Psychologin Ohlert "Löw muss zeigen, dass er der Chef ist"

Was macht ein Bundestrainer, wenn seine Führungsspieler aus der Gruppe ausbrechen? Wirken sich die Attacken von Torsten Frings und Michael Ballack auf die Leistung der DFB-Elf aus? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt die Psychologin Jeannine Ohlert auch, wie der Konflikt gelöst werden könnte.


SPIEGEL ONLINE: Frau Ohlert, kann der Zwist zwischen Ballack, Frings und Löw die Leistung der DFB-Elf beeinträchtigen?

Ohlert: Zumindest wird der Zusammenhalt einer Gruppe extrem gestört, wenn sich kleine Gruppen bilden. Es gibt sicher Spieler, die Ballack und Frings beipflichten. Andere werden es nicht so sehen. Da könnte eine Spaltung entstehen, und das wirkt sich auf die Leistung aus.

Bundestrainer Löw: Die Mannschaft muss im Vordergrund stehen
Getty Images

Bundestrainer Löw: Die Mannschaft muss im Vordergrund stehen

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Konflikt für die Gruppendynamik in der Nationalmannschaft?

Ohlert: Eine Gruppe lebt davon, dass alle an einem Strang ziehen. Wenn das nicht passiert und jemand ausschert, gibt es Probleme. Ein Team funktioniert nur dann, wenn sich alle Mitglieder wohl fühlen. In der Psychologie nennt man das Gruppenkohäsion, so etwas wie Gruppenzusammenhalt. Das ist ein wichtiger Faktor für die Leistung einer Gruppe.

SPIEGEL ONLINE: Zumal ja immer betont wird, wie wichtig Teamwork für den Erfolg der Mannschaft ist.

Ohlert: Mit dem Zusammenhalt hängt auch die Einsatzbereitschaft zusammen. Laufe ich für den anderen oder nicht? Wenn ich mich mit jemandem nicht verstehe, sage ich 'Nö, dann soll der doch selber laufen.' Löws Spielsystem ist ein Teamwork-System.

SPIEGEL ONLINE: Kann das funktionieren? Im Fußball waren noch nie alle Spieler gleich. Und Ballack und Frings berufen sich auf ihre Rolle als Führungsspieler.

Ohlert: In der Mannschaft sind natürlich nicht alle gleich. Spieler, die länger dabei sind, so wie Frings und Ballack, müssen andere Rechte haben. Das bedeutet, dass sie gegenüber dem Trainer sagen können, was ihnen nicht passt. Man braucht ja Leute, die dann auf dem Platz sagen, wo es lang geht.

SPIEGEL ONLINE: Aber nichts anderes haben die beiden doch getan?

Ohlert: Aber sie dürfen diese Rechte nicht über die Presse einfordern, denn da redet man nicht miteinander, sondern übereinander. Gerade in Mannschaftssportarten ist es sehr wichtig, dass die Führungsspieler und der Trainer sich gut verstehen, immerhin sollen Ballack und Frings ja eigentlich das Bindeglied zwischen Trainer und Mannschaft bilden. SPIEGEL ONLINE: Stattdessen entsteht der Eindruck, beiden ginge es nur um das eigene Schicksal. Wie kann ein Trainer da gegensteuern?

Ohlert: Er muss sich mit beiden zusammensetzen und danach mit der gesamten Mannschaft. Löw muss klarmachen, wie er seine Standards setzt. Wie er seine Entscheidungen trifft. Und warum. Es ist wichtig, dass ein Spieler die Handlungen des Trainers versteht.

SPIEGEL ONLINE: Löw erklärt, es gehe ihm allein um die Leistung.

Ohlert: Und das ist ja richtig so. Leistung ist ein klares Kriterium, nach dem der Bundestrainer entscheidet. Löw hat ja vor dem letzten Länderspiel gesagt, dass Frings nicht fit ist. Er ist aufgrund seiner Verletzung ein bisschen hinter den Anderen zurück. Deshalb ist es auch keine Ausmusterung auf Dauer.

SPIEGEL ONLINE: Warum fürchtet Frings das dann? Ballack sieht ihn in einer Reihe mit Ausgemusterten wie Christian Wörns oder Oliver Kahn. Gibt es eine psychologische Erklärung für diese Art von Fatalismus? Immerhin war Frings vier Jahre lange Stammspieler.

