Absurder Elfmeterpfiff in der Champions League Hätte Sterling beichten müssen?

Er trat in den Boden, dann gab es Strafstoß: Raheem Sterling von Manchester City profitierte gegen Donezk von einer krassen Fehlentscheidung. Wie viel Fairplay darf man von Profis erwarten?
Von Alex Feuerherdt
Raheem Sterling (l.)

Raheem Sterling (l.)

Foto: ANDREW YATES/ REUTERS

Im Nachhinein tat es Raheem Sterling leid. "Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich habe keinen Kontakt gespürt und möchte mich beim Schiedsrichter entschuldigen", sagte der Angreifer von Manchester City nach der Champions-League-Partie gegen Schachtar Donezk (6:0).

Der Grund für Sterlings Entschuldigung war dieser: Nach 24 Minuten hatte der 23-Jährige beim Versuch, den Ball über den Torwart zu lupfen, ohne jede gegnerische Einwirkung in den Rasen getreten. Sterling stürzte. Zur Überraschung aller entschied Schiedsrichter Viktor Kassai auf Strafstoß. Offenbar hatte der erfahrene ungarische Unparteiische aus der Art und Weise, wie Sterling fiel, auf ein Foul geschlossen. Gabriel Jesus verwandelte den Elfmeter zum 2:0 für City.

Hätte Sterling zum Schiedsrichter gehen sollen?

Eine krasse Fehlentscheidung, die zu verhindern gewesen wäre, wenn ein Video-Assistent die Szene überprüft hätte. Den aber gibt es in der Königsklasse erst ab der kommenden Saison, zumindest falls die Uefa ihre Pläne nicht ändert.

Hätte Sterling zum Schiedsrichter gehen und ihm mitteilen sollen, dass er nicht gefoult wurde? Hätte der Referee den Spieler befragen sollen? Kann und soll man das eine oder das andere erwarten, gar verlangen?

In den Fußballregeln findet man dazu jedenfalls keine Antwort. Dort heißt es lediglich: "Der Schiedsrichter entscheidet nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne der Spielregeln und im 'Geist des Fußballs'. Er trifft die Entscheidungen basierend auf seiner Einschätzung und hat die Ermessenskompetenz, die angemessenen Maßnahmen im Rahmen der Spielregeln durchzusetzen." Ändern darf er eine Entscheidung grundsätzlich bis zur Spielfortsetzung, "wenn er feststellt, dass diese nicht korrekt ist, oder von einem anderen Spieloffiziellen einen Hinweis erhalten hat".

Es gibt im Fußball jedoch auch so etwas wie ungeschriebene Gesetze. Eines davon lautet: Die Befragung eines Spielers durch den Schiedsrichter ist prinzipiell statthaft, aber die Ultima Ratio, also die absolute Ausnahme. Sie soll es nur geben, wenn dem Unparteiischen beispielsweise aufgrund ungewöhnlich heftiger Proteste in einer spielrelevanten Situation, etwa nach einem Elfmeterpfiff, erhebliche Zweifel an der Richtigkeit seiner Entscheidung kommen und ihm auch seine Assistenten nicht weiterhelfen können.

Allerdings greift kein Schiedsrichter gerne zu diesem Mittel. Schließlich geht damit immer die Gefahr eines Autoritäts- und Kontrollverlustes einher - weil eine Schwäche eingeräumt wird, die von den Spielern ausgenutzt werden könnte.

Spieler nehmen die Ausnahme gerne zum Anlass, um den Referee bei den nächsten sich bietenden Gelegenheiten erneut dazu aufzufordern, doch bitteschön den Gegner ins Gebet zu nehmen. Zudem setzt der Unparteiische mit einer Befragung den Betreffenden unter Druck, er bürdet ihm die Verantwortung für eine Entscheidung auf, die laut Regelwerk ausschließlich er selbst zu treffen hat.

Der Schiedsrichter liefert sich aus

Gleichzeitig liefert er sich der Antwort des Spielers aus. Wenn er Glück hat, ist der Befragte ehrlich, wenn er Pech hat, zieht dieser sich darauf zurück, es selbst nicht so genau zu wissen - oder er sagt gar die Unwahrheit.

So wie Oliver Held vom FC Schalke 04 im Bundesligaspiel gegen den 1. FC Köln Ende April 1998. Beim Stand von 0:0 hatte er auf der eigenen Torlinie einen Schuss von Toni Polster absichtlich mit der Hand abgewehrt, doch Schiedsrichter Uwe Kemmling war das entgangen. Die abstiegsbedrohten Kölner tobten, Kemmling befragte Held daraufhin - und der Schalker sagte, er habe den Ball mit dem Kopf geklärt. Den Elfmeter gab es nicht, Schalke gewann, Köln stieg ab - und Held wurde vom DFB wegen seiner Falschaussage für zwei Spiele gesperrt.

Denn von den Spielern wird Fairness erwartet. Dazu gehört, bei einer Befragung durch den Schiedsrichter nicht zu lügen. Im Gegenzug wird auf eine etwaige persönliche Strafe verzichtet. Hätte Held die Wahrheit gesagt, hätte das zwar den Strafstoß zur Folge gehabt. Um den fälligen Platzverweis wegen der Verhinderung einer offensichtlichen Torchance aber wäre er herumgekommen. Für den Fall Sterling heißt das, dass es nur einen Schiedsrichter-Ball gegeben hätte.

"So wollen wir kein Spiel gewinnen"

Ähnlich selten wie eine Befragung durch den Schiedsrichter kommt es vor, dass Spieler von sich aus auf den Referee zugehen und beichten, dass sie von seinem Fehler profitieren. Wer handelt schon freiwillig zum eigenen Nachteil, wenn viel auf dem Spiel steht? In der Bundesliga wurde zuletzt im März 2014 ein Strafstoß zurückgenommen, weil der vermeintlich Gefoulte den Unparteiischen darauf aufmerksam machte, nicht regelwidrig zu Fall gebracht worden zu sein.

Aaron Hunt, damals noch in Diensten von Werder Bremen, war im Spiel beim 1. FC Nürnberg nach einem Zweikampf mit Javier Pinola im Strafraum zu Boden gegangen. Schiedsrichter Manuel Gräfe entschied auf Strafstoß, doch Hunt klärte ihn darüber auf, dass er freiwillig gefallen war. "Ich wollte den Elfmeter haben, aber es war nicht die richtige Entscheidung von mir", sagte er. "Es war schnell klar für mich, dass ich da die Wahrheit sage. So wollen wir kein Spiel gewinnen, auch wenn es im Abstiegskampf ist."

Bei Raheem Sterling kam die Reue erst nach dem Schlusspfiff, als niemand mehr etwas davon hatte.

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