Fan-Protest bei Newcastle United Warum ein Premier-League-Klub Tickets verschenken muss, um sein Stadion zu füllen

Sportlich läuft es besser als erwartet - trotzdem sinken in Newcastle die Zuschauerzahlen. Teile der Fans protestieren so gegen den Klubbesitzer. Jetzt hoffen sie auf Hilfe aus Saudi-Arabien.
Von Hendrik Buchheister, Manchester
Fans von Newcastle United beim FA-Cup-Spiel gegen Rochdale Anfang Januar

Fans von Newcastle United beim FA-Cup-Spiel gegen Rochdale Anfang Januar

Foto: Laurence Griffiths/ Getty Images

Der St. James’ Park von Newcastle United gehört zu den beeindruckendsten Stadien der Premier League, und in den vergangenen Wochen erfreute sich die "Kathedrale auf dem Hügel", wie die Spielstätte einst von Trainer-Ikone Sir Bobby Robson getauft wurde, wieder bester Besucherzahlen. Gegen Everton, Chelsea und Leicester waren jeweils mehr als 52.000 Menschen da, am Nachmittag gegen Norwich City (16 Uhr; Liveticker SPIEGEL.de) dürfte es ähnlich sein.

Volle Spielstätten sind in der Premier League eigentlich normal. Doch bei den Magpies, den Elstern, ist das anders. In Newcastle hat ein ausverkauftes Stadion mittlerweile Nachrichtenwert.

Denn vor dem Jahreswechsel prägte oft das Grau leerer Sitzschalen das Bild bei den Heimspielen des aktuellen Tabellen-14. Im Schnitt kamen in der Hinrunde nur etwas mehr als 46.000 Zuschauer. Gegen den FC Southampton im Dezember verzeichnete der Klub mit 42.303 Anwesenden den schlechtesten Besuch seit neun Jahren. Dabei gehört Newcastle United eigentlich zu den am besten unterstützen Klubs Englands. Anders als in London, Manchester oder Liverpool müssen sich die Menschen am Tyne-Fluss nicht zwischen zwei oder mehreren Vereinen entscheiden.

Newcastle-Eigentümer Mike Ashley: Ungewöhnliches Manöver

Newcastle-Eigentümer Mike Ashley: Ungewöhnliches Manöver

Foto:

FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA-EFE/REX

Der Grund für die Lücken auf den Rängen war ein Boykott, den mehrere Fan-Gruppen aus Protest gegen Eigentümer Mike Ashley organisiert hatten. Der Besitzer einer Kaufhauskette für Sportartikel übernahm die Magpies vor zwölf Jahren. In dieser Zeit stieg der Klub zweimal ab und verkrachte sich mit Vereinslegenden wie Kevin Keegan und Alan Shearer. Der von den Fans verehrte Trainer Rafael Benítez schob seinen Weggang im Sommer darauf, dass die Klubführung seine "Vision" nicht teile. Sein Abschied war der Brandbeschleuniger für den Protest der Kundschaft.

Dass der St. James’ Park mittlerweile wieder voll ist, liegt an einem ungewöhnlichen Manöver des Vereins. Er verkündete nach dem Southampton-Spiel, dass jeder Dauerkarteninhaber zusätzlich eine kostenlose Dauerkarte für die Rückrunde beziehen könne. Die Aktion fand großen Anklang. Fast 10.000 Dauerkarten für die zweite Saisonhälfte hat der Verein angeblich verschenkt, innerhalb von 24 Stunden. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Eine SPIEGEL-Anfrage ließ der Klub unbeantwortet.

"Er will offensichtlich die Boykott-Bewegung zerstören"

Die Großzügigkeit soll ein Dankeschön an die Dauerkartenbesitzer für ihre Treue sein, so stellt es Newcastle United dar. Viele Fans haben eine andere Vermutung. "Es ist ein verzweifelter Move von Ashley. Er will offensichtlich die Boykott-Bewegung zerstören", sagt Joe Moore im Gespräch mit dem SPIEGEL. Er gehört zur Fan-Gruppe "Toon for Change", die den Boykott mit organisiert.

Auch an anderen Standorten in der Premier League regt sich Protest. Fans von West Ham United demonstrieren gegen die Besitzer David Sullivan und David Gold, Anhänger von Manchester United fantasierten erst in ihren Gesängen vom Tod der Glazer-Familie und Vorstand Ed Woodward, dann standen in der Nacht zu Mittwoch plötzlich Männer mit Kapuzen und Bengalischen Fackeln vor Woodwards Haus.

Selbst beim Champions-League-Sieger und Meister in spe FC Liverpool begehrten Fans auf, als der Verein im vergangenen Jahr versuchte, den Stadtnamen markenrechtlich schützen zu lassen. Der Protest in Newcastle ist aber wohl der hartnäckigste. Und im Moment ist die Hoffnung des Publikums wieder einmal besonders groß, Ashley in Kürze los zu sein.

Fans hoffen auf Saudi-Arabien

Wie schon öfter in den vergangenen Jahren steht der Verein angeblich vor dem Verkauf. Fraglich ist allerdings, ob das ein Grund zur Freude ist. Interessent ist nämlich der saudi-arabische Staatsfonds PIF. Amnesty International ist alarmiert und bezeichnet die mögliche Übernahme mit Verweis auf die Menschenrechtslage in dem Wüstenstaat als "Sportswashing", also als Image-Politur durch Sport.

Das Land ist im Moment vermehrt aktiv auf diesem Geschäftsfeld, unter anderem als Bühne des Schwergewichtskampfes zwischen Anthony Joshua und Andy Ruiz, des spanischen Fußball-Supercups oder der Rallye Dakar. Einen Verein in der populärsten Fußball-Liga der Welt zu übernehmen, wäre ein Coup für Saudi-Arabien. 

Der Anhang der Magpies hätte mit dem Deal kein Problem, wie es aussieht. Ganz im Gegenteil. Ein breites Fan-Bündnis appelliert öffentlich an Ashley , dieser "einmaligen Gelegenheit für unseren Klub, unsere Gemeinden und unsere stolze Stadt" den Weg freizumachen und den Verein zu verkaufen.

Die Abneigung gegen den aktuellen Besitzer ist größer als mögliche Zweifel am neuen.