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Länderspielpremiere Südsudans: Umjubelte Niederlage

Foto: Björn Zimprich

Premiere für Südsudans Nationalmannschaft Fußballfest auch ohne Blatter

Am Abend nach der rauschenden Feier zur Unabhängigkeit gibt Südsudans Nationalmannschaft ihr Länderspieldebüt. Trotz der Niederlage setzen Spieler, Funktionäre und Fans große Hoffnungen in den Fußball. Besonders ein Stürmer macht den Verantwortlichen Mut.
Von Helen Staude und Björn Zimprich

Die Luft in Juba ist drückend, schwüler als die Tage zuvor. Es ist Tag Zwei des jüngsten Staates der Welt. Die Feiern des Vortages sind kaum vorbei, schon steht das zweite große Highlight in der neuen Hauptstadt an: Zwei Wochen nach ihrer Gründung bestreitet die südsudanesische Fußballnationalmannschaft ihr erstes offizielles Länderspiel. Gegner ist der kenianische Spitzenclub Tusker F.C. - das Nationalteam hatte das Freundschaftsspiel kurzfristig absagen müssen.

Der Anpfiff ist für fünf Uhr am Nachmittag angesetzt. Aber schon ab drei Uhr dürfen die wartenden Fans das Stadion betreten. Das "Juba Football Stadion" ist frisch renoviert. Auf der beigen Farbe der Außenmauern lagert sich noch kein roter Staub ab. Den Auftrag für die Renovierungsarbeiten hat die chinesische Firma Fengwa bekommen - inzwischen der Normalfall in der Region und ein sichtbarer Hinweis auf den wachsenden Einfluss Chinas auf dem schwarzen Kontinent. Die Arbeiten gesponsert hat unter anderem der malaysische Öl-Konzern Petronas.

Jubelnd und voller Vorfreude rennen Männer und Frauen jeglichen Alters auf die kleine, weiße Tribüne. Zahlreiche Zuschauer hüllen ihre Körper in die Flagge ihres neuen Landes. Ungefähr hundert Fans sind aus Kenia angereist. Sie wollen ihre Mannschaft anfeuern - aber auch das Nationalteam Südsudans. Für alle ist der Moment historisch. Während der südsudanesische Fußball noch in den Anfängen steckt, kann man dies von der Fankultur nicht behaupten: Bereits Stunden vor dem Anpfiff heizen sich die Fans mit Sprechchören und Trompeten für das erstes Spiel ihrer Nationalelf ein.

"Ich bin beeindruckt. Die Nation ist geboren!"

Auf der Ehrentribüne sitzen 36 in Grün gekleidete Männer. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie sind Trainer aus dem Bundesstaat Zentraläquatoria, zu dem Juba gehört. "Ich bin beeindruckt. Die Nation ist geboren! Heute sind wir hier, um unsere Nationalmannschaft anzufeuern", sagt Joseph Lukuzke Scopas. Er trainiert die Mannschaft von Nyekwan Sports Club. "In Zukunft wollen wir eine starke Nationalmannschaft aufbauen." Auf die Frage, wie das Spiel ausgehen wird, will er sich nicht festlegen: "Fußball ist Fußball!", sagt er diplomatisch.

Eine Gruppe von Frauen am Spielfeldrand stimmt ein bekanntes Widerstandslied aus dem Bürgerkrieg an. Es besteht nur aus den Worten: "We will never surrender". Die Kulisse verleiht den Debütanten zunächst Flügel. Die ersten zwölf Minuten gehören dem Südsudan. Unter frenetischem Jubel setzt die Mannschaft die gegnerische Abwehr unter Druck. In Minute zwölf fällt das erste Tor, der 23-jährige Kapitän Khamis Leyano trifft und bringt das mit etwa 10.000 Zuschauern gefüllte Stadion zum Kochen.

Nach der Euphorie des ersten Tores gelingt es der Mannschaft nicht, weiter Druck auszuüben. Insbesondere die Abwehr bleibt bei den Dribblings auf kleinem Raum gegen die Kenianer anfällig. In der 25. Minute gelingt Tusker F.C. der mittlerweile verdiente Ausgleichstreffer. In der Folge bewahrt Torwart Yahiya Ahass seine Mannschaft ein ums andere Mal vor einem Rückstand.

Zur Halbzeit steht es 1:1. An der Seitenlinie steht Sahyi Lolaku, der die Mannschaft heute betreut. "Wir erwarten viel von unserem Team. Wir wollen gewinnen. Wir wollen der Welt beweisen, dass wir hier im Südsudan talentierte Spieler haben", hatte der Trainer vor dem Spiel die Marschrichtung vorgegeben.

Drei Jahrzehnte Krieg brachten Sudans Fußballtradition zum Erliegen

Bisher hat der Norden, wie die meisten Lebensbereiche auch den Fußball dominiert. Khartum sowie Omdurman im Nordsudan beherrschten die nationalen Geschicke des Sports, das Nationalteam des Sudans setzte sich fast ausschließlich mit Spielern der Erfolgsclubs Al-Hilal und Al-Merreikh zusammen.

International allerdings war der gesamte Sudan fußballerisch lange Zeit in der Versenkung verschwunden. Dabei gehört gerade der ehemals größte Staat Afrikas gemeinsam mit Äthiopien und Ägypten zu den wichtigen Drahtziehern, die den Kontinentalverband Caf ins Leben gerufen haben. 1957 richtete das Land die erste Afrikameisterschaft, den "Africa Cup of Nations", aus.

