Premier-League-Aufsteiger Norwich City Bunte Vögel

Norwich City hat die Rückkehr in die Premier League geschafft - mit vielen Spielern, die in der Bundesliga nicht überzeugten. Wie konnte das passieren?

Norwichs Mario Vrancic (Mitte) wird von seinen Mannschaftskameraden gefeiert
Adam Holt / Action Images via REUTERS

Norwichs Mario Vrancic (Mitte) wird von seinen Mannschaftskameraden gefeiert

Von , Manchester


Mario Vrancic hat drei Jahre in der Bundesliga gespielt, mit dem SC Paderborn und Darmstadt 98, und es lässt sich nicht behaupten, dass er übermäßig beeindruckt hätte. Das Gleiche gilt für Moritz Leitner. Er wurde in seinen sechs Saisons bei Borussia Dortmund, beim VfB Stuttgart und beim FC Augsburg vor allem zum Sinnbild für ungenutztes Talent. Teemu Pukki hat sich in seinen zwei Jahren beim FC Schalke 04 keinen Status als Legende erworben. Tom Trybull, einst für den SV Werder in der Bundesliga aktiv, dürfte nur noch Fachleuten ein Begriff sein.

Und jetzt? Haben diese Spieler den Aufstieg in die angeblich beste Liga der Welt geschafft. Nach dem 2:1 (2:1) gegen die Blackburn Rovers steht einen Spieltag vor dem Ende der englischen Zweitligasaison fest, dass Norwich City künftig wieder der Premier League angehören wird. Zuletzt war der Klub, der 1993 sensationell den FC Bayern aus dem Uefa-Pokal warf, vor drei Jahren in der obersten englischen Spielklasse aktiv gewesen.

Der Architekt des Aufstiegs ist Trainer Daniel Farke, der 2017 von Borussia Dortmunds zweiter Mannschaft kam. Er hat - zusammen mit Sportchef Stuart Webber, ehemals Huddersfield Town - eine Mannschaft mit vielen Spielern komponiert, die in der Bundesliga nur Randerscheinungen waren oder in Deutschland nicht über die zweite oder dritte Liga hinauskamen. Die Gemeinsamkeiten mit Huddersfield sind offensichtlich.

"Feine Techniker, die lieber den Ball haben und kreativ sind"

Woran liegt es, dass die Kanarienvögel, so Norwich Citys Spitzname, mit dieser bunten Truppe reif für die Premier League sind? "Wenn man einen klaren Stil hat und über Spieler verfügt, die diesen Stil spielen können, dann kann das sehr, sehr erfolgreich werden", sagte Kapitän Christoph Zimmermann ein paar Tage vor dem Aufstiegsspiel gegen Blackburn im Gespräch mit dem SPIEGEL. Er kam über die zweiten Mannschaften von Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund nach England.

Der klare Stil, damit meint er das technisch hochwertige Ballbesitzspiel, das Farke seiner Mannschaft antrainiert hat. Die erste Saison lief noch ziemlich enttäuschend, in einer Liga mit 24 Teams landete Norwich auf dem 14. Platz. In der zweiten Spielzeit hat die Mannschaft alle Erwartungen übertroffen, steht seit Anfang November mit nur einer Unterbrechung auf den direkten Aufstiegsplätzen und führt seit Ende Februar die Tabelle an.

Zimmermann spricht davon, dass Profis wie Vrancic, Leitner, der frühere Dortmunder Marco Stiepermann oder auch Onel Hernández, der 2017 in der Relegation mit Eintracht Braunschweig den Bundesliga-Aufstieg verpasste, ideal seien für Farkes Spielidee. "Das sind alles feine Techniker, die lieber den Ball haben und kreativ sind", sagte der 26 Jahre alte Innenverteidiger. Technik und Taktik seien in den Nachwuchszentren in Deutschland schon immer wichtig gewesen, während diese Disziplinen bei der Ausbildung in England erst nach und nach Einzug halten würden.

Die Summe kleiner Erfolge

Norwich ist nicht die erste Mannschaft, die es in der robusten Championship mit Ballbesitzfußball probiert. Aber sie ist eine der ersten, die auch das Personal dafür hat. Da kann es dann schon mal passieren, dass Gegner "hergespielt" werden, wie Zimmermann sagt: "Es ist hier noch nicht so verbreitet, den Gegner durch Ballbesitz und Positionsspiel zu kontrollieren. Viele Mannschaften haben dagegen noch kein Mittel." Spiele wie die 4:0-Erfolge bei den Bolton Wanderers im Februar oder gegen die Queens Park Rangers Anfang April bezeugen das.

