Pressespiegel "Der Ball rollt anders als gedacht"

Der tägliche Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Der Stil der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und ein Zwischenfazit dieses ungewöhnlichen WM-Turniers.


Südkorea marschiert: Hwang Sun Hong (Mitte) und seine Mitspieler verzücken ihre Landsleute
EPA/DPA

Südkorea marschiert: Hwang Sun Hong (Mitte) und seine Mitspieler verzücken ihre Landsleute

Deutschland und England stehen als erste Viertelfinalteilnehmer fest. Ausgerechnet die beiden alten Fußballmächte, die bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren Anzeichen der Degeneration zeigten und bereits in der Vorrunde ausschieden. Die ersten Reaktionen der Presse auf das (gerade in der ersten Hälfte) mäßige deutsche Spiel sind hierzulande wohlwollend. Jedoch muss der Montag abgewartet werden, um endgültige Aussagen zu treffen.

"Es ist keine schlechte WM bis jetzt. Ganz im Gegenteil: Es fallen viele Tore, es gibt viele temporeiche, höchst unterhaltsame Spiele. Das Niveau ist bemerkenswert hoch. Es wird sehr fair gespielt, böse Fouls bleiben die Ausnahme. Aber es wird wohl keine WM werden, an die man sich wegen ihrer Klassiker erinnern wird", zieht die FR ihr Zwischenfazit. In der NZZ lesen wir: "Scheinbar in Stein gemeißelte Hierarchien sind in Südkorea und Japan über Nacht über den Haufen geworfen worden." Im Allgemeinen wurde das Turniergeschehen als "unterhaltsam" (FAZ) erlebt, nicht zuletzt wegen der zahlreichen Überraschungen.

Rückkehr zu den "deutschen Tugenden"

Felix Reidhaar (NZZaS) ordnet den 1:0-Sieg gegen Paraguay in einen langfristigen Kontext ein. "Unter Rudi Völler wurde nicht nur, wie Günter Netzer dies kürzlich dem Selfmade-Coach bescheinigte, eine Abwärtsentwicklung gebremst. Sein Kader, den er in der Vorrunde schon beinahe ausschöpfen musste, scheint vielmehr im Begriff, in diesen Tagen in Asien wieder zu dem zusammenzuwachsen, was man eine Turniermannschaft nennt. Die Rückkehr auf den Pfad der früher so oft beschworenen "deutschen Tugenden" ist die wesentlichste Erkenntnis des ersten Achtelfinals dieser Endrunde, der die typischen Attribute eines Ausscheidungsspiels trug (...) Siegeswillen, Kampfbereitschaft und das Erzwingen des Glücks haben sich unter den weiß gewandeten Internationalen mit dem schwarzen Adler auf der Brust jedenfalls wieder harmonisch vereint."

Es war wahrlich kein schönes Spiel. Roland Zorn (FAS) über diesbezügliche Ursachen. "Dass dabei die Paraguayer nicht mitmachten, hatte mit einer eingebauten Verweigerungshaltung zu tun: Die Mannschaft ist ein gefürchteter Partykiller des internationalen Fußballs (...) Der bald abgelöste Weltmeister Frankreich - sollte das ein gutes Omen sein? - bekam es vor vier Jahren gleichfalls im Achtelfinale mit Paraguay zu tun, siegte durch ein Golden Goal von Laurent Blanc 1:0 und "würgte sich auch einen ab", wie Völler, der damals in Lens zugeschaut hatte, genau weiß."

Auch schmuckloser Fußball kann erfolgreich sein

Die Perspektiven der deutschen Elf analysiert Uwe Marx (FAS). "Natürlich gibt es keine Fußballgleichung, die besagt, dass den Titel holt, wer Paraguay im Achtelfinale schlägt. Es gibt aber auch keine Regel, die festschreibt: Wer so spielt wie Deutschland, der wird bei dieser WM nicht weit kommen. Zwar scheint Rudi Völlers Mannschaft tatsächlich spielerisch zu berechenbar zu sein. Aber es gibt ja schon seit langem die Gewissheit, dass auch schmuckloser Fußball erfolgreicher Fußball sein kann (...) Insofern befindet sich Deutschland in guter Gesellschaft: unter lauter Mannschaften nämlich, die wacker ihr Bestes geben, die zwar nicht dauerhaft glänzen, aber zumindest punktuell für etwas Licht bei dieser WM sorgen. Mit mehr ist nicht zu rechnen."

Die französische Tageszeitung Libération schreibt über das Achtelfinale Deutschland gegen Paraguay. "Die Gefährlichkeit der Südamerikaner liegt darin, dass sie ihre Gegner einzuschläfern wissen, was ihnen einmal mehr gelang. Deutschland hatte nur seltene Tormöglichkeiten und bereitete Chilavert kaum ernsthafte Sorgen. Aber die Deutschen wären nicht die Deutschen, wenn sie nicht ganz zum Schluss gewinnen würden. Dies haben sie vor allem dem Mann des Spiels zu verdanken: Oliver Neuville, der sich auf dem ganzen Terrain bewegte und am Ende für seinen Fleiß belohnt worden ist. Die deutsche Mannschaft, die dennoch negativ gesehen einem Sterbenden und positiv einem Rekonvaleszenten gleichkommt, wird nun am Freitag im Viertelfinale gegen Mexiko oder die USA spielen."