Lange Zeit gehörten die sudanesischen Fußballer zu den besten Afrikas, 1970 holte die Nationalelf, ebenfalls vor heimischer Kulisse, zum bislang ersten und einzigen Mal den Kontinentaltitel. Nach dem Vorrundenaus zwei Jahre später verpasste sie 1974 die Qualifikation für die Afrikameisterschaft - und trat in den folgenden Jahren nicht einmal mehr an. Der lang anhaltende Bürgerkrieg bedeutete das zwischenzeitliche Aus für den sudanischen Fußball. Erst nach dem Ende des Krieges 2005 konnten die sudanesischen Fußballer auf die internationale Fußballbühne zurückkehren. Unter Trainer Mohammad Abdallah erreichten sie 2008 nach 32 Jahren wieder die Endrunde der Afrikameisterschaft.

Viele der anwesenden auswärtigen Besucher imponiert das Spielniveau und die Leistung der frisch aus der Taufe gehobenen Nationalmannschaft. Auch John Kihoro findet lobende Worte für den Gegner: "Ich bin beeindruckt von der Leistung der Südsudanesen." Kihoro ist Landesmanager von Tusker Beer, dem Sponsor von Tusker F.C. "Die haben eine große Zukunft vor sich. Besonders die Nummer 10, James Joseph, ist ein großes Talent. Der wirbelt unsere Abwehr immer durcheinander. Wir sollten überlegen, ihn für unser Team zu gewinnen."

Eine spritzige Siegerehrung - leider ohne Sepp Blatter

Das Spiel geht weiter. Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit geht Tusker in Führung und spielt sich in den folgenden 15 Minuten eine Chance nach der anderen heraus. Die Spieler des Südsudans halten nun vor allem mit kämpferischen Mitteln dagegen, um sich nicht in ihre eigene Hälfte drängen zu lassen.

Als 30 Minuten vor Abpfiff das 1:3 durch ein Eigentor fällt, ist der Südsudan geschlagen. Nach einem Eckball von Tusker fälscht Zackria Mohamed den Ball unhaltbar für Torhüter Yahiya Ahass in den rechten oberen Torwinkel ab. Mohamed bleibt enttäuscht am Boden liegen. Das Spiel ist so gut wie entschieden. Ein paar gute, aber wenig zwingende Aktionen kann die Mannschaft noch herausspielen. Um 19.30 Uhr Ortszeit pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab. In Juba wird dennoch gefeiert.

Sahyi Lolaku Samuel äußert sich enttäuscht aber optimistisch: "Ich kann nicht sagen, dass ich zufrieden bin, aber ich bin trotzdem stolz. Es gab Fehler, aber die werden wir abstellen." Er lächelt trotz der Niederlage und plant in Gedanken bereits für die Zukunft. "Dieses Team ist so jung. Meinen Jungs sage ich einfach: Macht weiter, ihr werdet bald ein starkes Team werden."

Stürmer James Joseph gehört zu den überragenden Spieler seiner Mannschaft. "Wir haben unser Bestes gegeben, aber wir haben zu wenig Erfahrung. Viele gute Spieler des Südsudans sind noch im Norden. Sie konnten zu dem Spiel heute nicht kommen." Joseph hat keine Minute gezögert zu kommen und nahm gleich den ersten Flieger aus Goa, wo er in der indischen Liga spielt. "Trotzdem fühle ich mich unglaublich. Nach 20 Jahren Krieg stehe ich hier und fühle mich zuhause."

"Wir laden Sepp Blatter gleich nach diesem Spiel ein, uns zu besuchen!"

Während der Norden in der Qualifikation für die Afrikameisterschaft 2012 zwei Spieltage vor Schluss punktgleich hinter Ghana - immerhin Afrikas bestes Team bei der WM 2010 - liegt und beste Chancen auf den Gruppensieg hat, muss der Süden ganz von vorne anfangen.

"Wir werden für unsere Probleme Lösungen finden. Die größte Herausforderung ist unsere Infrastruktur. Unsere Stadien. Sehen sie dieses Stadion? Das ist unser bestes und meiner Meinung nach entspricht es nicht gerade internationalen Standards", sagt Oliver Mori Benjamin. Er war der erste Fifa-Schiedsrichter des Sudans. Heute ist er Mitglied des 2005 gegründeten nationalen Parlaments.

Ab jetzt wird der Verband ein Jahr lang "Caretaker-Mitglied". In dieser Zeit bereiten sie sich vor. Danach stellen sie den Aufnahmeantrag bei der Ffia vor. Benjamin ist optimistisch, die Vorbereitungen laufen gut. "Wir laden Sepp Blatter gleich nach diesem Spiel ein, uns zu besuchen!" Die "Süddeutsche Zeitung" hatte noch in der vergangenen Woche berichtet, Blatter werde zum Premierenkick gegen Tusker erscheinen, gekommen ist er jedoch nicht.

Als nach der Vergabe der Medaillen die Nationalhymne des neuen Südsudans ertönt, fangen zum zweiten Mal beim Klang der Melodie die Rasensprenger fröhlich an, Wasser auszuschießen. Die Spieler schauen ernst, alle stehen still. Auch die Spieler aus Kenia halten respektvoll ihre rechte Hand an die Brust. Wasser bedeutet Leben - ein gutes Zeichen für eine frisch gebackene Mannschaft.

Helen Staude und Björn Zimprich sind Autoren von Zenith, ihr Text ist auf der Website des Magazins  erschienen.

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