Chelsea gegen Liverpool "Das war Fußball, wie er sein sollte"

Im Duell des FC Chelsea mit dem FC Liverpool wurde ein ernsthafter Herausforderer für Meister Manchester City gesucht. Das Ergebnis: Es gibt zwei.

Jürgen Klopp (l.) und Maurizio Sarri
AFP

Jürgen Klopp (l.) und Maurizio Sarri


"What a game!" rief Jürgen Klopp seinem Gegenüber Mauricio Sarri zu, bevor die beiden Trainer eine Spur länger als üblich umarmt am Seitenrand verharrten, strahlend vereint im Stolz auf das Spektakel und in Zufriedenheit mit dem Resultat.

1:1 hieß es am Ende eines spätsommerlichen Fußballtraums an der Stamford Bridge, bei dem um weit mehr als drei mögliche Punkte gekämpft worden war. Das Aufeinandertreffen der bisher in der Liga ungeschlagenen Mannschaften von Chelsea und Liverpool wurde auf der Insel als Eignungstest für deren meisterliche Ambitionen verstanden. Dementsprechend groß war nach der rauschhaft-packenden Auseinandersetzung die Freude bei den Probanden. In diesem Spiel wurde ein Herausforderer für den amtierenden Champion Manchester City gesucht - und zwei gefunden.

Liverpool, seit knapp drei Jahren von Klopp trainiert, ist im Kollektiv eine Spur weiter als die Elf des Italieners Sarri, der erst kurz vor Saisonbeginn in West-London sein Büro bezog und noch dazu eine hoch-komplexe taktische Neuausrichtung betreibt. Vorgänger Antonio Conte ließ an der Fulham Road Konterfußball mit Dreierkette praktizieren. Autodidakt und Kettenraucher Sarri, ein ehemaliger Devisenhändler, der in seinem unförmigen Trainingsanzug wie ein netter Bezirkssportanlagen-Hausmeister daherkommt, präferiert dagegen ein kombinationsschnelles Positionsspiel.

Chelsea jubelt
DPA

Chelsea jubelt

Sarriball, so wird sein System genannt, erfordert Zeit und Genauigkeit. Die Gäste aus Liverpool gewährten den Blues am Samstag im Mittelfeld weder das eine noch das andere. Chelsea wurde so zum Unmut des Trainers tief in die eigene Hälfte gedrückt, vor das Tor von Alisson kam sein Team nur vereinzelt, durch lange Diagonalbälle und Überfallangriffe. Eden Hazard, der schon beim 2:1 der Londoner über den selben Gegner im Ligapokal am vergangenen Mittwoch mit einer famosen Einzelaktion den Ausschlag gegeben hatte, nutzte eine der seltenen Präzisionsattacken aus dem Hinterhalt zum Führungstreffer (25.). "Ich denke, er kann 40 Tore in der Saison schießen", sagte Sarri über den belgischen Flügelstar, der im Sommer liebend gerne nach Spanien gewechselt wäre, aber seit Wochen überragend spielt. "Jetzt fehlen ihm noch 33."

"Hätten auch einen Sieg verdient gehabt"

Dem FC Liverpool wiederum hatte vor der Pause lediglich mehr Abgeklärtheit im gegnerischen Strafraum gefehlt. Sechs, sieben Mal kamen Klopps Stürmer in aussichtsreiche Positionen, fanden jedoch nicht den richtigen Abschluss. Mohamed Salah, Torschützenkönig der Vorsaison, hätte ein bis zwei Mal treffen müssen. Mit nur drei Toren in den laufenden Wettbewerben ist der Ägypter bisher hinter den eigenen Erwartungen zurück geblieben.

Klopp erklärte später, er mache sich keine Sorgen ("Tore schießen ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht") um die kleine Durststrecke des 26-Jährigen. Doch sein Kader ist nach neuerlichen Investitionen im dreistelligen Millionenbereich mittlerweile so stark besetzt, dass er auf persönliche Befindlichkeiten des Stammpersonals wenig Rücksicht nehmen muss. Salah wurde nach 66 Minuten ausgewechselt, für ihn kam Xerdan Shaqiri, der prompt die beste Gelegenheit der Reds vergab.

