Stimmung in der Premier League Stille Örtchen

Früher war die Atmosphäre in britischen Stadien legendär, heute herrscht im Liga-Alltag oft Tristesse: Die Eintrittspreise sind einfach zu hoch. Werden Fans überhaupt noch gebraucht?

Stadion an der Stamford Bridge in London vor dem Anpfiff
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Stadion an der Stamford Bridge in London vor dem Anpfiff

Von , Manchester


Barney Chilton erinnert sich gut an seinen ersten Besuch im Old Trafford im Jahr 1976. Er war von dem Trubel auf den Rängen genau so begeistert wie vom Geschehen auf dem Fußballplatz. "Es war eine Masse von Menschen, die sich vor und zurück bewegt hat. Bei Chancen sind die Leute nach vorne geströmt. Wenn die Chance vergeben wurde, sind sie wieder zurückgegangen. Wenn ein Tor fiel, sind sie ausgerastet", sagt er.

Chilton ist immer wiedergekommen. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat er nach eigener Aussage drei Viertel aller Spiele von Manchester United besucht. Heim und auswärts, in der Liga und im Europapokal. 1987 hat er das Fan-Magazin "Red News" gegründet und ist immer noch dessen Chefredakteur. Von der Atmosphäre, die ihn bei seinem ersten Besuch im Old Trafford gepackt hat, ist allerdings nicht mehr viel übrig. "Sie ist Lichtjahre von dem entfernt, was sie früher war. Man soll sich hinsetzen und angepasst sein. Man wird nicht ermutigt, zu singen oder die Mannschaft zu unterstützen", sagt er.

Seine Beobachtungen beschreiben die Zustände in den Stadien der Premier League, nicht nur bei United. Die berüchtigte britische Stimmung gibt es nur noch bei Spitzenspielen oder wichtigen Partien in der Champions League. Im Alltag ist es in Englands Stadien oft so leise, dass man einen Schweigeprotest vermuten könnte.

"Is this the Emirates?"

Auch am heutigen Boxing Day (ab 13.30 Uhr; Stream: Dazn) und bei den Spielen zwischen den Jahren dürfte in dem einen oder anderen englischen Stadion aus dem Gästeblock wieder die hämische Frage erklingen, ob man aus Versehen in einer Bibliothek gelandet sei: "Is this a library?" Arsenals Fans machten sich neulich bei der Partie bei Manchester United wunderbar selbstironisch über das Ambiente lustig. "Is this the Emirates?", sangen sie. Im Emirates Stadium in London finden die Heimspiele des FC Arsenal statt.

Die Gründe für den Niedergang der Atmosphäre in England sind bekannt. Die Stadionkatastrophen von Heysel und Hillsborough in den Achtzigerjahren führten zur Abschaffung der Stehplätze. Die Eintrittspreise wurden massiv angehoben. Auch, um das Hooligan-Problem zu lösen. Allerdings wurden neben Randalierern auch das traditionelle Arbeiterpublikum und junge Stadiongänger verdrängt und durch besser verdienende, ältere Menschen und Touristen ersetzt.

"Neue Fans erwarten, dass ihr Sitz im Stadion wie ihr Wohnzimmersessel ist. Sie wollen sich das Spiel anschauen, aber nicht unbedingt daran teilnehmen. Fußball wird für viele eine passive Erfahrung", sagt Paul Brown, Autor des Buchs "Savage Enthusiasm: A History of Football Fans". Ultras gibt es in England nur vereinzelt, zum Beispiel bei Crystal Palace oder Huddersfield Town.

Ticketeinnahmen verlieren an Bedeutung

Vereine beteuern gerne, dass sie ihre Fans brauchen, doch sicher ist das nicht mehr. Die Klubs der Premier League verdienen das meiste Geld mit TV-Rechten. Alleine aus der Inlandsvermarktung bekommen sie zwischen 2016 und 2019 fast sieben Milliarden Euro. Die Einnahmen aus dem Kartenverkauf verlieren an Bedeutung.

Laut einer Untersuchung der BBC hätten elf der 20 Erstligisten in der Saison 2016/2017 im leeren Stadion spielen können und trotzdem Gewinn gemacht. Laut "Forbes" machen Erlöse am Spieltag bei Manchester United, dem Klub mit dem höchsten Zuschauerschnitt der Premier League, nur noch 20 Prozent der Einnahmen aus. Bei anderen Vereinen ist die Quote noch niedriger. Das Magazin kommt zu dem Schluss, dass der Fußball nicht mehr den Stadiongängern gehöre, sondern den Fernsehzuschauern.