Ohlert: Das hat sicher etwas damit zu tun. Lange konnte er sich darauf verlassen, aufgestellt zu werden. Das hat sich komplett gedreht. Er sitzt auf der Bank und muss wieder kämpfen. Das muss erst mal in den Kopf rein, wenn es überhaupt ankommt. Dazu kommt, dass er nicht mehr der Jüngste ist …

SPIEGEL ONLINE: Frings wird 32 …

Ohlert: … und im Sport ist es nun mal so, dass man jenseits der 30 härter für die Fitness kämpfen muss, um sich gegen die Jüngeren durchzusetzen. Das ist schwierig, aber machbar und liegt hauptsächlich an der Einstellung. Es ist leichter, sich beleidigt zu geben, als den Kampf anzunehmen. SPIEGEL ONLINE: Sein Konkurrent Thomas Hitzlsperger ist da in einer deutlich besseren Situation.

Ohlert: Thomas Hitzlsperger hat jetzt die ganze Zeit gespielt. Auch wenn Frings jemand ist, der sich verdient gemacht hat, muss Löw auf den aktuellen Leistungsstand gucken.

SPIEGEL ONLINE: Joachim Löw hat gesagt, dass er sich mit Michael Ballack zu einem Gespräch treffen will, und Ballack hat sich auch dazu bereit erklärt. Wie sieht so ein Gespräch denn konkret aus?

Ohlert: Das Wichtigste ist, erst mal gegenseitiges Verständnis aufzubringen. Wie sehen beide ihre Positionen, was ist schiefgelaufen, was kann man ändern? Ich glaube, das gleiche sollte Löw auch noch einmal mit Frings tun, weil der den Argumenten des Bundestrainers ja offensichtlich nicht folgen kann.

SPIEGEL ONLINE: Und was passiert danach? Nicht jedes Gespräch endet mit einem Konsens.

Ohlert: Falls es wirklich zu einem endgültigen Zerwürfnis kommt, steht für mich fest: Nicht die Einzelspieler dürfen im Vordergrund stehen, sondern die Mannschaft. Der Trainer ist letztlich derjenige, der über die Mannschaft bestimmt. Löw ist der Chef, er trifft die Entscheidungen, und Ballack und Frings müssen das akzeptieren. Wenn Löw sagt, Frings spielt nicht, dann kann sich Ballack auf den Kopf stellen und wird trotzdem nichts erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist das "Signal" an den Rest der Mannschaft, das nun alle von Löw fordern?

Ohlert: Er hat das Signal schon gesetzt, indem er Ballack zur Rede stellt und klargemacht hat, dass er nicht von seiner Position abrücken wird. Für den Rest der Mannschaft ist das Signal genug. Natürlich macht es auch Sinn, sich dann noch einmal mit dem ganzen Team zusammenzusetzen. Wichtig für alle sind klare Regelungen, vor allem, nach welchen Kriterien das Team aufgestellt wird.

SPIEGEL ONLINE: Steht Löws Autorität auf dem Spiel?

Ohlert: Da gibt es einen Unterschied zwischen interner und externer Autorität. Wichtig ist, dass alle in der Mannschaft, also auch Ballack und Frings, hinterher das Gefühl haben, dass Löw die Situation korrekt gelöst hat. Das kann konkret auch heißen, dass die beiden eine Strafe bekommen, weil sie zur Presse gegangen sind. Auf lange Sicht muss er zeigen, dass er der Chef ist, und durchgreifen kann. Regeln sind für alle gültig - auch für die Führungsspieler.

