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Premier League Warum Leicesters Titel kein Fußballwunder ist

Der englische Meister heißt Leicester City. Das ist eine Sensation. Aber kein Wunder. Es gibt rationale Gründe für den Triumph. Und dafür, dass er in England, aber nicht in Deutschland passierte.

Leicester City ist Englischer Meister. Diese Schlagzeile hat es in der Fußballgeschichte noch nie gegeben. Sie wird ausgerechnet in einem Jahr wahr, in dem so viel Geld in die Premier League fließt wie nie zuvor in eine Liga. Das ist gar nicht so absurd, wie es vielen Beobachtern scheint. Denn die Konzentration des Fußballreichtums in England macht die Liga dort nicht einseitiger, sondern ausgeglichener.

Natürlich ist es trotz allem eine historische Sensation, dass Claudio Ranieri, ein Trainer, der in seiner langen Laufbahn noch nie irgendwo Meister geworden war, jetzt mit einem Fast-Absteiger der Vorsaison Klubs wie Chelsea, Manchester United, City, Liverpool und Arsenal hinter sich lässt. Dass er also in einer Liga, in der es so viele Titelanwärter gibt wie in keiner anderen, mit einem krassen Außenseiter am Ende ganz oben landet. Und das mit einem Team, in dem Verteidiger ältester Schule wie Robert Huth und Wes Morgan Stammplätze haben.

Aber anders als viele glauben, wäre es eine noch viel größere Sensation, wenn zum Beispiel Augsburg Deutscher Meister würde. Oder Levante sich den Titel in Spanien holte. Der Umsatz von Leicester City ist zwar deutlich geringer als der von Manchester United, dem reichsten Klub der Premier League. Aber Uniteds Einnahmen aus der vergangenen Saison waren mit 519,5 Millionen Euro "nur" um den Faktor 3,79 höher als die von Leicester, das 137,2 Millionen umsetzte.

Bayern München hingegen hat einen fast zwölfmal höheren Umsatz als der FC Augsburg. Nimmt man die finanziellen Möglichkeiten eines Vereins zum Maßstab, ist es unwahrscheinlicher, dass Bayer Leverkusen Deutscher Meister wird, als dass Leicester den Titel in England holt.

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Leicesters Meisterschaft: Blamage für die Schwergewichte

Foto: Darren Staples/ REUTERS

Zurecht wird Leicesters Triumph weltweit als Beleg dafür gefeiert, dass Geld alleine im Fußball nicht alles entscheidet. Dass dazu Jamie Vardy, der beste Torjäger der Foxes, im Alter von 25 Jahren noch in der fünften Liga kickte, verführt dazu, Leicester als Thekenmannschaft abzufeiern. Tatsächlich aber hat der Provinzklub, der jahrzehntelang eine graue Maus des englischen Fußballs war, wie die meisten Premier League-Klubs einen Besitzer aus Übersee. Es ist der thailändische Milliardär Vichai Srivaddhanaprabha, der gerne vor dem Anpfiff mit dem Hubschrauber im Mittelkreis des Stadions landet, das nach seinem Reiseunternehmen benannt ist.

Dass so viele Investoren ihr Geld bei englischen Fußballklubs anlegen, hat natürlich Schattenseiten, etwa, wenn es um Mitbestimmung der Fans oder bezahlbare Eintrittspreise geht. Für die Spannung in der Liga ist es aber positiv. Denn die lukrativen Fernsehverträge kommen allen Klubs zugute: Die Einnahmen aus der internationalen Vermarktung werden paritätisch verteilt, die aus den nationalen Fernsehrechten zumindest zur Hälfte auch.

Das finanzielle Verhältnis zwischen den reichsten und den ärmsten Klubs der Liga bleibt durch die ständig steigenden Fernseheinnahmen gleich. Aber das zwischen den ärmeren englischen Klubs und dem Rest Europas verändert sich rasant. Die größten Topstars des Weltfußballs werden auch weiterhin nach Barcelona, Madrid, München, Paris, London oder Manchester wechseln. Aber mehr als 25 Profis pro Klub werden dort nicht gebraucht. Und wenn es um die nächstbegehrtesten Transferziele geht, hat jedes durchschnittliche Premier-League-Team inzwischen gute Karten, Valencia, Mönchengladbach oder Lazio auszustechen.

Diese Faktoren erklären, warum es 2016 wahrscheinlicher war, dass ein Fall Leicester eintritt, als noch vor 15 Jahren, als Manchester United den Titel in England praktisch abonniert hatte. Eine Riesenüberraschung bleibt es dennoch. Hätten die Konkurrenten nicht alle aus unterschiedlichen Gründen Schwächen gezeigt, wäre Leicesters Triumph undenkbar gewesen. Hätte Ranieri nicht einen taktischen Ansatz gefunden, mit dem seine Mannschaft monatelang unschlagbar schien, wäre alles andere Makulatur. Dass der Titel kein unerklärliches Wunder war, heißt noch lange nicht, dass er keine fantastische Leistung war.

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