Abwahl von DFB-Funktionär Koch Das große Aufräumen

15 Jahre lang ging im Präsidium nichts ohne Rainer Koch, jetzt hat der DFB-Bundestag seine Ära jäh beendet. Die Abwahl des Ewig-Funktionärs war eine Überraschung. Kann der neue Boss des Fußballbunds jetzt freier handeln?
Aus Bonn berichtet Peter Ahrens
Sitzung des DFB-Bundestags am Freitag in Bonn: Bernd Neuendorf ist gewählt, Rainer Koch (r.) nicht

Sitzung des DFB-Bundestags am Freitag in Bonn: Bernd Neuendorf ist gewählt, Rainer Koch (r.) nicht

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Federico Gambarini / dpa

Am Ende hatte Rainer Koch doch wieder allen die Show gestohlen. Eigentlich sollte dieser DFB-Bundestag die Bühne für den neuen Präsidenten Bernd Neuendorf werden, aber am Schluss des langen Sitzungstages im Bonner Kongresszentrum sprach dann doch wieder alles über die langjährige DFB-Eminenz. Wenn auch nicht so, wie Koch das gern gehabt hätte.

Seine überraschende Abwahl aus dem DFB-Präsidium war die Schlagzeile des Tages rund um den an Schlagzeilen zuletzt wirklich nicht armen Deutschen Fußball-Bund. Nach 15 Jahren ist die Ära Koch zu Ende, und wenn in den vergangenen Tagen immer vom Neuanfang beim DFB die Rede war, dann ist das nun tatsächlich konkret geworden.

Seit 2007 sitzen Koch und der frühere Schalker Finanzchef Peter Peters im Präsidium des DFB. Nun sind beide weg. Peters wollte am Freitag neuer Präsident des Verbandes werden und ist seinem Konkurrenten Neuendorf klar unterlegen.

Mehr als deutlich unterlegen

Koch wollte wieder Vizepräsident sein, hatte dafür im Grunde alle Weichen gestellt und unterlag dann doch in geheimer Abstimmung der Sportwissenschaftlerin Silke Sinning, die zum Team von Peter Peters gehörte, mehr als deutlich mit 68 zu 163 Stimmen.

Dass Peters die Präsidentenwahl verlieren würde, das war absehbar. Erstaunlich war höchstens, wie viele aus dem Profilager, das eigentlich Peters stützen sollte, ihm die Stimmen verweigert haben. Aber Koch, der so oft mit dem Etikett Strippenzieher verbunden wird, dass es fast zu seinem zweiten Vornamen geworden ist, hatte fest damit gerechnet, auch weiter dem Führungsgremium des Verbandes anzugehören – und dabei hatte er sich gewaltig verkalkuliert.

Neuer DFB-Boss: Die Brille auf der Glatze, das gehört bei Bernd Neuendorf dazu

Neuer DFB-Boss: Die Brille auf der Glatze, das gehört bei Bernd Neuendorf dazu

Foto: RONALD WITTEK / POOL / EPA

Dabei hatte dieser Freitag noch ganz in seinem Sinne angefangen. Koch führte als Interims-Präsident durch die Tagesordnung, balancierte mit Satzungsänderungen und stellte den Rechenschaftsbericht vor, alles so, wie er es seit Jahren kennt.

Tagungsregie entglitt ihm

Es war immer Kochs Trumpf gewesen, über die Innenwelten des Verbandes, über die Feinheiten von Satzungsdetails im Zweifelsfall besser Bescheid zu wissen als alle anderen. Und dies auch für sich zu nutzen. Umso bemerkenswerter, dass ihm diesmal die Tagungsregie entglitt.

In seinem Rechenschaftsbericht hatte er zwar Fehler aus der Vergangenheit eingestanden, aber das passierte eher in einem Nebensatz. Vielmehr lobte er, was der DFB im vergangenen Jahr nach dem Rücktritt von Präsident Fritz Keller und somit seiner eigenen Interims-Präsidentschaft erreicht habe:

Die desolate Außenwirkung, die der Verband seit Jahren abgibt, war für ihn auch das Resultat »medialer Attacken«: »Dieser Verband ist viel besser, als er gemacht wird.« Dann forderte er: »Nach all den Querelen und schlechten Meldungen geht es um viel mehr als um einzelne Personen, es geht um die Zukunft des deutschen Fußballs.« Aber dann ging es doch wieder um ihn.

