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Gräfenberger Fußballvereine: Gemeinsam gegen rechts

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Preis für Sport-Projekt  Vereint gegen die rechten Wallfahrer

In einem fränkischen Dorf haben sich die Einwohner jahrelang den Neonazis entgegengestellt. Nun wollen auch die Fußballvereine der Region dafür sorgen, dass der rechte Spuk nicht zurückkehrt. Der Deutsche Fußball-Bund zeichnet das Sportbündnis dafür mit dem Julius-Hirsch-Preis aus.

Kaum zu glauben, wie viele Menschen in einen einzigen Regionalexpress passen. Hunderte Menschen treffen sich an diesem Herbstsonntag am Nürnberger Ostbahnhof und fahren dicht gedrängt hinaus in die Fränkische Schweiz, eine der besonders schönen Gegenden Deutschlands.

Viele von ihnen steigen mit ihren Fahrrädern in Gräfenberg aus, einem malerisch gelegenen 4000 Einwohner-Dorf. Einen Schweinsbraten bekommt man hier für sechs Euro, gleich vier Brauereien kümmern sich um das passende Getränk dazu. Ein Idyll.

Ein Idyll, das allerdings jahrelang ernsthaft bedroht war. Doch die Bürger von Gräfenberg wollten nicht, dass ihr Städtchen zum Aufmarschgebiet von Neonazis wird. 50 Mal sind die Neonazis eingefallen. 50 Mal haben sich ihnen die Leute vom "Bürgerforum" entgegengestellt. Seit Ende 2009 sind die Braunen weg.

DFB-Boss Zwanziger ist von der Initiative beeindruckt

Damit es so bleibt, hat sich kurz darauf das "Gräfenberger Sportbündnis" gegründet, ein Zusammenschluss aus acht Fußballvereinen der Region. Es bietet unter anderem Schulungen für Trainer, Funktionäre und Sportler an. "Unser Ziel", sagt Initiator Ludwig K. Haas, "ist es, präventiv gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierungen vorzugehen."

Der Fußball, weiß Haas, ist ein Seismograph für die Stimmungen in einer Region. Wenn der schwarze Mitspieler ungestraft beleidigt werden darf, dauert es oft nicht mehr lange, bis der Ungeist sich auch in den Klassenzimmern und Diskotheken breit macht. Über 30 Aktionen zur Prävention, Aufklärung und Schulung im sportlichen Umfeld hat das Bündnis bislang durchgeführt.

Gräfenberg hat Ende September hohen Besuch bekommen. Eine DFB-Delegation kam vorbei und dokumentierte die Aktivitäten des Bündnisses, das am Dienstag mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet wird - eine Ehrung, mit der Initiativen für Toleranz und gegen Rassismus gewürdigt werden. "Dass sich gleich acht Vereine zusammenschließen, um sich gemeinsam gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus einzusetzen, ist alles andere als selbstverständlich", schreibt DFB-Chef Theo Zwanziger.

Gräfenberg war zeitweilig Anziehungspunkt der Rechten

Dass die Laudatio den Eindruck erweckt, als habe das Sportbündnis den Widerstand gegen die Nazis zu verantworten, hat vor Ort allerdings viele irritiert. Auch Ludwig K. Haas will sich nicht mit fremden Federn schmücken. Dem "Bürgerforum", sagt er, gebühre das Verdienst, die Nazis vertrieben zu haben. "Wir wollen jetzt aber weitermachen, nachhaltig gegen die Strategien der Rechten sensibilisieren."

Indes: Viele Menschen haben überhaupt erst durch die Auszeichnung mitbekommen, mit welcher Hartnäckigkeit NPD und freie Kameradschaften jahrelang versucht haben, die Region zu terrorisieren. Dabei wurde Gräfenberg fast an jedem Wochenende von Neonazi-Aktivisten heimgesucht, die meinten, eine neue Wallfahrtsstätte gefunden zu haben.

Gräfenberg war im Dritten Reich Sitz der Gauleitung, die Wahlergebnisse in den frühen Dreißigern hatten die NSDAP-Chargen dankbar registriert. Zumal bereits der Erste Weltkrieg seine völkischen Spuren hinterlassen hatte. Ein Kriegerdenkmal aus dem Jahre 1924, mit eisernem Kreuz, elf Meter hoch und auf einem Hügel über dem Städtchen gelegen. Ein Monstrum, das zu allem Überfluss auch noch einst ein germanischer Opferplatz gewesen sein soll. Der Widerstand, so das Kalkül der Rechten, würde schon irgendwann erlahmen.

Bürgerforum bewies den längeren Atem

Was die Freunde des Dritten Reiches nicht erwartet hatten: Den längeren Atem hatten die Leute vom Bürgerforum. Monat für Monat, Jahr für Jahr stellten sie sich den Neonazis entgegen. Die Antifas aus Nürnberg waren dabei. Aber eben nicht nur sie, sondern die Mitte der Gesellschaft, also jene Leute, die Gerhard Schröder einmal zum "Aufstand der Anständigen" aufgefordert hat: Der Arbeiter, die Pfarrerin, der pensionierte Lehrer, der Handwerker.

Mit einer solch großen Gegenwehr rechnen die Neonazis ansonsten nur in den Großstädten - aber nicht in der tiefsten Provinz. Nach mehr als zehn Jahren und mehr als 50 Aufmärschen strichen die Neonazis deshalb endlich die Segel. "Was die Leute vom Bürgerforum gemacht haben", sagt Bürgermeister Werner Wolf, "war die Kernarbeit, die uns den Ruf als aufrechte Stadt eingebracht hat. Ich freue mich aber natürlich auch sehr über das Engagement des Sportbündnisses."

Ende gut, alles gut - könnte man meinen, doch in Gräfenberg und Umgebung wissen sie, dass der braune Ungeist Hydra-Charakter hat. Es gilt aufzupassen, was nachwächst. "Keiner gibt es doch gerne zu, wenn ein Jugendlicher in seinem Verein plötzlich anfängt, neonazistische Parolen zum Besten geben", sagt Wolf.

Haas freut sich, dass viele Fußballvereine in der Region nun genauer hinhören, welche Themen in der Kabine so besprochen werden: "Viele Jugendleiter, Eltern oder Trainer wenden sich jetzt an uns, wenn so etwas passiert. Sie wissen, dass Totschweigen nichts bringt."