Es gibt allerdings auch positive Entwicklungen aus Sicht der Menschen, die jede Woche für den Besuch im Stadion zahlen. Laut BBC-Studie sind in der vergangenen Saison mehr als 80 Prozent der Kartenpreise in der Premier League entweder gefallen oder zumindest gleich geblieben. Der durchschnittliche Preis für eine Dauerkarte war auf dem niedrigsten Stand seit 2013.

"Sie geben uns Brot, während sie Kuchen essen"

Außerdem wurde vor zwei Jahren eine Obergrenze von 30 Pfund für Auswärtskarten eingeführt. "Das war eine Überraschung. Sie geben uns ein bisschen Brot, während sie Kuchen essen", sagt United-Fan Chilton. Sie, damit meint er die Funktionäre bei der Liga und den Klubs.

Verschiedene Vereine arbeiten mit ihren Fans zusammen, um die Stimmung zu verbessern. Im Old Trafford zum Beispiel gibt es seit vier Jahren einen Sektor für besonders sangesfreudiges Publikum. Zur kommenden Saison soll der Stimmungsblock einen besseren Platz im Stadion bekommen und vergrößert werden.

Auch zeigen sich viele Klubs durchaus offen für eine Wiedereinführung von Stehplätzen, wofür allerdings eine Gesetzesänderung nötig wäre. Im neuen Stadion von Tottenham Hotspur zum Beispiel lassen sich, wenn es dann endlich fertig ist, 7500 Sitzplätze innerhalb einer Stunde in Stehplätze umrüsten.

Buch-Autor Brown glaubt, dass sich die Vereine der Premier League auch aus wirtschaftlichen Erwägungen darum bemühen sollten, die Stimmung zu verbessern. "Egal, was der Fußball über die Fans im Stadion denkt, eine fantastische Atmosphäre macht ihn zu einem besseren Produkt", sagt er.

United-Fan Chilton ist überzeugt, dass die Klubs in absehbarer Zeit dazu gezwungen werden, stärker um junge Fans zu werben. "Wir werden alt. Wir sterben aus. Wie wollen die Vereine in 20 Jahren Zehntausende freie Plätze füllen? Es braucht einen radikalen Wandel", sagt er. Doch er wird wissen, dass es nie wieder so wird wie 1976, bei seinem ersten Besuch im Old Trafford.



