PR-Berater zum Fall Kuranyi "Der Bundestrainer zeigt Haltung"

Nach Ansicht des Kommunikationsexperten Andreas Fischer-Appelt hat Bundestrainer Joachim Löw im Fall Kuranyi alles richtig gemacht. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE macht der Agenturchef klar, warum die Entscheidung aus seiner Perspektive genau zur rechten Zeit kam.
Bundestrainer Löw: Entscheidung gegen die mediale Öffentlichkeit

Bundestrainer Löw: Entscheidung gegen die mediale Öffentlichkeit

Foto: Frank Augstein/ AP

SPIEGEL ONLINE: Herr Fischer-Appelt, Bundestrainer Joachim Löw hat sich gegen Kevin Kuranyi entschieden. Der Schalker fährt also nicht mit zur WM. Abgesehen von der sportlichen Bewertung dieser Maßnahme - hat Löw die Debatte zuvor nicht viel zu lange laufen lassen?

Andreas Fischer-Appelt: Nein, der Zeitpunkt ist genau richtig gewählt. Vor drei Wochen war die Debatte medial überhitzt. Hätte Löw da eine Entscheidung bekannt gegeben, wäre dies einzig aus dem Druck der Öffentlichkeit heraus geschehen. Und nicht aus der Entscheidungshoheit des Bundestrainers. Dass Joachim Löw diese auch öffentlich für sich in Anspruch nimmt, hat er schon in der Vergangenheit bewiesen. Sie ist ein wichtiger Teil seiner Rolle als Bundestrainer. Darüber hinaus steht am Donnerstag die Verkündung des Kaders an. Es war klug, die medial am heißesten diskutierte Personalie schon vorher aufzulösen. So steht am kommenden Donnerstag nicht Kuranyi, sondern der Kader im Mittelpunkt.

SPIEGEL ONLINE: Wochenlang hat Löw gezögert. Nachdem Kuranyi geschwächelt und der FC Schalke verloren hat, macht er seine Entscheidung öffentlich. Ist das klug? Ist das - um eine etwas altmodische moralische Kategorie einzuführen - "anständig"?

Fischer-Appelt: Löw hat nicht gezögert. Er hat die Debatte ja nicht angestoßen. Er hat vor drei Wochen mitgeteilt, dass er sich sportlich über Kuranyi Gedanken macht. Und auch falls seine Entscheidung damals schon feststand, bestand keine Notwendigkeit, sie mitzuteilen. Die 30 nominierten Spieler erfahren auch erst am Donnerstag, dass sie dabei sind. Warum eine Sonderbehandlung für Kuranyi? Und andersherum: Hätte er Kuranyi vorzeitig abgesagt, wäre dieser eventuell im Meisterschaftskampf demoralisiert gewesen. Diesen Vorwürfen von Schalke 04 hat sich Löw auch nicht aussetzen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Löw stellt sich damit gegen einen Gutteil der öffentlichen Meinung, sowohl von meinungsführenden Medien als auch von Sport-Prominenz. Zeugt das von Geradlinigkeit oder von Sturheit?

Fischer-Appelt: Es zeugt von Haltung. Er ist der Bundestrainer. Er hat die Entscheidungshoheit. In dem Moment, in dem sich der Bundestrainer von der öffentlichen Meinung treiben lässt, verlieren auch seine Spieler ein Stück weit Respekt vor ihm. Und das gefährdet den sportlichen Erfolg. Spieler haben gute Antennen dafür, wie stark ein Trainer ist. Wenn sie merken, dass der Trainer dem medialen Druck nachgibt, beginnen sie, die Medien für ihre Zwecke einzuspannen. Der Fall Labaddia beim Hamburger SV hat das gerade wieder gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es bei der WM in Südafrika im Angriff schief gehen sollte, werden alle auch auf die Entscheidung Kuranyi verweisen. Hat sich Löw damit nicht ungemein in Zugzwang begeben?

Fischer-Appelt: Vor einem Turnier steht heute jeder Bundestrainer unter Zugzwang, unabhängig von einzelnen Personalien. Die Medien werden Misserfolg immer auch dem Trainer anlasten. Auch Rudi Völler hat nach der EM 2004 trotz Finalteilnahme bei der vorangegangenen WM den Hut genommen. Aussitzen à la Vogts geht heute nicht mehr. Wenn Deutschland im Viertelfinale ausscheidet, wird Löw gehen. Aber mit einer klaren Haltung. Er und sein Team waren der festen Überzeugung, dass der nominierte Kader den größtmöglichen sportlichen Erfolg ermöglicht. Von dieser Haltung wird er nicht abrücken.

