Prozess gegen Blatter und Platini Der Opferkult der gefallenen Fußballbosse

Sie waren die mächtigsten Männer des Weltfußballs. Jetzt stehen Ex-Fifa-Chef Sepp Blatter und Ex-Uefa-Boss Michel Platini in der Schweiz vor Gericht. Dort tun sie, was sie immer taten: sich als Geschädigte inszenieren.
Ex-Fifa-Chef Blatter gibt Interviews vor dem Prozessgebäude in Bellinzona

Ex-Fifa-Chef Blatter gibt Interviews vor dem Prozessgebäude in Bellinzona

Foto: ARND WIEGMANN / REUTERS

Am Ende der Geschichte sind sie nun doch wieder vereint. Die beiden, deren Wege sich über die Jahrzehnte immer wieder gekreuzt hatten, die gemeinsam konspiriert und gegeneinander intrigiert haben, die mal die engsten Verbündeten waren und dann die ärgsten Feinde wurden.

Nun sitzen Joseph S., genannt Sepp, Blatter, 86, ehemaliger Chef des Fußballweltverbandes Fifa, und Michel François Platini, 66, ehemaliger Weltklassespieler, Ex-Boss des europäischen Fußballverbandes Uefa, nach all den Jahrzehnten wieder gemeinsam in einem Raum.

Und nicht nur das: Sie sitzen gemeinsam auf der Anklagebank vor dem Schweizer Bundesstrafgericht im malerischen Bellinzona im Tessin. Angeklagt des Betrugs, der Urkundenfälschung, der Veruntreuung und der Misswirtschaft. Mit anderen Worten: Angeklagt des Systems Fifa.

Die beiden würdigen sich am Donnerstag vor Gericht keines Wortes, kaum eines Blickes, beide sollen sich gar geweigert haben, im selben Fünfsternehotel abzusteigen. Die alte Seilschaft ist längst zerschnitten.

Tiefer Sturz nach 2015

Einig sind sie sich nur in dem tiefen Fall, den beide nach 2015 genommen haben. Nachdem die Ermittler einer Zahlung von zwei Millionen Franken Fifa-Geld von Blatter an Platini aus dem Jahr 2011 nachgegangen sind. Eine Ermittlung, die selbst unter merkwürdigen Umständen zustande kam. Aber wie kann es auch anders sein in einem System, in dem Merkwürdigkeiten die Normalität sind?

Michel Platini (M.) und seine Anwälte auf dem Weg zum Gericht

Michel Platini (M.) und seine Anwälte auf dem Weg zum Gericht

Foto: ALESSANDRO CRINARI / EPA

Worum geht es?

2011 hat Blatter Platini zwei Millionen Franken überweisen lassen, ein angebliches Beraterhonorar. Der Franzose galt damals als enger Parteigänger Blatters in der Fifa, 1998 hatte Blatter seine Wahl zum Fifa-Boss auch mit der Unterstützung Platinis durchgezogen. Der Franzose hatte ihm geholfen, die europäischen Stimmen zu organisieren, die nötig waren, um den eigentlich hoch favorisierten damaligen Uefa-Chef Lennart Johansson zu schlagen.

Es war ein typischer Blatter-Coup, man kann es auch einen Putsch nennen, im Hinterzimmer entstanden. Platini wurde anschließend mit dem Job eines Sportdirektors bei der Fifa belohnt, ein Amt, das extra für ihn geschaffen wurde.

»Er sagte, er sei eine Million wert«

300.000 Franken bekam Platini dafür jährlich überwiesen, das schien ihm aber nicht zu reichen, wenn man Blatter glaubt: »Platini sagte, er sei eine Million wert«, behauptet der Schweizer nun vor Gericht. Platini ergänzte in seiner Aussage: »Ich war noch nie in einer Behörde wie der Fifa, ich wusste nicht, wie sie funktioniert.« Also habe er, gefragt nach seinem Gehaltswunsch einfach mal »eine Million« geantwortet. Wie man das halt so macht.

Daher habe es 2011 die Nachzahlung von zwei Millionen gegeben. Das ist genau die Zahlung, wegen der sie nun beide vor Gericht stehen.

Dass Blatter dem smarten Franzosen die Millionen fast zehn Jahre, nachdem dieser seinen Sportdirektor-Job aufgegeben hat, zukommen lässt, klingt tatsächlich wenig glaubwürdig. 2011 war Platini längst Uefa-Chef, saß jetzt auf dem Stuhl von Johansson, eine letzte Demütigung für den Schweden.

Blatter und Platini, als sie noch im Amt waren

Blatter und Platini, als sie noch im Amt waren

Foto: Marcus Brandt/ dpa

Das Geld, so darf man stattdessen vermuten, könnte ein Dankeschön dafür gewesen sein, dass Platini die Wiederwahlen Blatters zum Fifa-Boss immer wieder tatkräftig mit Lobbyarbeit unterstützte. Auch in der Hoffnung, irgendwann Blatters Erbe als Weltfußballchef antreten zu können. Es war ein klassischer Fifa-Deal, selbstlos passierte im Weltverband schließlich nichts, als sie beide noch im Amt waren. In Amt und Würden kann man in ihrem Fall schlecht sagen.

