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23. Oktober 2000, 14:37 Uhr

Pressekommentare

"Überdosis von doppelter Moral"

Pressekommentare deutscher Tageszeitungen:


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Christoph Daum in der Drogen-Falle - er hat sich mit seiner Haar-Analyse selbst überführt. (...) Doch Hoeneß und die Bayern tun gut daran, jetzt nicht in Schadenfreude und Jubel-Partys auszubrechen. Zu sehr haben öffentliche Schlammschlacht und Drogen-Enthüllungen dem gesamten Fußball geschadet. Dieser Skandal kennt keine Sieger - der Sport hat verloren.


Frankfurter Allgemeine Zeitung: Der Begriff Verlierer reicht allerdings bei weitem nicht aus, um den Absturz des Trainers und des Menschen Daum zu vermessen. Wie aus einer Achterbahn geschleudert ist Daum an eine Wand geprallt, die Wirklichkeit heißt. Jetzt ist nicht nur sein Lebenstraum Bundestrainer ausgeträumt, jetzt erscheint der Mensch Christoph Daum in einem selbst angerichteten Elend hilfsbedürftig und bemitleidenswert.


Süddeutsche Zeitung: Es ist Unsinn, vom schwärzesten Tag des deutschen Fußballs zu sprechen. Der Bundesliga-Skandal der siebziger Jahre, als Fußballer bestochen und ganze Spiele gekauft wurden, war schlimmer. (...) Franz Beckenbauer hat die Affäre Daum mit so unsinnigen und peinlichen Bemerkungen kommentiert, dass seine Eignung als hoher DFB-Funktionär bezweifelt werden darf. (...) Wenn einer von beiden (Gerhard Mayer-Vorfelder, Reiner Calmund) vorgibt, von Daums persönlichen Problemen nichts gewusst zu haben, entlarvt er sich entweder als Lügner oder als Narr.


Frankfurter Rundschau: Zwar steht die B-Probe seiner Haaranalyse noch aus und nach gängigem Recht ist er bis dahin unschludig. Doch es ist schon erstaunlich, wie blitzschnell selbst Reiner Calmund von ihm abrückte und ohne irgendwelche Einschränkungen signalisiert hat, dass die Chancen für eine Rehabilitierung gegen null tendieren. Dass im deutschen Fußball eine Überdosis von doppelter Moral praktiziert wird, ist ein ganz anderes Kapitel und verblüfft wahrscheinlich die Wenigsten. Scheinheiligkeit und fehlende Zivilcourage sind dort längst salonfähig.


Die Welt: Nach dem 75-Jährigen sehr verdienstvollen Egidius Braun soll nun ein 67-Jähriger Multifunktionäre Mayer-Vorfelder, der an zahlreichen (Fehl-)Entwicklungen der letzten Jahrzehnte kräftig mitgestrickt hat, das Amt des DFB-Präsidenten übernehmen. Das ist kein Neuanfang, sondern eine Altlast. (...) Man kann Mayer-Vorfelder keinen Vorwurf machen, dass er Daums wahres Privatleben nicht kannte. Vorzuwerfen ist ihm aber, dass er die Warnungen von Uli Hoeneß in den Wind geschlagen hat, sich frühzeitig gegen Bayern München positionierte und nun wie ein dummer Junge dasteht, der von Daum genarrt ist.


Westdeutsche Allgemeine Zeitung: Heuchler - zwar nicht alle, aber viele. Die Gerüchte um ihn kannten sie seit Jahren, und sie haben ihn dennoch zum Bundestrainer ernannt. Deshalb ist Daum nicht nur ein Opfer seiner selbst, sondern ein Symptom für die brutale Gnadenlosigkeit dieser Gesellschaft.


Kölner Stadt-Anzeiger: In der Türkei hat Daum sein Wesen verändert. Weniger laut, weniger straßenköterhaft. In Leverkusen bot man ihm, was er wollte: Geld, Spieler und ein bedingungslos unterordnendes Umfeld. Er hat viel bewegt, auch viel erreicht. Einem wie Christoph Daum war all das auf Dauer zu wenig. Ihm wäre wohl auf Dauer alles irgendwie zu wenig gewesen.


Rheinische Post: Mit dem tiefen Fall des extrovertierten Extremtrainers wird dem Fußball-Geschäft zweifellos etwas verloren gehen. An Daum konnten sich Meinungen reiben, er polarisierte wie kein anderer, vereinigte Motivation, Mut und starke Rhetorik in engagierter Tagesarbeit. An einen Negativpol seiner weit gespannten Karriere getrieben, muss er nun allein um sich, seine Rehabilitation kämpfen.


Express/Köln: Der positive Befunde beim Drogentest rückt Werte zurecht. Daum wird in diesen Tagen lernen, dass sich der Wert eines Menschen nicht durch dessen Vermögen, Leistung oder Umfeld definiert. Er wird sehen, wer aus seinem halbseidenen Glitzer-Umfeld noch zu ihm steht.


Aachener Zeitung: Let`s have no party. Christoph Daum dürfte am morgigen Dienstag bei seinem 47. Geburtstag ziemlich einsam sein. Fernab von Leverkusen, irgendwo im Ausland, irgendwo zwischen Mallorca und Miami. In Leverkusen und ganz Fußball-Deutschland werden aber auch morgen noch ganz viele Menschen an Daum denken.


