Premier-League-Aufsteiger Wind im Sturm

Es gibt schönere Städte als Hull, erfolgreichere Clubs als Hull City und appetitlichere Nachnamen als den von Dean Windass. In der kommenden Saison spielt der 39-jährige Stürmer mit seinem Club in der Premier League.
Von Philip Oltermann

Über viele Jahre gab es in der englischen Liga ein paar Fußballspieler, deren Namen uns schon im Voraus etwas von ihrer Spielart zu verraten schienen. Alan Ball, den Weltmeister von 1966, zum Beispiel. Ian Rush. Gary Speed. Terry Butcher. Im 19. Jahrhundert spielte ein Mann namens Seger Bastard, der dann tatsächlich Schiedsrichter wurde und sich "The Bastard in Black" schimpfen ließ.

Ab dem 16. August wird die Premier League endlich wieder so einen Spieler haben. Er trägt den wunderhübschen Namen Dean Windass und schoss seinen Heimatverein Hull City im letzten Spiel der vergangenen Saison mit einem Weltklasse-Tor zum ersten Mal in dessen Geschichte in die erste Liga. Windass - der Name der Hamburger Hafenkneipe "Pupasch" wäre eine gute Übersetzung - ist 39 Jahre alt und sieht aus wie ein Rugbyspieler in Rente. Er hat aber noch erstaunlich viel Wind in den Segeln.

Dass so ein Typ seinen Platz zwischen den Ballacks, Gerrards und Lampards in der reichsten Liga der Welt reklamieren kann, erscheint ebenso unwahrscheinlich wie die Erstliga-Präsenz von Hull City, einem alten, aber notorisch erfolglosen Club aus einem niedergeschlagenen Hafenstädtchen im Nordosten Englands. Überhaupt lässt sich die Geschichte von Dean Windass nur schwer von der Geschichte der Stadt trennen, die eigentlich Kingston-upon-Hull heißt.

Geboren am 1. April 1969 im Stadtteil Gipsyville, besucht der kleine Dean schon als Junge regelmäßig die Spiele der "Tigers" in den schwarz-orange gestreiften Trikots im Boothferry Park Stadion. Mitte der Achtziger lädt Viertligist Hull ihn als 16-Jährigen zum Probetraining ein. Ungefähr zur gleichen Zeit macht eine Gruppe in den internationalen Charts von sich aufmerksam, die sich gerne als die "viertbeste Band Hulls" bezeichnet. Ihr Best-of-Album heißt im bandtypischen Understatement "Now that's what I call quite good".

Auch Windass ist nur der viertbeste in der Akademie von Hull City. Einen Profi-Vertrag bekommt Windass nicht. Über die nächsten Jahre verpackt er tagsüber Gefriererbsen und trainiert abends alleine im naheliegenden Park - solange, bis er einen Vertrag bei dem lokalen Amateurclub North Ferriby United erhält. Immerhin für 50 Pfund pro Spiel. Die Hull-Scouts zeigen sich beeindruckt von Windass' Ausdauer: 1991 bekommt er doch noch seinen Profi-Vertrag bei seinem Lieblingsclub. "Es war so, als würde ich für Real Madrid, Manchester United, Liverpool und Arsenal auf einmal spielen", schreibt er in der Autobiografie "Deano: From Gipsyville to the Premiership", das vergangenes Jahr in England erschien.

Ein populärer Spruch der hiesigen Touristenbranche besagt: "It's never dull in Hull" (wobei das "H" von "Hull" im Lokaldialekt nicht mitgesprochen wird). Auch die Karriere von Dean Windass wird selten langweilig. Obwohl Windass im Hullschen Mittelfeld eingeplant ist, kann er das Toreschießen nicht sein lassen. In den ersten fünf Spielen trifft er neunmal, im nächsten Spiel fliegt er vom Platz. Spektakuläre Tore und seine Extrovertiertheit auf dem Rasen bleiben sein Markenzeichen, auch als Hull ihn aufgrund von Geldsorgen an Aberdeen verkauft. In einem Spiel zeigt ihm der Schiedsrichter drei Rote Karten in Folge: die erste wegen eines groben Fouls, die zweite wegen Schiedsrichterbeleidigung, die dritte, weil Windass nach seinem Abtritt die Eckfahne zerbeult.

In den zehn Jahren danach spielt Windass bei diversen Vereinen: Oxford United, Bradford City und auch für zwei Spielzeiten in der Premier League, bei Middlesbrough. Unter dem späteren Nationaltrainer Steve McClaren stagniert er dort: Mickrige drei Tore in 37 Spielen. Der Tiefpunkt der Windass-Saga folgt am Ende der Saison 2002/2003: Mit Sheffield United schafft er es in das Playoff-Finale um den Aufstieg in die Erste Liga. Für das Spiel in Wembley bucht er mehr als 30 Plätze und Hotelzimmer für Freunde und Familie - aber kurz vor dem Match erklärt ihm Trainer Neil Warnock, dass er nicht einmal auf der Bank sitzen wird. "Ich wollte ihm seinen beschissenen Kopf abreißen." Windass schaut sich das Spiel alleine im Pub an.

Hull geht es bis zu diesem Zeitpunkt noch viel schlechter als Windass. 2003 wird die Stadt in einer Umfrage für das Buch "Crap Towns: The 50 Worst Places to Live in the UK" ("Drecksstädte: Die 50 schlimmsten Wohnorte im Vereinigten Königreich") zum hässlichsten Wohnort der Insel gewählt. Schüler kriegen hier schlechtere Noten als sonstwo im Lande. Hull City dümpelt seit Windass' Abschied konsequent am unteren Ende der vierten Liga. Aber langsam kommt der Aufschwung: Ein neues Stadion wird gebaut, das viele Experten für das beste im englischen Fußball halten. 2004 schaffen die Tigers den Aufstieg in die dritte Liga, 2005 den Sprung in die Championship, gefolgt vom gelungenen Klassenerhalt in den Jahren 2006 und 2007. Im Angriff auf die Premier League schmiedet der Verein kühne Pläne und sichert sich die Dienste des Nigerianers Jay Jay Okocha, der von 1992 bis 1996 bei Eintracht Frankfurt spielte.

Aber Okocha ist während der Saison größtenteils verletzt. Dass Hull am Ende doch aufsteigt, liegt an Dean Windass, der im Juni 2007 wieder in seine Heimatstadt zurückkehrt und im Mai dieses Jahres endlich doch in Wembley spielen darf. Playoff-Finale gegen Bristol City: In der 26. Minute spielt Nick Barmby (der zweite Hull-Veteran im Team) auf Fraizer Campbell, der sich bis an die linke Torauslinie durchdribbelt und eine butterweiche Flanke an die Strafraumgrenze zurücklegt. Dort steht Dean Windass, 39 Jahre alt, die Haare heute jugendlich blondiert, und nimmt den Ball volley. Der Ball ist im Tor, Hull in der Premier League. Zum ersten Mal seit 104 Jahren.