PSG-Sieg über Madrid Kann eine Mannschaft besser sein ohne ihre besten Spieler?

Es ist lange her, dass Paris Saint-Germain sportlich für Schlagzeilen gesorgt hat, zuletzt ging es fast nur um Neymar. Gegen Real fehlte der Superstar - und PSG zeigte das beste Spiel seit Langem. Und jetzt?

Thomas Tuchel herzt Idrissa Gueye: Der Flüsterer
Charles Platiau REUTERS

Thomas Tuchel herzt Idrissa Gueye: Der Flüsterer

Aus Paris berichtet


Als der wohl imposanteste Sieg seiner Zeit als Trainer von Paris Saint-Germain feststand, marschierte Thomas Tuchel aufs Feld; er klatschte unterwegs manchen Spieler ab, der Profi aber, zu dem er wollte, war Idrissa Gueye. Als Tuchel ihn fand, umarmte er ihn, sekundenlang und innig, dann flüsterte er Gueye etwas ins Ohr.

Idrissa Gana Gueye kam im Sommer vom FC Everton, wo er drei Jahre lang im Mittelfeld spielte. Gueye ist kein Talent mehr, er ist 29 Jahre alt. Er ist aber auch kein Star. Gueye schießt keine Tore, er gibt kaum Vorlagen, man wunderte sich etwas, dass PSG 30 Millionen Euro für ihn zahlte. Beim 3:0-Erfolg über Real Madrid am Mittwochabend in der Champions League war er einer der Besten.

"Ich habe hart dafür gekämpft, dass wir diesen Spieler holen", sagte Tuchel später. Ob am Verhandlungstisch oder gegen Skeptiker im eigenen Verein, ließ er offen. Gueye verleihe dem Pariser Spiel Balance, sagte Tuchel. Gegen Madrid war das der Schlüssel.

PSG versucht cool und modern zu wirken

Heimspiele von Paris Saint-Germain sind eine große Show, gerade in der Champions League. Während die Aufstellung verkündet wird, pumpen Hip-Hop-Beats durchs Stadion und die Lichter flackern. Der Klub, 1970 gegründet, hat keine Historie wie die Madrilenen und erst recht nicht deren Titelsammlung. Also versucht er, fehlende Tradition wettzumachen, indem er cooler und moderner zu wirken versucht als Klubs wie Real.

Doch das beste Image nützt wenig, wenn nicht die großen Siege gelingen. In der französischen Ligue 1 gewinnt PSG zwar ständig, in der Champions League aber scheiterte man zuletzt sieben Jahre hintereinander spätestens im Viertelfinale.

Gegen Madrid fehlten die Superstars Neymar (gesperrt) und Kylian Mbappé (verletzt), für beide zusammen zahlte Paris über 400 Millionen Euro, sie sollten den Klub zum Champions-League-Titel schießen. Während anstelle Mbappés Pablo Sarabia auflief, strich Tuchel die Neymar-Position aus seiner Formation. Meist spielt der 27-Jährige auf der Nummer zehn in einer Freirolle. Diesmal gab es keinen Zehner, dafür stärkte Tuchel das Mittelfeldzentrum: Marquinhos spielte auf der Sechs, Gueye und Marco Verratti auf den Halbpositionen.

Früher Real, jetzt Matchwinner für PSG: Angel Di Maria
IAN LANGSDON/EPA-EFE/REX

Früher Real, jetzt Matchwinner für PSG: Angel Di Maria

Gueye machte weite Wege im Pressing und schien oft an mehreren Stellen zeitgleich zu sein. "Ich weiß nicht, wie viele Bälle er heute gewonnen hat. Und das waren keine einfachen Balleroberungen", sagte Abwehrchef Thiago Silva. Das Dreiermittelfeld war perfekt aufeinander abgestimmt; es hielt die Abstände kurz, sodass in Ballbesitz immer eine freie Option anspielbar war und gegen den Ball meist gedoppelt werden konnte. "Wir haben das Spiel kontrolliert, wir hatten eine Struktur", sagte Tuchel.

Real als Gegenstück zum Kollektiv

Das Pariser Mittelfeld, unterstützt von den Flügelspielern Ángel di María und Sarabia, die viel für die Defensive taten, war damit das exakte Gegenteil von dem der Madrilenen.

