Premier League Finanzkrise zwingt Milliardenliga zur Bescheidenheit

Vermögen schrumpfen, Sorgen wachsen: Die von ausländischen Investoren beherrschten Clubs der englischen Premier League bekommen die internationale Finanzkrise mit voller Wucht zu spüren. Ein drastisches Sparprogramm steht dem Abramowitsch-Club Chelsea bevor.


Hamburg - "Es ist eine andere, eine schwierigere Zeit für Chelsea", klagte Trainer Luiz Felipe Scolari und muss dieser Tage förmlich um einen Neuzugang betteln: "Wenn sich keiner mehr verletzt, dann werden sie wohl höchstens noch einen Neuen holen, denn ich brauche ja einen neuen Spieler. Nur einen. Einen Stürmer."

Chelsea-Trainer Scolari: Kleine Brötchen backen
REUTERS

Chelsea-Trainer Scolari: Kleine Brötchen backen

Abramowitsch, der seit der Übernahme des FC Chelsea vor fünfeinhalb Jahren angeblich rund 500 Millionen Euro in die "Blues" investiert hat, soll Coach Scolari Zukäufe in der Winterpause aber untersagt haben. Der Grund: Das Vermögen des Oligarchen soll nach Angaben der russischen Zeitung "Iswestija" innerhalb weniger Monate von knapp 17 Milliarden Euro auf 2,3 Milliarden Euro geschrumpft sein. Jetzt wird gespart. 15 der 25 Talentspäher wurden im November freigestellt, darunter der ehemalige deutsche Nationalspieler Rainer Bonhof. Chefscout Frank Arnesen: "Roman hat die finanzielle Bremse gezogen und um Einsparungen gebeten."

Derzeit belastet ein Schuldenberg von umgerechnet rund 1,1 Milliarden Euro den Club, bei rund 870 Millionen Euro handelt es sich um Kredite. Diese muss Chelsea an Abramowitsch zurückzahlen. Das Ziel, 2010 zumindest ohne zusätzliche Schulden auszukommen, ist wegen der weltweiten Wirtschaftsflaute erst einmal in weite Ferne gerückt.

Vermögen russischer Oligarchen
DER SPIEGEL

Vermögen russischer Oligarchen

Die Auswirkungen der Finanzkrise haben die Premier League, die mit rund 3,2 Milliarden Euro verschuldet ist, voll erwischt. Statt Millionentransfers zu tätigen, üben sich die Großclubs in Zurückhaltung, nicht nur Chelsea. Meister Manchester United, im Besitz des US-Geschäftsmanns und Milliardärs Malcolm Glazer, verpflichtete als einzigen Zugang für die restliche Saison den 21-jährigen Serben Zoran Tosic. "Das war es erstmal mit unseren Neuzugängen. In diesem Monat werden wir definitiv nicht mehr aktiv", erklärte ManU-Teammanager Sir Alex Ferguson.

Dabei wurde auf der Insel erst vor einem Jahr eine Rekordsumme von umgerechnet rund 240 Millionen Euro in die Januar-Transfers investiert. Fünf Jahre zuvor waren es im Vergleich dazu "nur" 50 Millionen Euro gewesen. Bezeichnend für die allgemeine Tristesse auf dem europäischen Spielermarkt ist, dass aktuell ein knapp dreimonatiges Ausleihgeschäft die Schlagzeilen bestimmt. David Beckham sorgt zumindest bis 8. März 2009 beim AC Mailand für den Glamour-Faktor.

FC-Bayern-Präsident Franz Beckenbauer allerdings sieht die schwierige wirtschaftliche Situation auch als Chance für eine Regulierung der "Marktpreise". "Gott sei Dank trägt die allgemeine Finanzkrise als Nebeneffekt dazu bei, dass die absurde Preistreiberei in Europa aufhört. 20 oder mehr Millionen Euro für Durchschnittsspieler? Das war Wahnsinn und wird sich hoffentlich ändern", sagte Beckenbauer in der "Bild". Bayern-Coach Jürgen Klinsmann ergänzte im Trainingslager in Dubai: "Es wird spannend sein zu verfolgen, was bei den großen Clubs passiert, wenn die Investoren sagen, dass sie nicht mehr das nötige Kleingeld haben."

Besonders in England geht angesichts der Hiobsbotschaften und düsteren Prognosen aus aller Welt die Angst um - auch, weil neun der 20 Premier-League-Clubs derzeit im Besitz ausländischer Investoren sind. Vor allem West Ham United droht Ungemach, weil der Club in isländischer Hand ist. In Island hat die Finanzkrise zum Staatsbankrott geführt. "Hammers"-Besitzer Björgolfur Gudmundsson ist als ehemaliger Präsident und Hauptaktionär der später verstaatlichten Landsbanki davon direkt betroffen und muss den Club so schnell wie möglich verkaufen.

goe/sid



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