Problemzone Abwehr Völler erwägt Rückkehr zur Dreierkette

Obwohl sich die Nationalmannschaft durch den klaren 4:1-Sieg über Kanada Selbstvertrauen für die anstehenden EM-Qualifikationsspiele gegen Schottland und die Färöer geholt hat, steht DFB-Teamchef Rudi Völler vor neuen Fragezeichen. Ausrechnet das Prunkstück einstiger Auswahlmannschaften, die Abwehr, bereitet derzeit große Sorgen.


Arne Friedrich, hier im Uefa-Cup-Einsatz gegen Fulhams Luis Boa Morte (l) leidet derzeit an einer Leistenverletzung
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Arne Friedrich, hier im Uefa-Cup-Einsatz gegen Fulhams Luis Boa Morte (l) leidet derzeit an einer Leistenverletzung



Wolfsburg - Als Konsequenz aus den bedenklichen Darbietungen der eingeplanten Abwehrkräfte Arne Friedrich und Frank Baumann sowie einer erneuten Blessur von Marko Rehmer (Hüftprellung) beim Testländerspiel gegen Kanada wird Völler den Stuttgarter Youngster Andreas Hinkel im Kader behalten. Ursprünglich sollte der 21-Jährige, nach seiner Einwechslung zur Halbzeit glänzender Vorbereiter des 2:1-Führungstreffers durch Paul Freier, die U21-Auswahl von Uli Stielike verstärken.

"Wir werden dieses Spiel einzuordnen wissen", versprach Völler und gab sich alle Mühe, das Kräftemessen mit den konditionell überforderten Kanadiern ins rechte Licht zu rücken. In Glasgow erwarte die DFB-Auswahl ein Gegner von ganz anderem Kaliber. Selbst die Färöer, am 11. Juni Kontrahent der DFB-Auswahl, seien physisch stärker einzuschätzen, meinte der 43-Jährige im kleinen Kreis. "Berti Vogts war sicher nicht besonders beeindruckt. Wie er das dann auf seiner Insel verkauft, ist eine andere Geschichte", sagte Völler an die Adresse des schottischen Trainers, für den der Auftritt der punktgleichen DFB-Auswahl in Wolfsburg ein weiterer Beleg für die Favoritenrolle der Deutschen in der EM-Qualifikationsgruppe 5 ist: "Schottland ist nur ein Zwischenziel."

Kehl und Baumann wieder auf der Bank


Vogts, viel beachteter Tribünengast in Wolfsburg, bezeichnete die vermeintliche Generalprobe des EM-Hauptkonkurrenten als "nettes Trainingsspielchen". Die Verwundbarkeit der deutschen Defensive dürfte den 56-Jährigen dennoch angenehm überrascht haben. Bundestrainer Michael Skibbe kündigte Konsequenzen aus dem Abwehrverhalten an: "Wir wollen eine Mannschaft stellen, die im defensiven Bereich in der Lage ist, zu null zu spielen. Gegebenenfalls werden wir umstellen." Der Bremer Frank Baumann, der das Gegentor durch den Ex-Cottbuser Kevin McKennna verschuldete, wird seinen Platz in der Innenverteidigung verlieren. Ebenso muss der Dortmunder Sebastian Kehl aus dem defensiven Mittelfeld weichen.

Angesichts der Unsicherheit um den Berliner Friedrich, der wegen anhaltender Leistenprobleme nicht in bester Verfassung ist, erwägt Völler sogar die Umkehr von der Viererkette auf das WM-System mit Carsten Ramelow als Abwehrchef eines Dreier-Verbundes. Ein Sonderlob verteilte Skibbe an den 21-jährigen Hinkel: "Wir waren sehr erfreut über seine Leistung. Er hat gezeigt, dass er kurz- und mittelfristig eine Alternative ist." Deshalb bleibt Hinkel beim A-Team, während Benjamin Lauth und/oder Kevin Kuranyi an die U 21 ausgeliehen werden.

Qual der Wahl im Mittelfeld


Fest gesetzt sind für Glasgow die Münchner Pokalhelden Oliver Kahn, Michael Ballack, Jens Jeremies sowie Miroslav Klose vom unterlegenen Finalisten 1. FC Kaiserslautern. Das Quartett komplettierte am Montag das deutsche Aufgebot. Das Ticket in der Tasche hat auch Fredi Bobic als Sturmpartner von Klose. Im Mittelfeld dagegen hat Völler die Qual der Wahl, zumal sich der Bochumer Paul Freier nach seiner Einwechslung in der zweiten Halbzeit mit einem quicklebendigen Auftritt regelrecht aufdrängte. "Wir jungen Spieler haben gezeigt, dass wir unsere Chancen nutzen wollen, wenn wir drankommen", sagte der 23-Jährige.

Nach einem lockeren Auslaufen am Montagvormittag, an dem außer Rehmer auch Carsten Ramelow (Achillessehnenprobleme) nicht teilnahm, gab Völler seinem Personal für den Rest des Tages frei.



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