Viele Profis haben in dieser Saison einen Leistungssprung gemacht. Das liegt auch daran, dass Farke herausgefunden hat, wie man sie am besten einsetzt. Stiepermann hat im Laufe seiner Karriere auf unterschiedlichsten Positionen gespielt, rechts und links im Mittelfeld und auf der linken Abwehrseite. Farke machte ihn zum Spielmacher. Diese Rolle liegt ihm offensichtlich am besten. Er steuerte neun Tore und acht Vorlagen zum Aufstieg bei. Pukki wechselte vom rechten Flügel in die Mitte. Dort profitiert er von seinem speziellen Raumgefühl. Mit 28 Toren ist er auf dem Weg zur Torjägerkanone, außerdem bereitete er schon zehn Treffer vor und wurde gerade zum "Spieler der Saison" gewählt.

Hat von den Großen gelernt, jetzt setzt er es um - der junge Teemu Pukki mit Raúl
Christof Koepsel / Getty Images

Hat von den Großen gelernt, jetzt setzt er es um - der junge Teemu Pukki mit Raúl

Die Erfolgsgeschichte von Norwich City besteht aus vielen kleinen Erfolgen, zusammengehalten durch einen intakten Teamgeist und befeuert davon, dass die Mannschaft nach einem schweren Saisonstart ins Rollen kam. Wenn es läuft, ist alles einfacher. Und wahrscheinlich spielt es auch eine Rolle, dass die Profis mit Bundesliga-Vergangenheit die Chance erkannt haben, in Norwich ihre wahren Fähigkeiten zu demonstrieren. Wobei Zimmermann das bestreitet. "Wir wollen mit diesem außergewöhnlichen Verein in die Premier League. Das spornt uns mehr an, als in Deutschland irgendwem zu beweisen, dass wir auch ein bisschen Fußball spielen können", sagte er.

So oder so: Mit dem Aufstieg ist Vrancic, Leitner, Pukki und Co. beides gelungen.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
DorianH 28.04.2019
1.
Der Aufstieg ist das Eine, ob sie oben auch bestehen können, das Andere.... Ich kann mich erinnern, was für ein Wind gemacht wurde, als Huddersfield aufgestiegen ist. War ja auch ne tolle Sache....aber wo stehen sie jetzt? Abgeschlagen Letzter der PL. Glückwunsch nach Norwich, aber erst jetzt wird sich dann zeigen, ob die Spieler die nötige Qualität haben....oder ob sie Huddersfield folgen werden.
meresi 28.04.2019
2. Erregend
oder geil wie die heutige Jugend zu sagen pflegt. Da sind sie wieder, diese Vögel. Pukki, von Finnland nach Sevilla für ein Spiel, lach. Schlacke, Celtic und Brondby bevor er nach Norwich wechselte. Oder Vrancic, vom Mainzer Reserveteam zu RW Ahlen, dann BVB II, Darm-Stadt u. Paderborn bevor er in Norwich endete. Und noch 4-5 abgehalfterte deutsche Spieler die es in der Bundesliga nicht geschafft haben. Unglaublich wie die spielen. Eine Mannschaft so gut wie die Bayern, machten sie doch 30 Tore nach der 75. Spielminute. Fucking impressive...ach ja, die Vögel schlugen die Bayern irgendwann in den frühen 90igern im uefa oder so. Möge ihnen so was ähnliches gelingen wie Leicester City.
ramon 28.04.2019
3.
Interessanter Artikel. Im Nachhinein scheinen alle Beteiligten alles richtig gemacht zu haben. Vor allem die Vereinsführung, die nach dem 14. Platz in der ersten Saison bereit war, weiter zu machen.
rainer60 28.04.2019
4. zurecht
Zitat von DorianHDer Aufstieg ist das Eine, ob sie oben auch bestehen können, das Andere.... Ich kann mich erinnern, was für ein Wind gemacht wurde, als Huddersfield aufgestiegen ist. War ja auch ne tolle Sache....aber wo stehen sie jetzt? Abgeschlagen Letzter der PL. Glückwunsch nach Norwich, aber erst jetzt wird sich dann zeigen, ob die Spieler die nötige Qualität haben....oder ob sie Huddersfield folgen werden.
als huddersfield aufstieg wurde zurech viel wind gemacht. der verbleib im ersten jahr in der pl war sensationell. huddersfield war eine belebung für die pl . sie haben sich achtbar und fair geschlagen und trotz teilweiser sehr guten leistung letztendlich den verbleib nicht geschafft. ich glaube allerdings das sehr viele britische fußballfans huddersfield vermissen werden.
ayee 28.04.2019
5. Was wird hier eigentlich gefeiert?
Wo ist der Artikel über die Spielerlegenden des 1. FC Köln, die gerade dabei sind, in die Bundesliga aufzusteigen? Mal ehrlich, was will uns dieser Artikel sagen? Ich wette, es gibt eine ganze Reihe an Spielern da draußen, die einen Aufstieg von Liga 2 in Liga 1 in England mittragen könnten.
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