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MatthiasPetersbach 26.12.2018
1. nu ja.... ist es nicht überall so?
Alles fließt und verändert sich. Man wird sich die Atmosphäre und das Erlebnis von früher NIRGENDS mehr herbeiorganisieren können - selbst wenn man wollte. Nicht zuletzt, weil man selbst nicht mehr der selbe ist. Und die Clubs wollen das nicht mal - die brauchen es auch nicht. Der "Fußball" heute braucht tatsächlich - rein finanziell - keine Zuschauer im Stadion mehr. Wobei ich die Probleme mit der fehlenden jungen Nachwuchsgeneration eher nicht sehe - die kommen. Dann wird eben noch ein Eventhighlight dazugezaubert und gut. Events gehen immer. Ist aber dann AUCH kein Fußball mehr, wie er war. Das hat sich überlebt - wie jede Szene, die zu alt wird. Interessant und spannend sind immer nur die Anfangsjahre - die Pionierjahre. Ob beim Motorradfahren oder beim Snowboarden, ob als Punk oder als Hiphopper. Dann ists nur noch Unterhaltung. Unterhalten kann ich mich aber selber :)
Wunderläufer 26.12.2018
2. Notwendig
Ohne Stimmung der Fans gerät jedes noch so gute Spiel zu einer tristen Veranstaltung. Speziell in der Premier League ist zu sehen, wie der Fußball zu einem Anhängsel kommerzieller Interessen wird. Die Zuschauer sind nur noch reine Staffage: durch entsprechende Soundanlagen könnte Stimmung selbst in leeren Stadien vorgegaukelt werden. Meine , allerdings geringe Hoffung, ist, dass das Rad so überdreht wird, dass auch die TV-Einnahmen und damit die Marketing-Einnahmen derart kollabieren, dass die Entwicklung leicht gestoppt wird. Daher bin ich auch der Medinung, dass die Bundesliga nicht auf Teufel-komm-raus alle englischen Eskapaden mitmachen muss. Wer für 1 Spieler 30 Mio und mehr ausgibt muss zwangsläufig schauen, wie er solche Summen refinanziert. In letzter Konsequenz begnüge ich mich so mit international 2.-klassigem Fußball. Mir sind Emotionen lieber als Milliardärsveranstaltungen mit menschlichen Litfasssäulen. Gierige Spieler. Manager etc.pp. sollen ihre Milliardärsliga gründen und gut ist, siehe NBA in der USA
MatthiasPetersbach 26.12.2018
3.
Zitat von WunderläuferOhne Stimmung der Fans gerät jedes noch so gute Spiel zu einer tristen Veranstaltung. Speziell in der Premier League ist zu sehen, wie der Fußball zu einem Anhängsel kommerzieller Interessen wird. Die Zuschauer sind nur noch reine Staffage: durch entsprechende Soundanlagen könnte Stimmung selbst in leeren Stadien vorgegaukelt werden. Meine , allerdings geringe Hoffung, ist, dass das Rad so überdreht wird, dass auch die TV-Einnahmen und damit die Marketing-Einnahmen derart kollabieren, dass die Entwicklung leicht gestoppt wird. Daher bin ich auch der Medinung, dass die Bundesliga nicht auf Teufel-komm-raus alle englischen Eskapaden mitmachen muss. Wer für 1 Spieler 30 Mio und mehr ausgibt muss zwangsläufig schauen, wie er solche Summen refinanziert. In letzter Konsequenz begnüge ich mich so mit international 2.-klassigem Fußball. Mir sind Emotionen lieber als Milliardärsveranstaltungen mit menschlichen Litfasssäulen. Gierige Spieler. Manager etc.pp. sollen ihre Milliardärsliga gründen und gut ist, siehe NBA in der USA
Nun ja - ich fürchte, der, der sich die Sache vorm Fernseher anguckt, braucht eigentlich keine vollen Stadien. Da wird das Ganze locker durch die Plauderei von "Experten" vorher und hinterher und das Interesse um den Kampf um Ergebnisse und Plätze ersetzt. Stadion ist vielleicht wichtig - aber eben nur im Stadion. Und "Choreo" ist eh ein zweischneidiges Schwert.
MatthiasPetersbach 26.12.2018
4.
Zitat von WunderläuferOhne Stimmung der Fans gerät jedes noch so gute Spiel zu einer tristen Veranstaltung. Speziell in der Premier League ist zu sehen, wie der Fußball zu einem Anhängsel kommerzieller Interessen wird. Die Zuschauer sind nur noch reine Staffage: durch entsprechende Soundanlagen könnte Stimmung selbst in leeren Stadien vorgegaukelt werden. Meine , allerdings geringe Hoffung, ist, dass das Rad so überdreht wird, dass auch die TV-Einnahmen und damit die Marketing-Einnahmen derart kollabieren, dass die Entwicklung leicht gestoppt wird. Daher bin ich auch der Medinung, dass die Bundesliga nicht auf Teufel-komm-raus alle englischen Eskapaden mitmachen muss. Wer für 1 Spieler 30 Mio und mehr ausgibt muss zwangsläufig schauen, wie er solche Summen refinanziert. In letzter Konsequenz begnüge ich mich so mit international 2.-klassigem Fußball. Mir sind Emotionen lieber als Milliardärsveranstaltungen mit menschlichen Litfasssäulen. Gierige Spieler. Manager etc.pp. sollen ihre Milliardärsliga gründen und gut ist, siehe NBA in der USA
In "letzter Konsequenz" ist für den Zuschauer jede Liga höher ein Verlust. Fußball hört so gesehen spätestens in der 3. Liga auf bzw. ist ab dann uninteressant. Außer für die, die ihr Selbstbewusssein damit stärken, daß "ihr" Verein irgendwo höherklassig spielt. Der Verein ist aber Ist DANN das genaue Gegenteil von "ihr"- er besteht dann aus sportlichen Akteuren, die mit einem selbst (und dem eigenen Kickerei) soviel zu tun haben wie man selbst mit dem Scheich von Dubai oder nem Ausserirdischen - und aus geschäftsmäßigen Akteuren, um die man eigentlich im echten Leben einen Bogen machen sollte. Das ist aber nicht das Phänomen von Milliardärsligen neuerer Zeit - der Fußball und Stadionbesuch hat sich schon lange davon entfernt, was er - zumindest für mich - mal war: Ein angenehmer Zeitvertreib für Samstags, ein paar Mark, ein paar Bier, ein paar Fachsimpeleien unter Freuden und Sportinteressierten. Schön - aber im Endeffekt unwichtig. Und genau DAS war eigentlich das Wichtige daran: die gespielte Wichtigkeit, von der jeder wusste, daß es eigentlich nichts bedeutete. Und deshalb ist die vorhergetragene Wichtigkeit der Wichtigtuer völlig lächerlich. Ob von Fanseite, von Veranstalterseite, von Aktivenseite.
ayee 26.12.2018
5. Gut so
In England könnte ich mir durchaus vorstellen, dass viele Fans wirklich in niedrigere Ligen abwandern. So extrem, wie sich die Realität der Premier League Vereine von der eigentlichen Fankultur entfernt hat, wäre das nur eine logische Folge. Dann können die Investoren schöne Abschreibungen vornehmen.
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