Klubrivalitäten in der Nationalmannschaft Der Feind in meinem Team

Ärger im englischen Nationalteam: Citys Raheem Sterling und Liverpools Joe Gomez gerieten aneinander. Wie sich Klubfehden auf die Länderauswahl auswirken können, hat die Fußballhistorie schon oft gezeigt.

Barcelonas Gerard Piqué (l.), Real-Star Sergio Ramos: Im Klub getrennt, in der Nationalmannschaft vereint
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Barcelonas Gerard Piqué (l.), Real-Star Sergio Ramos: Im Klub getrennt, in der Nationalmannschaft vereint

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Manche Rivalitäten kann nicht einmal eine gewonnene Europameisterschaft verdecken. Die Feierlichkeiten anlässlich des deutschen EM-Triumphs 1996 waren noch nicht ganz abgeklungen, da attackierte Bayern-Profi Mehmet Scholl Dortmunds Matthias Sammer: "Wie dessen durchschnittliche Leistungen hochgepuscht werden, ist ein Witz. Den traut sich keiner mehr zu kritisieren." Laut dem damaligen Bundestrainer Berti Vogts habe das Team "vor der Spaltung gestanden".

Es folgten Krisensitzungen im Münchner Hilton und beim Italiener in Dortmund, eine Aussprache der "EM-Streithähne" ("Bild"-Zeitung) und am Ende eine Entschuldigung von Scholl. Für Bundestrainer Berti Vogts war eines ganz klar: "Die Attacke von Scholl und Strunz (der Sammer ebenfalls kritisiert hatte, d. Red.) war doch nichts anderes als das erste Scharmützel des FC Bayern im Krieg um die Deutsche Meisterschaft", sagte er damals dem SPIEGEL.

Klubrivalitäten, die auf die Nationalmannschaft abfärben, sind ein altes Thema, das ständig um neue Episoden erweitert wird. Aktuellster Fall: Manchester Citys Raheem Sterling wurde für eine Partie der englischen Landesauswahl gesperrt, nachdem er vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Montenegro in der Kantine des Teamhotels mit Liverpools Joe Gomez aneinandergeraten war.

EM-Sieger Scholl (l.), Sammer (r.)
Getty Images

EM-Sieger Scholl (l.), Sammer (r.)

"Da kochen die Emotionen schon einmal hoch"

Was in der Kantine genau vorgefallen ist, wurde nicht bekannt. Seinen Ursprung soll der Streit im vergangenen Spitzenspiel der Premier League zwischen City und Liverpool gehabt haben. Beim 3:1 der Reds waren Sterling und Gomez gegen Ende des Spiels aneinandergeraten - und der Streit ging wohl beim nächsten Aufeinandertreffen direkt weiter.

"Wir machen Sport, dort kochen die Emotionen schon einmal hoch, und ich war einfach überwältigt von meinen Gefühlen", schrieb Sterling später bei Instagram. Es sei ein "Fünf-bis-zehn-Sekunden-Ding" gewesen. Für Nationaltrainer Gareth Southgate war klar: "Wir müssen die Rivalitäten zwischen Klubs in der Nationalmannschaft trennen."

Joe Gomez (l.), Raheem Sterling
Carl Recine/REUTERS

Joe Gomez (l.), Raheem Sterling

Leichter gesagt als getan. Vor allem, wenn die Rivalität bereits Jahrzehnte andauert - wie bei den spanischen Ausnahmeklubs Real Madrid und FC Barcelona. Spätestens seit der Franco-Zeit ist der Graben zwischen beiden Klubs tief, richtig an Fahrt nahm die Feindschaft noch mal mit dem Engagement des portugiesischen Trainers José Mourinho bei den "Königlichen" zwischen 2010 und 2013 auf.

"Es war Hass"

Barcelona-Star Andrés Iniesta verriet einst der "Sport Bild": "Er hatte einen entscheidenden Anteil an der schlechten Beziehung zwischen Barça und Madrid." Die Rivalität hätte sich auch auf die Nationalmannschaft übertragen: "Es war unerträglich. Das Ganze hat dem Team großen Schaden zugefügt. Es hatte nichts mehr mit der üblichen Rivalität zu tun, es war Hass."

Zwar gewannen die spanischen Spieler gemeinsam die Europameisterschaften 2008 und 2012 sowie die Weltmeisterschaft 2010, allein in den fünf Clássicos der Saison 2010/2011 gab es fünf Platzverweise und 37 Gelbe Karten.

Und auch heute gibt es die Rivalität noch: Erst im März dieses Jahres nahm sich Barcelonas Gerad Piqué, der wegen seines Engagements für die katalonische Unabhängigkeitsbewegung auch schon von Fans ausgepfiffen wurde, Reals Sergio Ramos vor, als dieser seinen Klubkollegen Lionel Messi mit dem Unterarm im Gesicht getroffen hatte. "Sergio hat mir gesagt, dass es einen leichten Kontakt gab, aber wenn Leo dann blutet, ist das schwer zu glauben", hatte Piqué gesagt.

