 45 Minuten abgepfiffen.

Duell der Top-Stars I: Ronaldo hätte nach zehn Minuten einen Elfmeter bekommen können, als James Collins seinen Klammergriff eigentlich zu spät löste. Schiedsrichter Jonas Eriksson entschied anders. Ansonsten machte Bale, Ronaldos walisischer Teamkollege von Real Madrid, den etwas aktiveren Eindruck, löste einige Male die portugiesischen Mannorientierungen auf. Der einzige Schuss auf ein Tor kam auch von Bale, war aber kein Problem für Torhüter Rui Patrício.

Der Scholl-Faktor: Mehmet Scholl hatte sich vor dem Spiel für die Art und Weise, aber nicht den Inhalt seiner Kritik an Urs Siegenthaler entschuldigt. Das hinderte den ARD-Experten aber nicht, die nächste merkwürdige Äußerung zu tätigen. Den nicht gepfiffenen Ronaldo-Elfmeter hätte man geben können, aber laut Scholl nicht in einem EM-Halbfinale. Der Schiedsrichter wisse ja auch, "dass es mit einem 1:0 für Portugal ein ganz anderes Spiel wird".

Zweite Halbzeit: Entschied das Spiel. Für Portugal. In der regulären Spielzeit. Nach einer Flanke des Neu-Dortmunders Raphael Guerreiro traf Ronaldo per Kopf zur Führung (50. Minute), Nani erhöhte nur drei Minuten später. Wales drängte in der Folge auf den Anschlusstreffer, was Portugal mehr Räume bot. Die Partie wurde attraktiver, weil beide Mannschaften ihre taktischen Fesseln lösten.

Gareth Bale gratuliert Cristiano Ronaldo
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Gareth Bale gratuliert Cristiano Ronaldo

Duell der Top-Stars II: Bale war auch nach der Pause gut, aber Ronaldo entschied dieses Halbfinale mit einem Tor und einer Vorlage. Ganz nebenbei zog er in der ewigen EM-Torschützenliste mit Michel Platini gleich, beide haben nun neun Tore erzielt. Und wer sich über Frisuren oder Freistöße aufregen möchte, dem sei dieser Kommentar ans Herz gelegt.

Erkenntnis: Portugal steht im Finale, trifft dort auf den Sieger des zweiten Halbfinals zwischen Deutschland und Frankreich am Donnerstag (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF). Geschafft hat das die Seleção mit gut durchdachtem Defensivfußball - wofür sich niemand schämen muss.

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