Kölnische Rundschau: Wir stehen nicht an, uns bei Hoeneß zu entschuldigen. Er hat mit seiner nach Gutsherren-Art geführten Kampagne, die uns auch weiterhin sehr missfällt, maßgeblich dazu beigetragen, vom deutschen Fußball noch größeren Schaden abzuwenden. Der Bayern-Repräsentant hat ein Tabuthema angestoßen, an das sich niemand rangetraut hat. The winner is: Uli H.. Aber ob er wirklich triumphiert?


tz (München): Bezeichnend: Für die Antidrogenkampagne "Keine Macht den Drogen" hat die Politik keine müde Mark mehr übrig, sie dümpelt nur noch vor sich hin und wird auch vom DFB kaum mehr unterstützt. Doch jetzt wundert sich alle Welt, dass fast ein Bundestrainer installiert wurde, der wohl drogenabhängig ist.


Münchner Merkur: Nachdem Bayern-Manager Uli Hoeneß die Drogen-Geschichte geschickt zum öffentlichen Thema gemacht hatte, gab sich Daum selbst den Rest. (...) Hoeneß, Beckenbauer und die anderen vom Meister Propper FC Bayern sollten nicht stolz sein auf die Rolle, die sie im traurigen Fall Daum spielten.


Abendzeitung (München): (...) So geriet Daum in eine permanente Beweisnot, die beinahe zwangsläufig in Selbstzerstörung mündete. (...) Aber womöglich vermitteln ihm die ausnahmslos von der Sorge um einen erkrankten Menschen getragenen Reaktionen die Einsicht, dass Entzug und Therapie hilfreicher sind als Täuschung und Selbsttäuschung. Wohin Realitätsverlust führen kann, weiß man spätestens seit dem fall des Kieler Ministerpräsidenten Uwe Barschel.


Stuttgarter Zeitung: Ihn (Daum) nur als Opfer darzustellen wäre allerdings falsch. Daum ist auch ein Täter, genauso übrigens wie Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer: Ihnen allen ist eines gemein: sie suchen ihren Vorteil und nutzen das System notfalls ohne Rücksicht auf (menschliche) Verluste.


Stuttgarter Nachrichten: Was unter Abzug sämtlicher Aufgeregtheiten bleibt, ist ein dunkles Kapitel in der deutschen Fußball-Geschichte. Doch davon gab es schon viele, und alle hat der Fußball überlebt. Auch diesmal wird der Ball wieder rollen.


Sächsische Zeitung (Dresden): Uli Hoeneß ist nicht der Gewinner, denn nach dieser Affäre gibt es nur Verlierer. Der Manager des FC Bayern München kannte die Zweifel an der persönlichen Integrität von Daum doch wohl schon Anfang Juli. Auf dem Krisengipfel nach der Europameisterschaft bestimmte Hoeneß - genauso wie die DFB-Vizepräsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder und Franz Beckenbauer - ihn trotzdem zum Nationaltrainer. Niemand hob in dieser Runde warnend den Zeigefinger und redete intern mit Christoph Daum über die Vorwürfe. Dann wäre für ihn der Weg aus der Schusslinie frei gewesen. Stattdessen wurde er auf üble Art zum Abschuss freigegeben.


Leipziger Volkszeitung: Die Schlammschlacht ist entschieden - es folgt die Zeit der Heucheleien. (...) Mit dem Ergebnis der B-Probe, das lediglich die medizinischen Erkenntnisse vom Wochenende bestätigen wird, ist das persönliche Kapitel Daum erst einmal abgehakt. Er kann nun damit anfangen, sich sein Leben neu einzurichten und wird - wenn er es will - nach Verstreichen einer gewissen Schamfrist vermutlich als Feuerwehrmann bei einer abstiegsbedrohten Mannschaft wieder ins Geschäft einsteigen. Die Weichen für einen großen Traditionsklub werden ihm jedoch versagt bleiben.


Neue Osnabrücker Zeitung: Wenn es zutrifft, dass führende DFB-Repräsentanten wie Gerhard Mayer-Vorfelder und Franz Beckenbauer von den schon seit Jahren kursierenden Verdächtigungen wussten, dann ist ihnen ein schwerer Vorwurf nicht zu ersparen. Dann hätten sie erheblich mit zur Eskalation der Situation beigetragen, und die nun geäußerte Betroffenheit erwiese sich als bloße Heuchelei.


Hannoversche Allgemeine Zeitung: Niemand sollte so naiv sein und glauben, dass Daum das einzige schwarze Schaaf der Branche ist. Dass schon früher Trainer wie Branko Zebec, Gyula Lorant oder Werner Biskup den Stress auf der Bank mit Alkohol bekämpft haben, ist fast in Vergessenheit geraten. Dem Trainer Daum kann man nicht mehr helfen. Dem Menschen Daum muss man helfen.


Hamburger Morgenpost: Hätte doch bloß einer Anfang Juli, als die Doppellösung mit Völler und anschließend Daum erfunden wurde, den Mund aufgemacht. Einfach nur den Kandidaten gefragt, was den dran sei an den wabernden Gerüchten um den Kokain-verschnupften Daum. Alle haben sie geschwiegen und damit haben sie sich alle mitschuldig gemacht. Die Mayer-Vorfelder, Beckenbauer, Rummenigge, Hoeneß und Co., diese ganze ehrenwerte Gesellschaft.


Hamburger Abendblatt: Sie sind ja alle unglaublich tief betroffen, Daum tut ihnen unheimlich leid. Alles Heuchler. Diejenigen, die Daum noch im Juli zum Bundestrainer beförderten, sollten jetzt weiterhin nichts tun. Nur schweigen. Sie haben das Recht verwirkt, sich zu Daum zu äußern. Egal, ob Beckenbauer, Mayer-Vorfelder, Rummenigge, Holzhäuser oder Calmund - sie haben kläglich versagt.

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