Die Fragen stellte Sebastian Trepper



insgesamt 1187 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Taubenus 10.09.2008
1.
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Durch die vielen Verletzten ist Herr Löw momentan dazu gezwungen, junge und/oder neue Spieler in sein Team einzubauen. Dies finde ich sehr gut. Die Frage wird sein, ob er das auch dann noch durchziehen will, wenn Ballack, Frings, Schneider & Co. wieder fit sind. Bei der EM hat man gesehen, dass er mehr auf verdiente Leute setzt, als auf Leistung. Jüngstes Beispiel: Klose. Heute hat er 3x getroffen, okay. Wir können aber nicht immer so lange warten. Spieler wie Schweinsteiger, Lahm, Podolski etc. haben schon jetzt gefühlte 100 Länderspiele hinter sich. Dabei sind sie fast alle noch unter 25 Jahre. Damit sind quasi viele Positionen über Jahre hinweg "stammbesetzt". Man kann sagen: das ist/wird eine eingespielte Mannschaft. Man kann man aber auch befürchten, dass es einen Stillstand über Jahre hinweg geben könnte. Die Leistungen unserer Elf kann man so schwer einschätzen, da sie sich dauernd mit "Hochkarätern" wie Belgien, Luxemburg und Finnland mißt bzw. messen muß.
Augeseiwachsam, 11.09.2008
2. Unvermögend
Was will Löw eigentlich gewinnen? Den Jugendpreis? Den Talentschuppen? Da machen 10 Finnen im Mittelfeld die Räume eng, und die Deutsche Elf steht vor unlösbaren Problemen! Unfassbar!! Klare Konturen fehlen. Westermann und Kuranyi raus, die Schalker Schule ist überhaupt keine, wenn dann eine Hauptschule! Hey Jogi, finde erstmal Mannschaftsteile, die in der Liga auch zusammenspeielen. Sonst bleibst du ewig derjenige, der mit dem Abgesang tanzt.
Kurt Kurzweg 11.09.2008
3. Lachen oder Weinen?
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Hier wird es wohl niemanden geben, dem die Leistung des teams gefallen. Wer sich - ganz gleich gegen welchen Gegner - DREI TORE einfängt muss sich (sehr) viele Fragen gefallen lassen...mon dieu, wir hatten mal die beste Abwehr der Welt...aber das Problem ist ja so neu nicht; man erinnere sich an die Spiele gegen England und Italien vor der WM...möchte nicht wissen, wieviel "Sauna-Olut" gestern abend in Suomi geflossen ist...
Jodeljedi, 11.09.2008
4.
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Na ja, ich habe unsere Elf schon stärker spielen sehen als gestern. Finnland ist eher ein Fußballzwerg und sollte unsere Defensive besonders in der Rückwärtsbewegung nicht derart gefährden können. Haben sie aber und damit ist auch die bisherige und zukünftige Aufgabenstellung unseres Bundestrainers hinreichend beschrieben. Leider ist die Schwäche unserer Verteidiger seit längerem bekannt und trotzdem wurde seit der WM06 kein nennenswerter Fortschritt erreicht.Auch das Mittelfeld hat bei weitem nicht genügend Druck aufgebaut um die Finnen in Schach zu halten. Gut gefallen hat mir die Moral der Truppe und das Miroslav Klose endlich wieder so überzeugend gespielt hat. Eine andere Sache ist das mit Herrn Gomez, wie viele Chancen braucht der denn noch? Gebt Helmes eine Chance. Gruß Jodeljedi
Tomislav, 11.09.2008
5.
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Das gestrige Spiel betrachtet, die Innenverteidigung. Tasci hat da sowieso nie hingehört (in die N11) und bei Westermann muss man sich auch fragen, ob er den Anforderungen eines Innenverteidigers auf diesem Niveu gerecht wird. Sobald der Ball irgendwie in der Luft ist, selbst wenn er nur 3 Meter vor ihm aufhopft, ist er überfordert und verschätzt sich. Wo war Enke, als der Ball beim 3:0 sich in seinen 5-Meter-Raum senkte? Überhaupt, so planlos wie die deutsche Abwehr da gestern rumgetorkelt ist, muss man sich schon fragen, ob der Torwart die selbige zu koordienieren in der Lage ist. Gott sei Dank hat Krisen-Klose gestern wieder getroffen, sonst wären wir noch zu null nach Hause geschickt worden. Gomez macht den Ball nichteinmal rein, wenn der ihm auf der Linie zurecht gelegt wird. Wieso hält er nicht einfach den linken statt dem rechten Schlappen hin??? Mit dieser Abwehr brauchen wir gegen die Russen gar nicht erst anzutreten, die hauen uns 5 Buden rein, wenn sich da nichts tut. Da ist mir ein Metzelder ohne Spielpraxis tausend mal lieber als das was da gestern zu sehen war.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.