SPIEGEL ONLINE: Ist Joachim Löw aus Ihrer Sicht jemand, der mit Konflikten, mit unbequemen Personalien gut umgeht? Was ist beispielsweise mit dem Fall Torsten Frings? Der wurde in den Augen vieler Beobachter kalt abserviert.

Fischer-Appelt: Klar ist, Löw scheut den Konflikt nicht. Er verfolgt dabei jedoch eine klare Linie und bewahrt Haltung. Er setzt seinen Kader mit Spielern zusammen, denen er sportlich und charakterlich vertraut. Jeder CEO in der Wirtschaft macht das genauso. Nicht umsonst sprechen Löw, Bierhoff und Köpke stets in der Öffentlichkeit von einer eigenen Philosophie, die sie verfolgen. Dieser Leitgedanke ist in gewisser Weise auch ein kommunikativer Freifahrtschein für unpopuläre Entscheidungen. Wenn Frings behauptet, der Bundestrainer entscheide nicht allein nach sportlichen Gesichtspunkten, hat er damit ja sogar recht. Wenn dem nämlich so wäre, bräuchten wir keinen Bundestrainer, sondern einen Computer, der den Kader nach Kicker-Noten generiert.

SPIEGEL ONLINE: Löw wird gerne vorgeworfen, er habe "Lieblinge" wie Miroslav Klose oder Podolski. Geht er souverän mit Personalfragen um, oder verspüren Sie eine gewisse Ungleichbehandlung?

Fischer-Appelt: Löw hat für die Nationalmannschaft vielleicht 40 Spieler zur Auswahl, die überhaupt in Frage für die WM-Teilnahme kommen. Dass er sich bei dieser eh schon kleinen Auswahl, das Recht herausnimmt, die Spieler zu nominieren, denen er vertraut, hat nichts mit Lieblingen zu tun. Löw ist kein Kumpeltyp und bewahrt gegenüber allen Spielern in der Öffentlichkeit eine autoritäre Distanz. Er hat jedoch auch ein Gespür dafür, welche Spieler vielleicht mehr oder weniger Ansprache und öffentliches Vertrauen benötigen. Das ist dann Trainerhandwerk und nicht Ungleichbehandlung.

SPIEGEL ONLINE: Im Februar hat der DFB die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Löw verschoben, was den Trainer sehr verärgert hat. Haben Sie Verständnis für eine solche Maßnahme, und wie beurteilen Sie, wie die Kommunikation dieser Angelegenheit geregelt wurde?

Fischer-Appelt: Die schlechte Kommunikation zur Vertragsverlängerung geht auf die Kappe des DFB. Wie bei der Kaderzusammensetzung ist es Löw auch bei seinen eigenen Personalangelegenheiten wichtig, selbst zu entscheiden. Theo Zwanziger hatte die vorzeitige Vertragsverlängerung über die Medien bekannt gemacht, ohne dass diese offenbar in trockenen Tüchern war. Und Löws Haltung dazu ist ganz klar: Nur weil etwas in den Medien steht, ist es noch lange keine Tatsache.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen ja von Löw richtig begeistert. Ist er wirklich der Mann, um ein deutsches Team zum Weltmeistertitel zu führen? Hat er das Format?

Fischer-Appelt: Löw hat bisher fast alles richtig gemacht - Finalteilnahme bei der EM und eine souveräne Qualifikation für die WM. Er weiß also, wie er die Mannschaft zu Erfolgen führen kann, und das macht ihn stark. Ob es für den Titel reicht, liegt am Ende natürlich an Faktoren, die er nicht alle selbst beeinflussen kann. Von seinem öffentlichen Auftritt her wäre Löw ein guter Weltmeistertrainer. Ihm fehlt vielleicht an einigen Stellen die etwas irrationale Bauchgefühl-Komponente, wie sie Beckenbauer oder Völler hatten. Aber dennoch: Löw zeigt Haltung und klare Kanten, und er passt mit seiner Kompetenz und seiner kühlen analytischen Art als Trainer perfekt in die Zeit. Er ist in vielen Eigenschaften den Trainern der beiden Championsleague-Finalteilnehmer Louis van Gaal und José Mourinho sogar sehr ähnlich.

Die Fragen stellte Peter Ahrens
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