Leicesters Sieg gegen den FC Chelsea Plötzlich Spitzenreiter

Leicester City führt die Premier League in einer kuriosen Saison mit vielen Corona-Spielausfällen vorerst an. Beim FC Chelsea suchen die DFB-Nationalspieler ihre Form – bald könnten sie einen neuen Trainer bekommen.
Chelseas Christian Pulisic (l.) im Duell mit Wesley Fofana

Chelseas Christian Pulisic (l.) im Duell mit Wesley Fofana

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Michael Regan / Getty Images

Szene des Spiels: Schiedsrichter Craig Pawson zeigte auf den Punkt. Jonny Evans, Leicesters Abwehrchef, hatte Chelsea-Angreifer Christian Pulisic am Fuß getroffen, da waren sich alle einig. Nur: Wo hatte er das getan? Nach Videobeweis wurde aus dem vermeintlichen Elf- ein Sechzehneinhalbmeter, offenbar hatte es den Kontakt knapp vor der weißen Linie gegeben. Mason Mount schoss den Freistoß in die Wolken – die Ausgleichschance für die Blues kurz vor der Pause war passé.

Das Ergebnis: 2:0 (0:0) setzt sich Leicester City gegen den FC Chelsea durch, damit kommt das Team von Brendan Rogers auf vier Siege und zwei Remis aus den vergangenen sechs Ligaspielen. Zumindest für eine Nacht dürfen es sich die Foxes an der Tabellenspitze bequem machen, Chelsea steht mit neun Punkten Respektsabstand auf dem achten Zwischenrang.

Corona-Arithmetik: Wem in Pandemiezeiten aufgrund von Inzidenzen und Reproduktionszahlen bereits der Schädel brummt, der sollte Blicke auf die Premier-League-Tabelle vermeiden. Dort führt Leicester City mit 38 Punkten nach 19 Spielen, Manchester United (37 Punkte, 18 Spiele) und Manchester City (35 Punkte, 17 Spiele) folgen dahinter. Beide können also nach Möglichkeit vorbeiziehen, so sie denn ihre ausstehenden Spiele gewinnen. Theoretisch könnte sogar Aston Villa noch auf den Spitzenrang vorrücken: Der Klub aus Birmingham steht mit 26 Punkten zwar nur auf dem elften Platz, nach mehreren Corona-bedingten Spielverlegungen hat er allerdings auch vier (!) Partien weniger absolviert als Leicester.

Die erste Hälfte: Eine clevere Eckballvariante legte die Dynamik des Spiels früh fest: Nach Doppelpass mit James Maddison spielte Marc Albrighton den Ball scharf nach innen. Dort schlug Harvey Barnes ein Luftloch, fälschte den Ball aber zu Wilfred Ndidi ab, der aus gut 16 Metern zur Führung traf (6. Minute). Ein Zufall war das nicht: »Sie schalten bei Standards manchmal ab«, sagte Maddison nach dem Spiel über den Gegner. Chelsea kam danach nur selten zum Abschluss und wenn, dann aus zu spitzem Winkel, um wirklich gefährlich zu werden. Kurz nach Mounts vergebener Freistoßchance legte Maddison dann das 2:0 nach (41.).

Kante statt Kanté: Mit seinem Vorgänger durfte Ndidi sich nicht messen: N'Golo Kanté, in der Meistersaison 2015/2016 Leicesters abräumender Talisman, fehlte dem FC Chelsea mit einer Oberschenkelverletzung. Aber vielleicht ist der Quervergleich zum französischen Weltmeister auch unglücklich gewählt. Schließlich handelt es sich bei beiden Spielern zwar um defensive Mittelfeldspieler der Extraklasse, während Kanté aber Aktionsradius und seine Quirligkeit auszeichnen, ist der 15 Zentimeter größere Ndidi eher ein umsichtiger Ruhepol, der Leicesters Kreativspielern den Rücken freihält. Wäre das ohne sein Tor noch einmal extra gewürdigt worden? Vermutlich nicht. Hätte er es sich dennoch verdient? Gewiss.

Wilfred Ndidi (links) zählt zu den Leistungsträgern in Leicester

Wilfred Ndidi (links) zählt zu den Leistungsträgern in Leicester

Foto: MICHAEL REGAN / AFP

Die zweite Hälfte: Mit der Führung im Rücken durfte Leicester sich am heiß geliebten Konterfußball versuchen. So blieben die Hausherren trotz eindeutiger Ballbesitznachteile die gefährlichere Mannschaft. Albrightons Treffer aus der Drehung fiel dem Abseitspfiff von Referee Pawson zum Opfer (55.), Youri Tielemans' Flachschuss parierte Édouard Mendy per Fußabwehr (57.). Und Chelsea? Löffelte im Regen von Leicester einen Eckball nach dem anderen in des Gegners Strafraum. Ideenreichtum durfte man den Blues nicht vorwerfen.

Sacked in the morning? Frank Lampard ist eine Klubikone des FC Chelsea. Seine drei Premier-League-Titel und den Gewinn der Champions League 2012 werden die Fans der Blues ihm nicht vergessen. Die Zeit des Trainers Lampard aber würden sie wohl gern aus ihren Köpfen tilgen. In den sozialen Netzwerken jedenfalls bricht sich die Häme Bahn, die pandemiebedingt momentan nicht ins Stadion darf. Der Tenor: Es könnte das letzte Spiel Lampards gewesen sein. Bereits Maurizio Sarri, Guus Hiddink und José Mourinho absolvierten ihre letzten Ligaspiele als Chelsea-Trainer jeweils sieglos gegen Leicester – Lampard könnte der vierte der letzten fünf Coaches an der Stamford Bridge werden, der diesen Weg geht.

Die drei Fragezeichen: Und dann gab es da noch die drei deutschen Nationalspieler in Diensten der Londoner. Antonio Rüdiger spielte eine eher unauffällige Partie, verschätzte sich leicht vor dem 0:2. Kai Havertz durfte nach fünf Spielen Startelfpause wieder von Beginn an ran, versuchte einiges, vollbrachte aber wenig. Zur Pause lag seine Passquote bei 65 Prozent, ein Indiz für viel Risikobereitschaft – bei geringem Ertrag. Und Timo Werner? Der hätte beinahe seine Torflaute beendet, köpfte Hakim Ziyechs Freistoßflanke jedoch knapp aus dem Abseits ins Tor.

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