Portugal-Spiel Deutsches Team will Trainersperre rächen

Kraft gegen Technik, Kampfgeist gegen Eleganz: Die Ausgangssituation des deutschen Teams vor dem Viertelfinale gegen Portugal erinnert an frühere Zeiten. Deutschland hofft auf einen Motivationsschub durch die Sperre für Trainer Löw - der jetzt Änderungen in der Mannschaft angekündigt hat.

Aus Tenero berichtet


Trainer Löw (l.), Mannschaft: "Korrekturen sind einfach vonnöten"
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Trainer Löw (l.), Mannschaft: "Korrekturen sind einfach vonnöten"

Ist das Angst in seiner Stimme? Oder doch das ehrlich empfundene Mitgefühl für die Situation des Kollegen? Als Luiz Felipe Scolari, dieser immer Trainingsanzug tragende Trainer der Portugiesen, auf der Pressekonferenz vor dem Viertelfinale gegen Deutschland auf die Sperre des Bundestrainers angesprochen wird, sagt er: "Wenn ich etwas bei der Uefa zu sagen hätte, würde ich alles versuchen, diese Sperre aufzuheben. Ich will, dass Joachim Löw am Donnerstag auf der Bank sitzt und seine Spieler betreut."

Wie Scolari haben gestern auch andere Trainer gesprochen. Otto Rehhagel nannte die Entscheidung der Uefa einen "Witz", und er war sehr aufgebracht dabei. Rehhagel ist Coach der Griechen, ein Mann auf dem Heimweg. Aber Scolari ist unmittelbar betroffen. Portugal muss gegen ein Team antreten, dessen Übungsleiter gesperrt ist. Dessen Verband außer sich ist vor Unverständnis und dessen Generalsekretär Wolfgang Niersbach "maßlos enttäuscht" ist.

Er muss gegen ein Deutschland antreten, das ein anderes ist als noch vor zwei Tagen.

Denn Oliver Bierhoff, der DFB-Teammanager, hat die als tiefe Ungerechtigkeit empfundene Löw-Sperre schon zu einer moralischen Unterstützungsmaßnahme umgedeutet. "Die Mannschaft wird nun noch zusätzlich motiviert sein", hofft er und hat damit die Richtung vorgegeben: Der vermeintliche Nachteil soll heute Abend ab 20.45 Uhr (Liveticker auf SPIEGEL ONLINE) zum Vorteil werden.

Außerdem kündigte Löw in einem Interview kurz vor dem Spiel einige Veränderungen an: "Es gibt natürlich den einen oder anderen Wechsel in der Mannschaft, denn ich habe mir nach den beiden Spielen, wo es eben nicht so lief, etwas einfallen lassen", sagte Löw. "Eine Veränderung, zwei Veränderungen, taktische Korrekturen sind einfach vonnöten." Am Spiel nach vorne wolle er grundsätzlich nichts ändern, aber von der Aufgabenstellung und personell gibt es schon den einen oder anderen Wechsel."

"Ausnahmezustand", "Kampf", "Mobilisierung"

Damit hat Löw den entscheidenden Teil seiner Arbeit erledigt, denn die Einflussmöglichkeiten eines Trainers am Spielfeldrand sind ohnehin marginal. Mit Worten erreicht er den Spieler auf der Außenbahn, der Rest der Worte wird von der Lautstärke auf den Tribünen verschluckt. Und die entscheidenden Anweisungen für die Halbzeitpause werden ihren Weg in die Kabine finden.

Irgendwie.

Die "richtigen Antworten" müssen laut Bierhoff ohnehin auf dem Platz gegeben werden.

Und dort haben sich die Vorzeichen nur leicht verändert. Der Bundestrainer hat sich für den Rest des Turniers auch öffentlich von der Idee spielerischer Dominanz verabschiedet und physische Präsenz zur wichtigsten Eigenschaft erhoben. Schon vor dem Österreich-Spiel sprach er von "Ausnahmezustand", "Kampf" und "Mobilisierung" - Vokabeln, die im DFB-Duden lange nicht mehr vorkamen.

Auch gegen Portugal wird der Fokus auf einer stabilen Deckung liegen. Den Außenpositionen kommt dabei gleich eine doppelt anspruchsvolle Aufgabe zu. Clemens Fritz und Lukas Podolski müssen in der Rückwärtsbewegung die Verteidiger Arne Friedrich und Philipp Lahm gegen Cristiano Ronaldo und Simao unterstützen und in der Offensive immer wieder an die Grundlinie durchkommen.

Besonders der portugiesische Linksverteidiger Paulo Ferreira gilt als anfällig, weil er die Abwehrarbeit oft vernachlässigt und sich lieber ins Angriffsspiel einschaltet.

Das deutsche Team ist keineswegs chancenlos

Durch die Mitte wird Deutschland nicht zu vielen Chancen kommen. Der defensive Mittelfeldspieler Petit stellt umsichtig Passwege zu. Die Innenverteidiger Pepe und Ricardo Carvalho haben sich in diesem Turnier bisher als Wand verkleidet und sowohl tschechische als auch türkische Stürmer abprallen lassen. Wenn Tschechien gefährlich wurde, dann über außen.

Offensiv ist Portugal bei dieser EM eine Klasse für sich. Weil sich in der Vorwärtsbewegung nahezu alle Spieler anbieten, weil Deco organisiert, Joao Moutinho torgefährlich ist - und natürlich wegen Cristiano Ronaldo.

Aus dem Talent der WM 2006 ist binnen zwei Jahren bei Manchester United ein Weltklassespieler geworden. Der immer wieder mit dem Ball am Fuß gegen zwei, drei oder vier Gegner anrennt, der Tore schießt und vorbereitet und mittlerweile auch mit Druck umgehen kann. Nicht umsonst übernimmt Ronaldo nach der Auswechslung von Angreifer Nuno Gomes die Kapitänsbinde.

Vor den Deutschen hat der 23-Jährige jedoch Respekt. "Ich habe das Spiel gegen Österreich gesehen. Deutschland hat stark gespielt und eine sehr gute Mannschaft. Portugal kommt mehr von der Technik, Deutschland mehr von der Physis", sagt Ronaldo.

Kraft gegen Technik, Kampf gegen Leichtfüßigkeit. Eine Ausgangssituation wie früher.

Aber es bedeutet auch, dass das DFB-Team nicht chancenlos ist. Wenn es endlich das zeigt, was es kann.

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