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11. März 2013, 11:49 Uhr

Ticketpreise in der Premier League

Kampf gegen die eigene Mentalität

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In der Premier League sind die Ticketpreise astronomisch. Nun schließen sich immer mehr Anhänger aus dem ganzen Land zum Protest zusammen. Sie ernten Gegenwind von den Vereinen - und aus den eigenen Reihen. Das Magazin "11FREUNDE" über den kuriosen Protest.

Schiedsrichterassistenten sind potentielle Buhmänner, sie erkennen Tore wegen Abseitsstellungen ab oder melden Missetaten der Spieler. John Brooks, erst seit Saisonbeginn Unparteiischer in der Premier League, wurde im Januar dennoch zum Liebling der Öffentlichkeit. Er hatte den Spielern von Manchester City nach dem 2:0-Sieg bei Arsenal auf dem Rasen ins Gewissen geredet: "Geht rüber zu euren Fans, sie haben 62 Pfund bezahlt, um euch zu sehen."

In der Tat hatten die Anhänger umgerechnet 71 Euro für ihr Ticket zahlen müssen. Das war vielen Fans selbst für so ein Spitzenspiel zu viel, 1000 Karten des Gästekontingents waren zurück nach London gegangen. Die Unverwüstlichen im Stadion reckten ein Protestbanner in die Luft: "£ 62!!! Where will it stop?" 62 Pfund! Wo soll das hinführen?

Der englische Verband war wenig glücklich über Brooks' Aktion und strich dessen bevorstehenden Einsatz im FA-Cup. Auch die Ordner im Stadion zeigten sich resolut und rissen den Fans mit Hilfe der Polizei ihr Transparent aus den Händen.

Das Ende des Protests? Nein, eher der Anfang. Bei der englischen Fanorganisation Football Supporters' Federation (FSF) gingen minütlich Mails von Fans aus ganz England ein. Der Tenor: "Es reicht." Michael Brunskill, einer der Organisatoren der Initiative, sagt: "Der Vorfall bei Arsenal war, sorry für die Ausdrucksweise, der Tritt in den Hintern, den wir brauchten, um aufzustehen."

Das Kellergeschoss im Pub "The Blue Anchor " in London quillt über vor Menschen. Fans aus Sunderland, Nottingham, London, Yeovil und sonstwo sind zusammengekommen. Es ist Donnerstag, der 31. Januar, und heute soll in der Hauptstadt der landesweite Protest gegen den Ticketwucher losgetreten werden. "Twenty's plenty", heißt das Motto, 20 Pfund sind genug für ein Auswärtsticket, äquivalent zur deutschen Initiative "Kein Zwanni - Fußball muss bezahlbar sein".

Ticketpreise bei Arsenal in 20 Jahren um 920 Prozent angestiegen

Doch den meisten geht es nicht nur um Auswärtstickets, sondern generell um die Preise. In der gesamten Premier League gibt es keine Jahreskarte unter 255 Pfund, die englische ist die teuerste unter den europäischen Topligen. Allein im vergangenen Jahr erhöhte sich der Preis für das durchschnittlich preiswerteste Erwachsenenticket um elf Prozent - ein Fünffaches der Inflationsrate.

Als Inkarnation des Bösen gelten die Verantwortlichen beim FC Arsenal. Der Verein im Norden Londons verlangt unter allen Clubs das meiste Geld. Der Preis für das günstigste Spieltagsticket stieg hier in den vergangenen 20 Jahren um satte 920 Prozent. Auf 11FREUNDE-Anfrage wollten sich weder Arsenal noch andere Londoner Clubs zum Thema Ticketpreise äußern. Die günstigste Arsenal-Dauerkarte kostet an die 1000 Pfund, die teuerste knapp 2000.

In England besteht keine gewachsene Kultur der Mitbestimmung, beispielsweise durch Fanvertreter in den Gremien. Der Wille zur Veränderung wird daher immer mit einer gewissen Skepsis begleitet und teilweise als Verrat am Verein aufgefasst. "In England ist es schwierig, sich als kritischer Fan zu positionieren", sagt David O'Leary, Arsenal-Fan seit 20 Jahren: "Die Leute denken sofort, man wolle dem Verein schaden." Auch bei der Versammlung der Fans in London gerät die Revolte ins Stocken. Die Teilnehmer ergehen sich in Litaneien über die eigene Situation. Anträge über Anträge. Es gleicht dem Parteitag der Piraten.

Eine Anhängerin fragt gar, ob es nicht realistischer sei, die Forderung von 20 Pfund für ein Auswärtsticket auf 35 zu heben. Da greift sich ein stämmiger Mann am Tresen das Mikro: "Realistisch? Wir waren in den vergangenen Jahren verdammt realistisch - und wohin hat es uns geführt? Wir müssen jetzt endlich zusammenstehen und das durchziehen. Es kann nicht angehen, dass manche es den gegnerischen Fans gönnen, dass sie so viel bezahlen."

Applaus brandet auf. Die Rivalität der Fangruppen scheint tatsächlich das größte Hindernis für eine landesweite Fankampagne zu sein. Manch einer aus Liverpool würde wahrscheinlich lieber mit Heftzwecken gurgeln, als sich mit ManUnited-Fans an einen Tisch zu setzen. Es bleibt unklar, wie der Protest weitergehen soll.

"Wir sind nicht militant"

Es ist kalt und windig am Loftus Road Stadium. Queens Park Rangers, Tabellenletzter der englischen Premier League, spielt gegen Norwich City. Die QPR-Tribünen bleiben still. "We sing on our own" ("Wir singen allein"), schallt es vom Gästeblock. Gemurmel auf QPR-Seite, einer ruft: "You come from Norwich, your sister's your mum" ("Du kommst aus Norwich, deine Schwester ist deine Mutter"). Ansonsten Ruhe. Das Spiel endet 0:0, QPR verschießt einen Elfmeter.

John Reid, ein ergrauter Herr mit weicher Stimme, verkauft vor dem Stadion ein DIN A5-Heft. Es trägt den Titel "Reclaim the Game", ein Aufruf an die Fans, sich das Spiel zurückzuholen. Er gibt sich schicksalsergeben. Das war's. Mit QPR. Und auch mit dem Protest. "Englische Fans werden keine Spiele boykottieren. Wir sind nicht militant."

Dutzende Male hat er heute den Leuten zugerufen: "Reclaim the Game". Viele konnten nichts damit anfangen. Nur vereinzelt stoppten manche. Sie fragten ihn nach Tickets.

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