Gerard Piqué (l.), Sergio Ramos
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Gerard Piqué (l.), Sergio Ramos

Diese Geschichten ziehen sich durch Europa. In Nordirland sorgten die Spannungen zwischen mehrheitlich protestantischen und katholischen Klubs auch in der Nationalmannschaft immer wieder für Konflikte.

Auch Scholes berichtet von Rivalitäten

In Griechenland verhinderten vor dem EM-Triumph 2004 mit Otto Rehhagel auch die Rivalitäten verfeindeter Klubs, dass Spieler mit großer Lust zur Nationalmannschaft fuhren. "Bevor Herr Rehhagel kam, lag vieles im Argen", sagte Nationalspieler Vassilios Tsiartas von AEK Athen einst dem "Kicker". In England erzählte Manchester-United-Legende Paul Scholes von Spannungen zu seiner aktiven Zeit - noch weit vor Sterlings Attacke gegen Gomez.

Griechenland-Trainer Otto Rehhagel mit Pokal
imago images

Griechenland-Trainer Otto Rehhagel mit Pokal

In Deutschland hatte es, laut Vogts, in der Bundesligageschichte immer wieder Reibereien in der Nationalmannschaft gegeben. "Zwischen Mönchengladbach und Köln, zwischen Gladbach und Bayern. Der Unterschied ist, dass heute hundert Kamerateams auf dem Trainingsplatz lauern - und dass die Spieler lernen müssen, souverän damit umzugehen", sagte er 1996 dem SPIEGEL.

Eine besonders giftige, hitzige Atmosphäre existierte 2012 in der deutschen Nationalmannschaft - erneut zwischen Spielern von Borussia Dortmund und dem FC Bayern. Die sportliche Rivalität war damals auf dem Höhepunkt, bedingt durch die guten Leistungen des BVB, der den Münchnern die Vormachtstellung in der Bundesliga abzujagen schien.

Ehemalige DFB-Teamkameraden Hummels (vorn), Schweinsteiger
imago images

Ehemalige DFB-Teamkameraden Hummels (vorn), Schweinsteiger

Die Backpfeife

Besonders der 5:2-Pokalsieg des BVB kurz vor der EM legte die Konfliktlinien offen. Bastian Schweinsteiger leistete sich einige harte Fouls, Mats Hummels beschimpfte den Bayern-Mittelfeldspieler dafür, dieser keilte zurück. Hummels grätschte Thomas Müller in die Beine, Mario Gomez räumte Marcel Schmelzer ab. Joachim Löw musste sich Sorgen machen, erreichte dann mit dem DFB-Team nur das Halbfinale - trotz Titelambitionen.

Einer der größten öffentlich sichtbaren Eklats in der Nationalmannschaft hatte allerdings wenig mit Klubrivalitäten zu tun: Die Backpfeife des jungen Lukas Podolski gegen den damaligen DFB-Kapitän Michael Ballack wird wohl andere Gründe gehabt haben.

So oft treffen der FC Chelsea und Bayern München dann doch nicht aufeinander, dass daraus eine große Rivalität entstehen könnte.

Michael Ballack (l.), Lukas Podolski
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Michael Ballack (l.), Lukas Podolski

insgesamt 9 Beiträge
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oneworldnow 12.11.2019
1. Wäre vielleicht angebracht
im Vorfeld der Nominierung für EM/WM,die Kandidaten diesbezüglich psychologisch zu bewerten und auszuwählen.
noalk 12.11.2019
2. Teamplayer
Was ich da lese, erweckt in mir den Eindruck, dass viele Spieler eine psychisch gestörte Persönlichkeit haben. Muss wohl so sein, wenn man (in dieser Krampfsportart) erfolgreich sein will.
widower+2 12.11.2019
3. Diese Rivalitäten
haben über Jahrzehnte größere Erfolge der spanischen Nationalmannschaft verhindert, die von der Qualität der Spieler her in den letzten 90 Jahren immer zu den Topteams zählte, aber regelmäßig (außer 1960) spätestens im Viertelfinale scheiterte.
meresi 12.11.2019
4. Also doch
mehr Kindergarten oder so. Solche Situationen zu bereinigen, dafür ist der Trainer zuständig, mMn. Was natürlich manchmal sehr schwierig sein kann, solche Animositäten unter den Spielern zu bereinigen. Aber ja doch, Unruhestifter gehören ausgesperrt. Auch wenn er Müller heißt und vom FC Bayern kommt.
Max Hermann 12.11.2019
5. Menschlich
Trittst hochmotiviert im Spitzenspiel an der Anfield Road an, wirst 90 Minuten lang ausgepfiffen, kriegst nichts gerissen, hast Stress mit Gomez, verlierst 3:1 und den Kontakt zu Platz 1. mit 9 Punkten Unterschied, die ganze Welt sieht das und zwei Tage später steht der in der Kantine vor Dir..... Ich mache Sterling keinen Vorwurf....
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