Proteste zum Saisonauftakt Bayern-Fans verhöhnen Hoeneß und Rummenigge

Machtkampf beim FC Bayern: Der Club will eine gewaltbereite Fangruppe aus dem Stadion drängen - "Sippenhaft" nennen Fanvertreter das Vorgehen und kündigen Proteste an. Zum Bundesliga-Start droht Ärger in der Südkurve.

Eigentlich müssten die Bayern-Fans zufrieden sein: Für mehr als 70 Millionen Euro haben Manager Uli Hoeneß und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge ein Starensemble für die kommende Saison eingekauft. Trotzdem werden sie zum Bundesligaauftakt mit Pfiffen begrüßt werden - beim ersten Heimspiel am kommenden Samstag gegen den FC Hansa Rostock (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) sind Proteste programmiert.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wollen verschiedene Fan-Gruppen massiv gegen den Bayern-Vorstand demonstrieren - weil der Verein etliche Stadionverbote ausgesprochen und mehr als 500 Dauerkarten gekündigt hat. "Dabei handelte es sich um einen Akt der Willkür und Sippenhaft", schimpft Münchens Fanprojektleiter Günter Krause im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Das Vertrauensverhältnis zwischen Clubführung und vielen engagierten Fans ist kaputt", ergänzt Lutz Nagel, Vorstandsmitglied des Club Nr.12. Mit Flugblättern, Pins, Aufklebern und zwei Internetseiten wollen die Anhänger auf riesigen Plakaten ihrem Frust Ausdruck verleihen. "Ulis Gäste" steht, verziert von Hippieblumen in bunten Buchstaben auf dem einen Transparent. Ein anderes sieht aus wie der Barcode auf einer Lebensmittelverpackung. Aufdruck: "Kalles Kunden". Denn "über den Anschreiben zu den Jahreskarten steht inzwischen in großen Buchstaben 'KUNDENINFORMATION'. Da bekomme ich den Eindruck, dass ich nur noch eine austauschbare Nummer im Buchungssystem der FCBM AG bin", sagte Stefan Krammer vom Fanclub "Schlachtenbummler". "Unser Vizepräsident Fritz Scherer bezeichnet uns in einem Interview als 'Sozialticketempfänger'. Das sagt schon vieles über das Bild aus, das die AG vom Stehplatzpublikum des FC Bayern hat", ergänzt Tobias Ziegler, der wie sein Fanclubkollege in der Südkurve für Stimmung sorgt.

Im Mittelpunkt der Kritik steht Hoeneß, der bereits im Mai ein rigoroses Vorgehen gegen Störenfriede ankündigte: "Man muss sich auch das Recht rausnehmen, sich seine Gäste aussuchen zu können." Auslöser war ein Angriff von Bayern-Fans auf Anhänger des 1. FC Nürnberg. Beide Gruppen waren zufällig auf einer Raststätte in Würzburg aufeinandergetroffen. Dabei wurde die Frau des Nürnberger Busfahrers von einer vollen Cola-Flasche am Kopf getroffen und verlor ihr linkes Augenlicht. Gegen die 73 Bayern-Fans, von denen etwa 20 Personen aus dem Umfeld der Fangruppe "Schickeria" in die Angriffe involviert waren, verhängte der FC Bayern Stadionverbote.

"Das ist Sippenhaft"

Obwohl nur drei Personen heute noch in Untersuchungshaft sitzen, behalten die Aussperrungen bis zum Abschluss des Verfahrens ihre Gültigkeit. "So schlimm der Vorfall auch war, aber das ist Sippenhaft. Einige der Betroffenen waren nicht mal aus ihrem Bus gestiegen", sagt Fanprojektler Krause. "Zu unserem Bedauern ist der Vorfall in Würzburg bis heute nicht geklärt. Daher wird das Stadionverbot für alle 73 Bus-Insassen aufrechterhalten", sagt Bayerns Fanbeauftragter Raimond Aumann auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Kurze Zeit nach diesem Vorfall entzog der Verein 530 Fans die Dauerkarte, weil er eine alte Fanclubliste heranzog, auf der er "Schickeria"-Mitglieder vermutete. Nach stürmischen Protesten ruderten die Verantwortlichen wieder zurück. Jeder, der sich in einer schriftlichen Erklärung von der "Schickeria" und von Gewalt distanziert hatte, bekam plötzlich doch eine Dauerkarte.

