Prozess gegen Ex-Juventus-Manager "Moralisch verdient er lebenslänglich"

Italiens Fußball steht wieder vor Gericht, es droht ein Mammutprozess. Im Manipulationsskandal der Serie A sitzt erneut der Hauptverdächtige, Ex-Juventus-Manager Luciano Moggi, auf der Anklagebank - und mit ihm die Glaubwürdigkeit der ganzen Liga.

Neapel - Eigentlich hat Luciano Moggi gar nichts gemacht. Zumindest nichts, was alle anderen nicht auch gemacht hätten, findet Moggi. Als der frühere Manager von Juventus Turin, der auch als Spielerberater tätig - und berüchtigt - war, jüngst in "Porta a Porta", der wichtigsten Polit-Talkshow des staatlichen TV-Senders Rai, auftrat, gab er an, sich nur branchenüblich verhalten zu haben.

"Alle haben (den italienischen Schiedsrichter-Koordinator, Anm. d. Red. ) Paolo Bergomi angerufen, nicht nur ich", berichtete Moggi, nur um dem staunenden Publikum sogleich zu versichern, dass Schiedsrichter niemals gekauft worden seien. Der einstige Strippenzieher der Serie A hatte eine andere Erklärung für merkwürdige Entscheidungen der Referees parat: "Sie sind möglicherweise von der einen oder anderen Mannschaft fasziniert", so Moggi. "Vielleicht geben sie deshalb einen Elfmeter, auch dann, wenn er gar nichts mehr nützt, bei einem 2:0 oder 3:0. Sie wollen womöglich Karriere machen." Bei der Nominierung für internationale Einsätze helfe dann vielleicht ein Club-Verantwortlicher, der im Verband als Funktionär Einfluss hat, vermutet Moggi.

Ob die Richter in Neapel den blumigen Ausführungen des 71-Jährigen Glauben schenken werden, ist allerdings fraglich. Am Dienstag beginnt im Justizturm der süditalienischen Stadt der nächste Prozess gegen Moggi, der gerade erst in Rom zu 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde.

Jetzt also Neapel: Ausgerechnet in dieser im Korruptionssumpf versinkenden Stadt muss er sich gemeinsam mit 23 weiteren Angeklagten des Vorwurfs erwehren, eine ganze Spielzeit - die Saison 2004/2005 - in Italiens höchster Liga manipuliert zu haben. Auseinanderzusetzen hat sich der mutmaßliche Fußball-Pate dann mit Staatsanwälten, die gewöhnlich Camorristi das Handwerk legen.

Auch Berlusconi ist als Zeuge geladen

Einmal mehr geht es um den "Calciopoli", jenes weitverzweigte System der Korruption und Manipulation, das den italienischen Fußball fest im Griff gehabt haben soll - und wohl immer noch hat. Über 600 Zeugen sind aufgerufen, die Welt des Calcio auszuleuchten. Allein 498 davon haben Moggis Verteidiger bestellt. Wie die "Gazzetta dello Sport" am Dienstag berichtet, sind die Richter trotzdem optimistisch, das Verfahren innerhalb eines Jahres abzuschließen. Am Eröffnungstag allerdings tauchte Moggi erst gar nicht auf, und der Verhandlungsbeginn wurde "aus technischen Gründen" auf den 24. März verschoben.

Unter den prominenten Zeugen befinden sich alle Club-Oberen der Serie A. Trotz ruhender Funktion ist auch Ministerpräsident Silvio Berlusconi, zuletzt von 2006 bis 2008 Präsident des AC Mailand, geladen.

Ob der, wie von der Verteidigung erhofft, ein guter Entlastungszeuge sein kann, ist aber fraglich. In einem parallel laufenden Prozess in Mailand fordert Berlusconis TV-Sender Mediaset von der Liga zur Zeit 25 Millionen Euro Strafe, weil die eingekauften Highlights wegen der Manipulationen nicht die gezahlten 61 Millionen Euro wert gewesen seien. Mal sehen, wie Berlusconi den Spagat hinbekommt, in einem Gerichtssaal Entschädigung wegen der Manipulationen zu fordern, in einem anderen aber die Manipulatoren selbst in ein günstigeres Licht zu stellen. Denn das, sagen Beobachter, ist zu befürchten.