Bei den Gästen waren die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen so groß, dass jeder Spieler stets auf sich gestellt war. Real wirkte wie das Gegenstück zu Kollektiv. Nur: Wer sich statt auf planvolles Positionsspiel auf die Klasse Einzelner verlässt, sollte dafür sorgen, dass er Individualisten vom Weltklasseformat im Team hat. Womit wir wieder bei Neymar und Mbappé wären. Um beide soll sich Real im Sommer intensiv bemüht haben.

Während Mbappé Sarabia prompt verdrängen dürfte, sobald er fit ist, stellen sich bei Neymar Fragen.

Zeigt das 3:0 gegen Real, dass Paris ohne den Brasilianer stärker ist? Kann denn eine Mannschaft besser sein ohne ihren besten Spieler?

Was ist mit Neymar?

Der Brasilianer und die Debatte um ihn prägten den Transfer-Sommer. Bis zuletzt stand ein Wechsel nach Barcelona oder Madrid im Raum, Neymar selbst brachte Teile der PSG-Fans gegen sich auf. Als er am Samstag gegen Strasbourg erstmals in dieser Saison eingesetzt wurde, ertönten bei seinen Ballaktionen Pfiffe.

Paris gewann 1:0. Torschütze: Neymar, per Fallrückzieher.

Er mag nicht den besten Ruf haben, vielen gilt er als zu exaltiert, er falle zu oft und zu leicht, sei ein Schauspieler. Aber Neymar hat aber auch alles, was ein Offensivspieler der Extraklasse braucht: Technik, Kreativität, Speed, Abschluss, Spielintelligenz, Nervenstärke und die Vision für Pässe, die andere nicht sehen.

Ein französischer Held, ratlos in Frankreich: Real-Coach Zinedine Zidane
IAN LANGSDON/EPA-EFE/REX

Ein französischer Held, ratlos in Frankreich: Real-Coach Zinedine Zidane

Aber mit Neymar im Team läuft Paris immer auch Gefahr, jene Struktur zu verlieren, die Tuchel so wichtig ist. Gemeint ist damit, dass festgelegte Positionen stets besetzt sein sollen, mit dem Ziel, offensiv durch abgestimmte Bewegungen die gegnerische Abwehr zu überwinden, und im Moment des Ballverlusts so aufgestellt zu sein, dass kein Konter entstehen kann. Je mehr Spieler, die ihre Freiheiten brauchen, desto stärker gefährdet ist Tuchels Struktur.

Als er darauf angesprochen wurde, dass es ohne Neymar, Mbappé und den ebenfalls verletzten Edinson Cavani ja ganz gut gelaufen sei gegen Madrid, nickte Tuchel. Das könne sogar hilfreich sein, weil die Erwartungshaltung ohne diese Stars geringer sei. "Aber langfristig ohne die drei bestehen? Unmöglich."

Tuchel muss nun einen Weg finden, wie er die Balance wahren und zugleich die individuelle Klasse ausschöpfen kann. Ob ihm das gelingt, wird wohl darüber entscheiden, wie man seine Zeit in Paris einmal bewerten wird.

insgesamt 4 Beiträge
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mr-mucki 19.09.2019
1. neymar passt nicht ins System Tuchel
dieses ist schon lange allen Tatikfreunden bekannt, dass Neymar eigentlich nicht ins Spielsystem von TT passt. es kaschiert durch die unglaublich hohe Klasse der einzelnen Spieler. Neymar passt besser zu Barca oder mit abstrichen Juve und Real Madrid, wo CR7 und Harzard diese Position besetzten.
Barças Superstar 19.09.2019
2. Ja
Eine Mannschaft kann ohne die besten Individualisten besser sein. Nun sind die Ersatzspieler ja keine unfähigen Dilettanten, aber hier entscheidet sich halt wie das Team funktioniert. In der Musik ist das auch so. Die Beatles, Stones oder Led Zeppelin sind da zu nennen. Außerdem hatte PSG ein guten , RMA einen schlechten Tag.
ardiles 19.09.2019
3. Erwähnenswert ...
... sei hier noch, dass bei Real insbesondere Spieler wie Toni Kroos absolut schlecht spielten und damit erst den Sieg der Pariser ermöglichten. Was aber das defensive Mittelfeld der Pariser gestern spielte, war feinster Fußball
schueler79 20.09.2019
4. Nunja
In der Liga hat aber Neymar mit seinem spektakulärem Tor in der Schlussminute den Sieg für PSG ermöglicht. Und jetzt?
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