Beleg auf wundersame Weise aufgetaucht

Dass daraus für Platini dennoch nichts wurde, lag daran, dass 2015 das ganze über Jahre geknüpfte Blatter'sche Netzwerk zusammenbrach. Die Razzia im Fifa-Hotel in Zürich, die Fifa-Korruption im Nachgang der WM-Vergabe an Russland und Katar, die Schmiergeldzahlungen, die die Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees über die Jahre kassiert hatten – all das wurde nun offenbar, all das wurde Teil der Ermittlungen. Der Selbstbedienungsladen flog auseinander.

Und mittendrin in all dem Wust der beschlagnahmten Akten, zigtausend Dateien und Dokumente tauchte auf fast wundersame Weise ganz früh der Beleg über die Millionenzahlung von Blatter an Platini auf. Nur wenige Monate nach der Razzia preschte die Schweizer Staatsanwaltschaft damit an die Öffentlichkeit vor – passenderweise, kurz bevor Platini die Blatter-Nachfolge antreten konnte.

Als einer, der zwei Millionen Franken ungeklärten Zwecks von Blatter angenommen hatte, war Platini als künftiger Fifa-Boss jäh erledigt. Stattdessen begann auf ähnlich wundersame Weise der Aufstieg von Platinis bis dahin unscheinbarem Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino zum neuen Fifa-Boss.

Blatter im Trubel der Ermittlungen 2015, mit Geldscheinen beworfen

Blatter im Trubel der Ermittlungen 2015, mit Geldscheinen beworfen

Foto: ARND WIEGMANN/ REUTERS

Dass die Schweizer Ermittler einen Tipp auf die Zahlung bekommen haben, gilt als wahrscheinlich. Dass dieser Tipp aus dem inneren Kreis von Fifa oder Uefa kam, ebenso. Bewiesen ist nichts, wie so oft in Sachen Fifa, aber klar ist, dass es einen Profiteur der ganzen Angelegenheit gab: Gianni Infantino.

Dies alles rückt auch die unrühmliche Rolle der Schweizer Ermittler noch einmal in den Fokus. Der frühere Bundesanwalt Michael Lauber, der sich schon bei den Ermittlungen zur DFB-Sommermärchen-Affäre nicht mit Ruhm bekleckerte, stolperte bereits über seine Fifa-Kontakte, und auch der damalige Ermittler Oliver Thormann, der am Donnerstag als Zeuge vernommen wurde, ist wegen seiner vermeintlichen Nähe zu Infantino im Zwielicht. Dass Thormann mittlerweile Richter am Bundesstrafgericht ist, wenn auch einer anderen Kammer, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie.

Anwalt spricht vom »Komplott«

Platinis Anwalt Dominic Nellen spricht denn auch angesichts dieses Gesamtbildes von einem »Komplott«, das hat eine ungewollt komische Note, denn im Schmieden von Komplotten waren wenige so versiert wie Platini und Blatter.

»Ziel der damaligen Geschichte war es, Herrn Platini als Fifa-Präsident zu eliminieren«, sagt Nellen, und es ist klar, dass dies die Strategie des Platini-Lagers im Prozess sein wird: Die ganze Sache als eine Intrige gegen ihn darzustellen. Was nicht unbedingt leicht werden dürfte. Infantino ist nicht einmal als Zeuge geladen. Stattdessen tritt die Fifa als Nebenklägerin auf, weil sie sich die zwei Millionen wiederholen will.

Blatter fährt auch eine Strategie, nämlich die, die man schon immer von ihm kennt. Er weiß von nichts, er wähnt sich komplett unschuldig, es sei »völlig unverständlich«, dass er sich hier als alter Mann im Gericht verantworten müsse. Die Ärzte haben ihm im Vorfeld attestiert, dass er maximal vier Stunden pro Verhandlungstag prozessfähig sei. Zum Auftakt am Mittwoch hatte er bereits die Vernehmung abgebrochen, mit dem Hinweis, er habe Atemprobleme und Brustschmerzen.

Noch am Morgen hatte er allerdings zahlreiche Interviews gegeben, war auf dem Weg zum Gericht keiner Fernsehkamera aus dem Weg gegangen und hatte davon gesprochen, wie »gut gelaunt« er in den Prozess gehe, während Platini ohne großen Kommentar an den Presseleuten vorbeigerauscht war. Blatter war immer so: Er liebte die Politik im stillen Kämmerlein, aber gleichzeitig konnte er nie ohne das Scheinwerferlicht.

Am Donnerstag konnte er dann doch vernommen werden: »Es geht mir schon viel besser«, teilte er Richterin Joséphine Contu Albrizio mit, um dann alle Vorwürfe in Bausch und Bogen zurückzuweisen: Das Geld an Platini sei nichts mehr als »eine verspätete Lohnzahlung« gewesen, so etwas gebe es »in jedem Verein«. Die Zahlung sei ein »Gentlemen's Agreement« zwischen beiden gewesen. Er benutzte tatsächlich das Wort Gentlemen.

Und überhaupt: Dass er hier vor dem Bundesstrafgericht zu sitzen habe, habe er lediglich der Vorverurteilung in der Öffentlichkeit zu verdanken: »Die Medien haben mich vorbestraft.« Joseph Blatter ist auch mit 86 Jahren noch der Alte.

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