Auch Moggis Strategie ist vorhersehbar: Er wird erneut behaupten, dass weder ein Skandal oder ein System namens "Calciopoli" jemals existiert hätten, noch eine kriminelle Vereinigung, die dahintersteht. "Die Cupola hat es gar nicht gegeben", sagt Moggi in Interviews mit seiner dunklen Stimme, die dank der Veröffentlichung seiner abgehörten Telefonate in allen italienischen Fernsehhaushalte einen hohen Wiedererkennungswert genießt. Als "Cupola" bezeichnen Journalisten gern das oberste Gremium der Cosa Nostra.

Tifosi-Kampagne "Gebt uns die Scudetti zurück"

Tatsächlich weigerten sich die Richter in Rom unlängst, die Bildung einer kriminellen Vereinigung als Anklagepunkt zu akzeptieren. Seitdem hat Moggi Rückenwind: Wenn es eine Art Mafia-Organisation im Fußball gar nicht gegeben habe, dann müsse man seinem Ex-Club Juventus Turin die beiden wegen Betrugs abgesprochenen Meistertitel 2005 und 2006 zurückgeben, argumentiert er flott.

Fans und Club-Verantwortliche aus Turin spenden begeistert Beifall. Die Tifosi haben bereits eine Kampagne "Gebt uns die Scudetti zurück" gestartet. Juve-Präsident Cobolli Gigli blickt voraus: "Wenn auch die Strafen im Prozess in Neapel so milde ausfallen, dann können wir guten Gewissens sagen, dass wir 29 Titel haben und uns zwei genommen wurden."

Im italienischen Fußballverband haben diese Gedankengänge dagegen Schrecken ausgelöst. "Das Sportgerichtsurteil ist nicht rückgängig zu machen", legt sich Verbandspräsident Giancarlo Abete fest - und verweist darauf, dass die Turiner Vereinsfunktionäre ziemlich voreilig sind. Denn bislang hat die Justiz über "Calciopoli" noch gar kein Urteil verhängt. Der Gea-Prozess in Rom Anfang Januar war nur ein Vorgeplänkel.

Moggi geht in die n ächste Instanz

Im Verfahren um die Machenschaften der Spielerberatungsagentur Gea wegen Nötigung wurde auch Moggis Sohn Alessandro verurteilt - zu 14 Monaten Haft. Doch beide wussten längst, dass er dank einer Justizreform die Strafe wohl nicht absitzen muss. Ohnehin fühlte sich Vater Moggi als Sieger, schließlich hatte die Staatsanwaltschaft sechs Jahre Haft gefordert. Selbst die 18 Monate auf Bewährung, die ihm selbst aufgebrummt wurde, will der einst gefürchtete Manager nicht akzeptieren.

"Wir legen Widerspruch ein. Vor der nächsten Instanz wird das Urteil kein Bestand haben. Das wird unsere Verlängerung sein. Und wir werden das Golden Goal erzielen", ist Moggi senior sicher. Nun ist das Golden Goal längst wieder abgeschafft - doch Moggi darf auf die Neigung italienischer Gerichte hoffen, die Strafen von Instanz zu Instanz geringer ausfallen zu lassen. Auch beim wesentlich umfangreicheren Verfahren in Neapel bleibt der Ausgang ungewiss - zumal die vermeintlich gewagten Aussagen Moggis etwa über die Schiedsrichter bislang unwidersprochen blieben.

Sollte sich der Angeklagte tatsächlich branchenüblich verhalten haben, mag ihm das vor Gericht helfen. Für den ohnehin an Strukturproblemen und finanziellen Schwierigkeiten kränkelnden italienischen Fußball wäre diese Erkenntnis in der Außenwirkung ähnlich verheerend wie der Manipulationsskandal der Saison 1979/80.

Was die Aufarbeitung im Neapel-Prozess bewirken wird, ist schwer einzuschätzen. Ein Schlusswort noch vor Beginn hat Maurizio Zamparini, Präsident des Erstligisten US Palermo, allerdings bereits gesprochen "Juristisch ist Moggi schwer beizukommen. Moralisch verdient er lebenslänglich."

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