Portugal Siegeszug der "Goldenen Generation"

Torwart Vitor Baia, Superstar Figo und all die anderen Asse - Portugal ist nach dem Sieg über die Türkei der Geheimfavorit schlechthin bei dieser Euro. Tiefgestapelt wird längst nicht mehr.


Vitor Baia, Portugals Keeper
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Vitor Baia, Portugals Keeper

Amsterdam - Deutschland demontiert, die Türkei abserviert - die munteren Festspiele der portugiesischen Spaß-Fußballer gehen bei der Euro auch in der K.o.-Runde offenbar mühelos weiter. Nach dem für Viertelfinal-Neuling Türkei noch schmeichelhaften 2:0 (1:0)- Sieg des Geheimfavoriten am Samstag in Amsterdam schielen die Techniker um den überragenden Wegbereiter Luis Figo und "Shooting Star" Nuno Gomes nun nach dem erstmaligen Gewinn der EM- Krone.

"Der Einzug ins Halbfinale ist das Ergebnis langfristiger Arbeit. Es ist der Erfolg einer verschworenen Gruppe, deren Ziel der Titel ist. Wir sind bereit für eine weitere Turnierwoche", sagte Trainer Humberto Coelho, der vier Tage nach dem 3:0 gegen Deutschland wieder sein auf sieben Positionen verändertes A-Team aufgeboten hatte.

Auch Luis Figo, der die Türken fast nach Belieben schwindlig spielte und die Vorarbeit zu beiden Gomes-Toren (44./56.) leistete, hielt sich mit dem Viertelfinal-Jubel nicht lange auf. "Wenn man im Halbfinale steht, will man auch ins Finale. Wir sind jetzt näher an unserem Ziel", sagte der wie gegen England (3:2) erneut als "Spieler des Spiels" ausgezeichnete Barcelona-Legionär. In der Heimat genügte der "Correia da Manha" ein Wort für den Auftritt des Super-Stars: "Figomenal".

Vier Spiele, vier Siege - die makellose EM-Bilanz lässt auch Eusebio auf den großen Wurf seiner Erben hoffen. "Diese Mannschaft glaubt an sich", sagte Portugals Star der 60er Jahre. Gelassen konnte die "Goldene Generation" am Sonntag auf ihren Halbfinal-Gegner warten. Coelho gab Weltmeister Frankreich als Wunschgegner den Vorzug vor Spanien, "da ich mit einer Französin verheiratet bin".

Der zweite Einzug in ein EM-Halbfinale, 16 Jahre nach der EM in Frankreich, war für den Deutschland-Bezwinger nur in den ersten 45 Minuten eine hektische Angelegenheit. Drei Schlüsselszenen brachten den Favoriten auf die Siegerstraße: Alpays unentschuldbarer Fausthieb gegen Fernando Couto dezimierte die Türken frühzeitig (29.). Gomes verwertete in der 44. Minute endlich die vierte Großchance seiner Mannschaft. Und in der Nachspielzeit parierte Vitor Baia einen Foulelfmeter von Arif.

Mit Ehefrau Alexandra am Arm verließ der 30-Jährige Torhüter später das Stadion und verkündete stolz: "Wir sind dabei, unsere Namen in die brillantesten Seiten der portugiesischen Fußball- Geschichtsbücher einzutragen." Der Gastgeber der nächsten EM verfügt bereits im Sommer 2000 über die Qualitäten eines Champions. "Spielerisch, technisch und physisch sind wir reif für den Titel. Und auch psychisch sind wir sehr gefestigt", meinte Coelho selbstbewusst.

Die erfahrenen Asse wie Figo sind rechtzeitig in Topform, und ein "Nobody" wie Nuno Gomes vom Heynckes-Club Benfica Lissabon startet plötzlich durch wie eine Rakete. "Ich habe einen Lauf", jubelte der 23-Jährige, der als Ersatzmann zur EM anreiste und vorher in zwölf Länderspielen noch nie getroffen hatte. Nun ist Gomes mit drei Toren sogar ein ernsthafter Anwärter auf die Torjäger-Krone. "Ich bin stolz über meine zwei Tore heute, aber ich hätte noch mehr erzielen können", sagte Gomes. Die Chancenverwertung war in der Tat das einzige Manko. Die Laune trübte es jedoch nicht. "Wir hätten auch 6:0 gewinnen können. Aber wir haben uns Tore für das Halbfinale aufgespart", scherzte Mittelfeldspieler Costinha.



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