»Er ist der Spieler, den wir uns erhofft hatten« Warum der FC Liverpool wieder Chancen auf den Meistertitel hat

In seinem zweiten Jahr beim FC Liverpool ist Stürmer Diogo Jota zum Leistungsträger gereift. Über einen, der trotz 45 Millionen Pfund Ablöse als Schnäppchen gilt und selbst Jürgen Klopp überrascht.
Von Hendrik Buchheister, Manchester
Leistungs- und Hoffnungsträger: Stürmer Diogo Jota

Leistungs- und Hoffnungsträger: Stürmer Diogo Jota

Foto: Julian Finney / Getty Images

Kürzlich stand Diogo Jota im Mittelpunkt einer aufgeregten Debatte im britischen Fernsehen. In der BBC-Sendung »Match of the Day«, der englischen Variante der »Sportschau«, diskutierten Moderator Gary Lineker und der ehemalige Manchester-City-Profi Micah Richards, wie man den Namen des portugiesischen Stürmers vom FC Liverpool ausspricht. So, wie man ihn schreibt, mit weichem »J« – Jot-a? Oder mit einem »Dsch«-Klang – Dscho-ta? Richards machte sich für die erste Variante stark, Lineker für die zweite, beide beharrten darauf, Jota schon immer auf ihre Weise ausgesprochen zu haben.

Vermutlich hätten sie sich noch länger in der Debatte verloren, wenn nicht Alan Shearer eingeschritten wäre, der dritte Mann in der Runde: »Egal, wie man ihn ausspricht – er ist ein fantastischer Spieler.«

Shearer kennt sich aus mit Stürmern. Der Ex-Profi ist mit 260 Toren Rekord-Torschütze der Premier League, mit deutlichem Vorsprung auf Wayne Rooney (208 Tore). Von solchen Werten ist der 25-jährige Jota zwar noch weit entfernt. Er steht nach 113 Einsätzen in Englands erster Liga für die Wolverhampton Wanderers und Liverpool bei 39 Treffern. Aber er ist der Mann der Stunde in Jürgen Klopps Mannschaft. Und einer der Hoffnungsträger im Spitzenspiel bei Manchester City am Sonntag (17.30 Uhr, SPIEGEL-Liveticker; TV: Sky), das eine Vorentscheidung in der Meisterfrage in England bringen könnte. Titelverteidiger City führt die Tabelle mit einem Punkt Vorsprung auf Liverpool an. Der Sieger des Treffens hat bei dann noch sieben Spielen beste Chancen auf den Titel.

Ein Schlüsselspieler der Aufholjagd

Es ist eine Überraschung, dass das Meisterrennen noch einmal spannend geworden ist. Eigentlich sah es so aus, als könnte City schon einmal die Pokalparade durch Manchester planen. 14 Punkte Vorsprung hatte der Titelverteidiger um den Jahreswechsel. Doch weil Pep Guardiolas Mannschaft bei der Niederlage gegen Tottenham (2:3) und den Unentschieden gegen Southampton (1:1) und Crystal Palace (0:0) Punkte verlor und Liverpool rechtzeitig vor der entscheidenden Phase der Saison eine Siegesserie hinlegte, ist die Meisterschaft wieder offen. Zehn Spiele nacheinander hat Klopps Auswahl zuletzt gewonnen. Sie brillierte dabei nicht immer, aber sie spielte effizient. Nur zwei Tore kassierte Liverpool in dieser Zeit.

In der Abwehr ist Virgil van Dijk nach seinem Kreuzbandriss in der vergangenen Saison wieder der gewohnte Führungsspieler. Sein Nebenmann Joël Matip spielt, weil endlich einmal verletzungsfrei, seine wohl beste Saison in Liverpool. In der Offensive kann Klopp rotieren, um die Ressourcen in seinem Kader zu schonen, angesichts des vollen Programms und der Aussicht auf vier Titel in dieser Saison. Den Ligapokal hat Liverpool schon gewonnen, FA-Cup, Meisterschaft und Champions League sind theoretisch noch möglich. Dass Klopp im Angriff mehr Auswahl hat, liegt an Luis Díaz, der im Januar vom FC Porto kam und sich blendend eingefügt hat. Und es liegt an Diogo Jota.