"Die Mannschaft gibt ihr Bestes"

Roland Zorn (FAZ 15.6.) fasst den bisherigen deutschen Auftritt zusammen. "Sie waren vor zwei Jahren nach ihrem schmählichen Vorrundenaus bei der Europameisterschafts-Endrunde auf Jahre hinaus totgesagt worden und sind inzwischen - die Franzosen mag es beim Blick nach vorn trösten - wieder da, wo sie hingehören: mittendrin im Kreis der Mannschaften mit höheren Ambitionen. Nur reden sie anders als früher nicht mehr laut darüber. Erst gewinnen, dann das nächste Ziel ins Auge fassen - mit diesem unprätentiösen, handwerklich soliden Anspruch ist Deutschlands Nationalelf, inzwischen in Korea stationiert, zumindest wieder auf dem Weg nach oben."

Den Einfluss Völlers auf Deutschlands Fußball beleuchtet Frank Ketterer (taz 15.6.). "Am besten erkennt man den Wert von Völlers Wirken dann, wenn man zurückblickt auf jene Zeit, in der es Völler noch nicht gab, jedenfalls nicht als Bundestrainer. Ein paar Schlagzeilen von damals: "Schlimmer gehts nimmer", schrieb der Spiegel, "Nationalelf der Schande" die Bild, und eine "Sehnsucht nach dem anderen" machte die taz aus. So war damals, vor zwei Jahren, als ein gewisser Erich Ribbeck bei der EM in Holland und Belgien die deutsche Nationalmannschaft abgewirtschaftet hatte, zurecht die Stimmung im Land. Das andere war am Ende und nach einigen Wirrungen Rudi Völler und tatsächlich wurde seit dem Tag seiner Teamchefwerdung doch manches anders in der deutschen Nationalmannschaft, und besser auch, das konnte man hier in Japan deutlich sehen. Das Team, das sich bei dieser WM präsentiert, ist nämlich nicht die Ruine, die Völler und natürlich auch Bundestrainer Michael Skibbe vor zwei Jahren übernommen haben. Es ist wieder eine Mannschaft, wenn auch nach wie vor eine limitierte, die ihren Fähigkeiten entsprechend manchmal mehr, manchmal weniger gut Fußball spielt, meist aber immerhin so, dass man den Eindruck hat, sie gibt ihr Bestes. Mehr kann ein Trainer kaum bewirken."

"Die Fußballwelt ist ein wenig aus den Fugen geraten"

Die stereotype Darstellung einzelner Fußballstile kritisiert Dario Venutti (NZZaS). "Fleiß, Disziplin und Pflichtbewusstsein gelten als "deutsche Tugenden". Sie werden besonders im Fußball bemüht, weil sich dieser als Projektionsfläche von vermeintlichen Nationalcharakteren gut eignet. Das aktuelle deutsche Team scheint die Attribute exemplarisch zu verkörpern: Es hat den Einzug in die Viertelfinals mit Beharrlichkeit und Fleiß geschafft, ohne (außer gegen Saudi-Arabien) spielerische Akzente zu setzen (...) Dem Klischee von den "deutschen Tugenden" entspricht dasjenige von den individualistischen, kreativen und ballverliebten Brasilianern, Italienern oder Argentiniern - allesamt vermeintlich undeutsche Eigenschaften. Solche Zuschreibungen sind im Kern nicht nur rassistisch, sondern auch falsch."

Thomas Kilchenstein (FR 15.6.) zieht ein Vorrundenfazit. "In den vergangenen zwei Wochen ist im fernen Südkorea und in Japan etwas geschehen, was kein Mensch hatte vorhersehen können: Der Ball ist anders gerollt als gedacht, völlig anders. Er ist nicht ins Aus gerollt, er ist in vermeintlich falsche Netze getreten worden, in die Netze derer, die eigentlich für die Triumphator-Rolle vorgesehen waren. Die Fußballwelt, man muss das so sagen nach diesem einzigen 14-tägigen Überraschungscoup, ist nicht mehr so, wie sie vor dem Eröffnungsspiel war; die Fußballwelt ist ein wenig aus den Fugen geraten, lieb gewonnene Erklärungsmuster verfangen auf einmal nicht mehr."

"indirekter-freistoss" ist die tägliche Fußball-Presseschau des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Unter der Leitung von Redakteur Oli Fritsch sucht ein Team aus jungen Wissenschaftlern in Tageszeitungen nach Neuigkeiten aus der Welt des Fußballs. Die Homepage bietet dem Fußballfreund aktuelle Hintergrundinformationen, zudem ein attraktives Gewinnspiel, Buchtipps und einen täglichen Newsletter.



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