Premier League Zwei Teams für den Dauerrausch

Am Ende eines monumentalen Titelkampfs hat sich Manchester City gegen Liverpool durchgesetzt. Der Rausch der beiden Teams dürfte anhalten, Gefahr droht Pep Guardiola durch den eigenen Anspruch.

Manchester Citys Leroy Sané (l.) im Zweikampf mit Liverpools Trent Alexander-Arnold: Dramatische Volten
Andrew Yates/ Sportimage/ imago images

Manchester Citys Leroy Sané (l.) im Zweikampf mit Liverpools Trent Alexander-Arnold: Dramatische Volten


Staunend, freudeschreiend lagen sich die Fans des FC Liverpool in den Armen, ekstatisch ineinander verschlungen wie beim 4:0 gegen Barcelona fünf Tage zuvor. Der Rausch währte jedoch nur 83 Sekunden. Manchester City war in Brighton kaum in Rückstand geraten, als Sergio Agüero schon wieder den Ausgleich erzielte (27. Minute) und dem Tabellenführer den Weg zu einem 4:1-Sieg und der erfolgreichen Titelverteidigung in der Premier League bahnte.

Die Liverpooler Hoffnung auf eine letzte dramatische Volte in der Meisterschaft zerschellte an der beängstigenden Konstanz der Ballbesitzspezialisten aus Manchester. Nach einer Woche des Wahnsinns regierte auf der Insel am Sonntag somit wieder die Logik in Form von Guardiolas Punktemaschine.

Der Katalane setzte sich zum zweiten Mal in Folge mit einem in Nähe der Perfektion angesiedelten Fußball der unaufhörlichen Dominanz durch. Unfehlbar effizient und exakt wie ein Laserschneidegerät zerstückelte sein City Woche für Woche Abwehrreihen, obwohl wichtige Spieler wie Kevin de Bruyne oder Fernandinho lange fehlten. Insgesamt lag man 2088 Minuten in Führung, ein neuer Liga-Bestwert. Gegen 14 Siege in Folge konnte am Ende auch das nur um einen Punkt (97) schlechtere Liverpool nichts ausrichten.

"Wir sind so müde"

Es ist schwer, das Spiel so einfach aussehen zu lassen, selbst wenn man wie die Himmelblauen die Mittel des Staatsfonds von Abu Dhabi zur Verfügung hat und sich damit zwei Dutzend mannschaftsdienliche Techniker der Spitzenkategorie leisten kann, die für Guardiolas hochkomplexe Passmuster unbedingt nötig sind. Citys Stil erfordert ständige Bewegung auf dem Platz und die totale Konzentration.

"Wir sind so müde", sagte Guardiola nach seinem zweiten Triumph im dritten Jahr. "Aber gewinnen macht süchtig. Die großen Sportler können nie genug bekommen." Nächste Woche hat der 48-Jährige die Chance, mit einem Sieg im FA-Pokal-Finale gegen Watford als erstes englisches Team ein nationales Triple zu erreichen. Im Ligapokal hatte er im Februar bereits Chelsea geschlagen.

Die Spieler von Manchester City feiern Guardiola: "Gewinnen macht süchtig"
Mike Hewitt / Getty Images

Die Spieler von Manchester City feiern Guardiola: "Gewinnen macht süchtig"

Liverpools Beständigkeit und die zu erwartende Verbesserung der Verfolger würden sein Team in der kommenden Saison vor Probleme stellen, prophezeite Guardiola, gab sich aber zugleich kämpferisch. "Ich verspreche, dass wir die Herausforderung annehmen und noch stärker zurückkommen."

Da das im heimischen Wettbewerb eigentlich kaum mehr möglich ist, wird er sich Gedanken machen müssen, warum sich sein auf die Negation aller Zufälligkeiten zielender Ansatz mit City bisher nicht erfolgreich auf die Champions League übertragen lässt.

Partygesänge in Anfield

Der Gewinn eines dritten Europapokals bleibt nach zwei Erfolgen mit Barcelona (2009, 2011) weiter ein großes Ziel. Man darf gespannt sein, ob Guardiola es erreichen kann, bevor die Mannschaft wegen körperlich-geistiger Überbeanspruchung kollabiert, oder City im Zuge der Ermittlungen wegen mutmaßlicher Verstöße gegen die Financial-Fairplay-Regularien sportlich sanktioniert wird.

Liverpools Enttäuschung, am Ende einer "herausragenden, unglaublichen Saison" (Klopp) mit dem ungewollten Rekord als bester Zweiter der englischen Ligageschichte dazustehen, ist derweil dank der Aussicht auf das Champions-League-Finale gegen Tottenham Hotspur bedeutend erträglicher. Niemand weinte im Anfield ob des denkbar knappen Misserfolgs, das Publikum verabschiedete das Team mit Partygesängen.

Jürgen Klopp
Peter Powell / EPA-EFE/REX

Jürgen Klopp

Liverpool ist sportlich endlich wieder so relevant, wie es der Vereinshistorie und der Anzahl der Fans im Lande entspricht; die kontrollierte, defensiv sichere Version des Klopp'schen Kraftfußballs lässt den Anhang zuversichtlich nach vorne schauen, zudem droht nicht mehr die Gefahr, die größten Stars an ein ausländisches Topteam zu verlieren. "Die besten Spieler wollen jetzt zu Liverpool", sagte kürzlich Luis Suárez, der 2014 zum FC Barcelona abgewandert war.