Konkurrenz für die großen drei

In seiner zweiten Saison an der Anfield Road hat Jota es geschafft, das etablierte Wundertrio im Angriff aus Sadio Mané, Roberto Firmino und Mohamed Salah aufzubrechen. Er hat sich etabliert im Sturm von Klopps Mannschaft und überzeugt durch seine Flexibilität. Jota kommt vor allem als Mittelstürmer zum Einsatz, spielt manchmal aber auch auf dem rechten oder linken Flügel. Mit 20 Toren in 41 Einsätzen in allen Wettbewerben ist er Liverpools zweitbester Schütze in dieser Saison hinter Salah (28 Treffer). Die jüngste Premier-League-Partie gegen den FC Watford wäre ohne Jota wohl nicht so eindeutig ausgefallen. Er erzielte das 1:0 und holte den Elfmeter heraus, den Fabinho zum 2:0-Endstand verwertete. »Seine Bewegungen erinnern die Veteranen von Anfield an Robbie Fowler«, schrieb hinterher die »Times«. Der lange gesetzte Firmino ist deshalb kein Stammspieler mehr, auch das hat der über Jahre gewachsenen Mannschaft neue Impulse verliehen.

Kaum aufzuhalten: Diogo Jota überragte gegen Watford

Kaum aufzuhalten: Diogo Jota überragte gegen Watford

Foto: Clive Brunskill / Getty Images

Sich in die richtige Position zu bringen, gehört zu Jotas Stärken. Am besten drückt das eine Zahl aus – sieben. So viele Kopfballtore hat er seit seinem Debüt für Liverpool Ende September 2020 erzielt. Kein Spieler in der Premier League kam seitdem auf mehr Treffer per Kopf. Dabei ist Jota kein geborenes Kopfball-Monster. Er ist schmächtig und mit 1,78 Metern vergleichsweise klein. Doch die Nachteile in der Physis gleicht er mit seinem Torinstinkt aus, mit dem Gespür dafür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. »Wenn ich auf dem Platz stehe, bin ich immer in der Lage, eine Chance für ein Tor zu finden« – so formuliert er das selbst.

Ein »Schnäppchen« für mehr als 50 Millionen Euro

Dass Jota aufblüht, spricht für die Transferpolitik des FC Liverpool. Seine Verpflichtung im Sommer 2020, nach Liverpools erster Meisterschaft seit drei Jahrzehnten, wurde skeptisch gesehen: 45 Millionen Pfund (umgerechnet rund 54 Millionen Euro) für einen Spieler, der zuvor mäßige Leistungen in Wolverhampton gezeigt hatte?

18 Monate später wird Jota in England als Schnäppchen gepriesen. Er ist bei Liverpool zum Schlüsselspieler geworden, während die mehr als doppelt so teuren Romelu Lukaku beim FC Chelsea und Jack Grealish bei Manchester City über weite Strecken enttäuschen. Zufall ist Liverpools Erfolg auf dem Spielermarkt nicht. Vor Jota bestachen schon Profis wie Andrew Robertson (kam für neun Millionen Euro aus Hull) oder Salah (kam für 42 Millionen Euro vom AS Rom) durch ihr Preis-Leistungs-Verhältnis. Wie sie hat auch Jota unter Jürgen Klopp ein neues Leistungslevel erreicht.

Macht aus guten Spielern herausragende: Jürgen Klopp

Macht aus guten Spielern herausragende: Jürgen Klopp

Foto: PATRICIA DE MELO MOREIRA / AFP

Klopp betreut nicht zum ersten Mal einen finanziellen Außenseiter (auf sehr gehobenem Niveau): Borussia Dortmund hatte in der Bundesliga nicht die Mittel des FC Bayern, der FC Liverpool kann finanziell nicht mit Manchester City mithalten. Klopp muss seine Spieler deshalb besser machen, das Maximum aus ihnen herausholen. In Dortmund gelang ihm das mit Profis wie Neven Subotic, Kevin Großkreutz oder Marcel Schmelzer. Bei Liverpool ist Jota das neueste Beispiel dafür, wie Klopp Spieler in Superstars verwandelt, denen man eine solche Verwandlung nicht zugetraut hätte. »Er wächst Schritt für Schritt in die Rolle des Weltklassestürmers. Er ist der Spieler, den wir uns erhofft hatten, und sogar noch ein bisschen besser«, sagte Klopp gerade: Jotas Entwicklung überrascht sogar den Trainer.

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