Der Verein hält die Maßnahme für gerechtfertigt: "Jene 530 Dauerkarten-Inhaber standen auf einer Mitgliederliste der Gruppierung 'Schickeria', die dem FC Bayern vorlag. Der FC Bayern hat nach dem Vorfall in Würzburg sämtliche Dauerkarten gekündigt und gleichzeitig über das Fanprojekt München eine aktualisierte Mitgliederliste der 'Schickeria' angefordert. So sollten diejenigen Fans, die unwissentlich auf die Liste gesetzt wurden, die Möglichkeit haben, ihre Dauerkarten so schnell wie möglich zurückzuerhalten", erklärt Aumann. Weder das Fanprojekt noch die Gruppierung seien dieser Bitte je nachgekommen, so Aumann. "Deshalb hat der FC Bayern alle 530 gekündigten Dauerkarten-Inhaber noch mal angeschrieben, um sich schriftlich von Gewalt im und außerhalb des Stadions sowie von der Gruppierung 'Schickeria' zu distanzieren. Dies war Grundvoraussetzung, um die Dauerkarte wiederzuerhalten."

12.000 Euro für Gewaltopfer gesammelt

Panikmache oder Prävention? Fanprojektler Krause hält die Maßnahme für überzogen. Nach seinen Schätzungen gelten 20 von 700 Mitgliedern des umstrittenen Fanclubs als gewaltbereit. "Eine Verurteilung im Kollektiv führt nur zu noch mehr Solidarität", sagt Krause. Der Verein sei dabei, die Fanszene zu spalten. "Der Entzug der Dauerkarte hat einen großen Vertrauensschaden bewirkt. Es wäre sicher besser gewesen, die Herren Hoeneß und Aumann hätten vor dieser Maßnahme mal mit uns Fanprojektlern gesprochen", so der Sozialpädagoge. "Wenn jemand die Fanszene gespalten hat, dann die Schickeria selbst mit dem Vorfall in Würzburg. Der FC Bayern hat lediglich auf den Vorfall reagiert. Man kann sich nicht von einer Gruppierung distanzieren und ihren Mitgliedern gleichzeitig 530 Dauerkarten gewähren", hält Aumann dagegen.

Dabei hat es bereits vor vier Jahren einen ähnlichen Vorfall gegeben. "Damals hat sich der Verein nach seinem Salto rückwärts immerhin bei den Fans entschuldigt. Dieses Mal bekamen die Betroffenen am Ende nur kommentarlos ihre Jahreskarte zugeschickt", so Nagel. Die Fanorganisation hat in Zusammenarbeit mit anderen Fanclubs in den vergangenen Wochen 12.000 Euro Spenden gesammelt. Die eine Hälfte wird an die Frau des Nürnberger Busfahrers überwiesen, die andere an den Weißen Ring e.V.

"Wir sind alles andere als Gewalttäter, aber der Verein rückt uns immer mehr in dieses Licht. Aus Angst, bei irgendeinem zukünftigen Vorfall auf einer Mitgliederliste zu stehen und dann die Jahreskarte entzogen zu bekommen, sind sogar schon Mitglieder aus unserem Fanclub ausgetreten", so Nagel.

Auch zwischen den Fangruppen ist die Situation angespannt. Beim letzten Heimspiel der vergangenen Saison gab es erste Anfeindungen untereinander in der Südkurve. Am Samstag könnten die Proteste zu weiterem Ärger unter den Fans beitragen. Sofern die Protestler ihre Plakate überhaupt ins Stadion bringen dürfen. "Transparente und Flugblätter, die in der Allianz Arena angebracht oder verteilt werden, müssen zuvor genehmigt werden", warnt Aumann. Ganz egal, wie sich das Starensemble schlägt: Einige Anhänger werden das Stadion sicherlich nicht zufrieden verlassen.

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