Ob Tottenham Hotspurs Mauricio Pochettino als dritter über mehrere Jahre im Amt tätiger Trainer bei einem "Top Six"-Verein sein Team in Richtung Meisterschaft bugsieren kann, hängt dagegen stark vom Ausgang des Europapokalendspiels in Madrid ab. Der Argentinier kokettierte in den vergangenen Tagen mit einem Abschied aus Nordlondon, ohne ihn stünde den Spurs wohl eine ähnlich schwierige Übergangszeit wie Arsenal (Platz fünf) und Chelsea (drei) bevor, die unter den jeweils im vergangenen Sommer gekommenen Trainern Unai Emery beziehungsweise Mauricio Sarri noch zu wechselhaft auftreten.

Da dem beschämend schlechten Rekordmeister Manchester United (sechs) 2019/2020 unter Ole Gunnar Solskjær ein neuerlicher Umbruch bevorsteht, wird es wohl wieder auf einen monumentalen Zweikampf der beiden siegeswütigen Kontrahenten an der Spitze hinauslaufen. City gegen Liverpool hat - wie einst Arsenal gegen Manchester United - das Zeug, die Premier League in den nächsten Jahren anhaltend in Rausch zu versetzen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version stand, Chelsea habe die Saison auf Platz vier abgeschlossen. Dabei sicherten sich die Blues am letzten Spieltag den dritten Platz, wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 6 Beiträge
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dragondeal 13.05.2019
1. Das Unglaubliche
Ist wohl am ehesten, dass man mit nur einer Saisonniederlage doch nur zweiter wird, trotz 3-Punkte-Regel.
bcpt8 13.05.2019
2.
---Zitat von SPON--- [...] Ob Tottenham Hotspurs Mauricio Pochettino als dritter [...] Arsenal (Platz fünf) und Chelsea (vier) [...] ---Zitatende--- Tottenham belegt Platz vier, Chelsea Platz drei. Sieht inzwischen eher nach einer Zweiklassengesellschaft statt der nachgesagten Ausgeglichenheit unter den PL-Topklubs aus: ManCity lag 2017/8 schon 19 P unkte vor dem Tabellenzweiten, nun ist der Abstand im Duett mit Liverpool auf 26 bzw. 25 Punkte zum Tabellendritten angewachsen. Und es deutet wenig bis nichts darauf hin, dass die Verfolger Chelsea, Tottenham, Arsenal und ManUtd in der kommenden Saison signifikant zum Spitzenduo aufschließen können. Wenngleich die Tabellenzahlen im Ligawettbewerb dies nicht unmittelbar abbilden (gemeinsam mit Liverpool die mit Abstand wenigsten Gegentore): Guardiolas Achillesferse bleibt meinem Eindruck nach die vor allem im int. Wettbewerb anfällige Defensive gegen Klubschwergewichte, trotz kostspieliger Transfers. Kompany war in seinen besten Jahren als stellungsspielsicherer Abwehrorganisator und physisch wuchtiger Wellenbrecher sicherlich mind. auf Augenhöhe mit dem aktuellen van Dijk, verzeichnet verletzungsbedingt inzwischen aber viele Ausfallzeiten und befindet sich im ausklingenden Karriereherbst bei auslaufendem Vertrag. Ein gleichwertiger Nachfolger hat sich noch nicht empfohlen im Team. Guardiola wird weiterhin an der Minimierung von teils haarsträubenden Kontrollverlusten seiner Hintermannschaft (inkl. Keeper) zu arbeiten haben, um in der CL auch ohne "Losglück" mal wieder das Halbfinale und mehr erreichen zu können. Jedenfalls, solange gilt: Defense wins championship.
payblack 14.05.2019
3. Liverpool ist zweiter WEIL es die Drei-Punkte-Regel gibt.
Zitat von dragondealIst wohl am ehesten, dass man mit nur einer Saisonniederlage doch nur zweiter wird, trotz 3-Punkte-Regel.
Unentschieden lohnen sich nicht und davon hat LFC zu viele - und weil City viel mehr Siege hatte konnten sie sich vier Niederlagen leisten. Mit der Zwei-Punkte-Rgelung wäre Liverpool Meister mit 67 Punkten vor City mit 66 Punkten. Auch das widerlegt vielleicht mal wieder eine Mär, das Klopps Team immer Volgas und "alles oder nichts" spielt - es sind eher die Unentschieden, die den Unterschied gemacht haben. Dennoch muss man sagen, das es eine tolle -vielleicht sogar grandiose Saison- von Liverpool ist. Nur in der Liga war ein anderes Team besser.
omop 14.05.2019
4. Geht es auch realistischer?
Immer diese Übertreibungen..was an dieser Saison monumental sein soll, weiss wohl nur der Autor. Es war eine spannende, qualitativ gute Saison..ManCity ist zwar Meister geworden, aber mal wieder relativ "früh" in der CL gescheitert (unter Pep wird das m.E. nix mehr)
shaboo 14.05.2019
5. Natürlich ist der Meistertitel ...
... in einer der stärksten Ligen der Welt schön für Guardiola, aber abseits dieses "Pflichtprogramms" gibt's eben auch noch die Kür Champions League und da ist sein Abschneiden - gemessen an seinen eigenen Maßstäben - schon sehr dürftig. Mit Barcelona hat er 2011 das letzte Mal ein Team zum Sieg in diesem Wettbewerb geführt. In den drei Jahren bei Bayern erreichte er immerhin noch drei Mal das Halbfinale, während ihm in den letzten drei Jahren mit Manchester - trotz eines Kaders, der sicher nicht weniger konkurrenzfähig ist als das damalige Bayern-Team - selbst das nicht ein einziges Mal gelang. Da mussten bisher immer spätestens im Viertelfinale die Koffer gepackt werden. Keine gute Tendenz ...
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