Chelsea ließ in Folge kaum noch prekäre Situationen zu. Alisson vereitelte mit etwas Glück eine riesige Hazard-Konterchance zum 2:0, bevor der eingewechselte Daniel Sturridge den Ball aus mutmaßlich unmöglicher Lage, halb links außerhalb des Strafraums, in den Winkel schoss. (89.) So kurios das Remis letztlich zustande gekommen war, entsprach es doch den Machtverhältnissen.

Xherdan Shaqiri
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Xherdan Shaqiri

"Sie fragen mich, ob wir den Punkt verdient haben? Natürlich haben wir den Punkt verdient", sagte Klopp leicht unwirsch in der Pressekonferenz, "wir hätten auch einen Sieg verdient gehabt. Chelsea ist eine super Mannschaft, sehr schwer zu spielen, aber wir haben es heute auf eindrucksvolle Weise umgesetzt." Besonders die Moral seiner Mannschaft hatte es dem 51-Jährigen angetan. Man habe sich "mit verzweifelter Dringlichkeit im positiven Sinne" gegen die erste Niederlage aufgebäumt, stellte er später in einer kleinen Runde fest.

Es war wie immer nach einer großen Schlacht; Klopp wollte über Fußball reden, die englischen Reporter über Spieler. Der Schwabe wehrte sich entschieden gegen eine stark personenbezogene Betrachtungsweise, die Salahs Fehlversuche mit der Treffsicherheit des Ex-Nationalspielers Sturridge verrechnen wollte. "Seid Ihr alle verrückt, dass ihr nur über Sturridge mit mir sprechen wollt?" entfuhr es ihm, doch er hatte sich in Anbetracht des kniffligen Spielplans schnell wieder beruhigt. "Das war heute Fußball, wie er sein sollte", sagte er, "jetzt müssen wir uns erholen und nach Neapel fliegen."

Nach der Champions-League-Partie gegen Sarris Ex-Klub steht am Sonntag ja schon der nächste Knaller an. Im Heimspiel gegen Manchester City, das nur auf Grund der besseren Tordifferenz die Tabelle vor den Roten anführt, kommt Liverpools Titel-Fähigkeit dann noch verschärfter auf den Prüfstand.

FC Chelsea - FC Liverpool 1:1 (1:0)
1:0 Hazard (25.)
1:1 Sturridge (89.)
FC Chelsea: Kepa - Azpilicueta, Rüdiger, David Luiz, Marcos Alonso - Kanté, Jorginho, Kovacic (80. Barkley) - Willian (73. Moses), Giroud (65. Morata), Hazard
FC Liverpool: Alisson - Alexander-Arnold, Gomez, van Dijk, Robertson - Wijnaldum, J. Henderson (78. Keita), Milner (86. Sturridge) - Salah (66. Shaqiri), Roberto Firmino, Mané
Schiedsrichter: Andre Marriner
Gelbe Karten: - / Mané, Milner
Zuschauer: 41.631



insgesamt 2 Beiträge
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herrderlueste 30.09.2018
1. Ganz anderer Meinung
Ich musste gestern die ganze Zeit zwischen Juve-Napoli, Leverkusen-Dortmund und Chelsea-Liverpool hin und her schalten. Dabei war Leverksuen-Dortmund das beste Spiel, und unterhaltungstechnisch war es das mit großem Abstand. Liverpool scheitn etwas die Puste auszugehen, zwei Spiele pro Woche hält man mit diesem System eben nichts durch,, egal wie tief die Ersatzbank ist. Dass Liverpool um den Titel spielen kann, glaube ich auf gar keinen Fall. eher glaube ich an Chelsea, denn mit der EL haben sie eher leichte Spiele unter der Woche. Aber am Ende muss viel passieren damit Guardiola sich nicht durchsetzt. Eher traue ich Dortmund den Titel zu, als das ManCity den Titel nciht gewinnt.
spadoni 30.09.2018
2. herrderlueste
Sie sind wohl Guardiola Fan? ManCity ist durchaus nicht unschlagbar siehe CL, wo sie gegen Olympique Lyon, einen deutlich schächeren Gegner, verloren. Liverpool und Chelsea sind City ebenbürtig und können auf jeden Fall Meister werden!
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