Bewerbungsrede kostete ihn Sympathien

Als alle anderen relevanten Wahlen schon durch waren, stand noch das Votum über den Vizepräsidenten des Süddeutschen Verbandes an, ein Sitz im Führungsgremium, wie er allen großen Regionalverbänden zusteht. Normalerweise werden deren Name von den Delegierten per Handzeichen bestätigt, ein formaler Akt. Nur in Sachen Koch gab es eine Gegenkandidatur, Silke Sinning trat zwar an, hatte sich aber selbst gar nicht ausgerechnet, gewinnen zu können.

Doch Koch machte ihr den Weg selbst frei: Indem er eine Bewerbungsrede hielt, die im Saal für Unmut und Raunen sorgte. Koch regte ans Plenum gerichtet an: Wer nicht für ihn sei, sollte gar nicht erst an der Wahl teilnehmen, schließlich sei er doch von seinem Verband als regulärer Vertreter nominiert.

Zudem appellierte er daran, »jetzt nicht wieder Gräben zu öffnen, die wir gerade wieder zugeschüttet haben«, um im nächsten Moment dann selbst anzufangen, ordentlich zu schaufeln, indem er seine Gegenkandidatin zunächst massiv kritisierte, um dann unter Gelächter im Saal zu schließen: »Ich werde nie ein schlechtes Wort über sie sagen.«

Damit verdarb sich der 64-Jährige den Großteil der Sympathien im Saal. Die Delegierten zeigten ihm im Wahlergebnis, was sie von diesem Auftritt hielten. Zudem war es für viele Delegierte die ersehnte Gelegenheit, es Koch heimzuzahlen. Mit ihm, dem ewigen Funktionär, haben inzwischen viele eine Rechnung offen. Die Möglichkeit zum Begleichen war jetzt da, die Mehrheit nutzte sie.

Neue Vizepräsidentin Sinning: Völlig überwältigt

Neue Vizepräsidentin Sinning: Völlig überwältigt

Foto: Simon Hofmann / Getty Images for DFB

Sinning, völlig überwältigt, war plötzlich Vizepräsidentin. Koch war so konsterniert, dass er nur mit einem kurzen Handschlag gratulierte. »Das Ergebnis war so hart und krass, das muss man wohl auch erst mal verarbeiten«, warb DFL-Boss Hans-Joachim Watzke für mildernde Umstände für Kochs Benehmen.

Gremium jetzt unbelastet

Für den Verband und seinen neuen Boss Bernd Neuendorf eröffnet sich jetzt eine ganz ungeahnte Perspektive. Im Vorfeld galt Neuendorf als einer aus dem Koch-Lager, als jemand, der auch künftig stets mit Koch im Nacken zu regieren habe. Jetzt kann der 60-jährige Präsident des Regionalverbandes Mittelrhein tatsächlich mit einem von den Intrigen der Vergangenheit unbelasteten Gremium arbeiten: kein Koch, kein Peters mehr, auch Schatzmeister Stephan Osnabrügge musste am Freitag seinen Abschied nehmen.

Neuendorf hatte zuvor in einer von einem ruhigen Tonfall geprägten Bewerbungsrede davon gesprochen, dass man »den Laden jetzt zusammenhalten« werde, der DFB müsse »Kümmerer sein, statt sich um sich selbst zu drehen«. Der ehemalige SPD-Politiker aus Nordrhein-Westfalen sprach auch als Einziger das heikle Thema Katar an, und warb dafür, »Missstände dort vor Ort anzusprechen«. Künftig müssten es klare Richtlinien für die Vergabe solcher Turniere geben, um Ausrichter wie Katar für die Zukunft zu verhindern.

Sein Mitbewerber Peters hatte sich ganz offensichtlich schon vor der Wahl aufgegeben, er hielt eine uninspirierte, fahrige Rede, bekam anschließend bestenfalls Höflichkeitsapplaus, da war schon allen klar, wie diese Wahl ausfallen würde. Neuendorf erhielt 193 Stimmen, Peters nur 50, obwohl das Profilager, aus dem Peters kommt, gut hundert Stimmen in der Versammlung hatte. Für Neuendorf hätte es an diesem Tag nicht besser laufen können.

Ganz verschwunden aus der DFB-Spitze ist Rainer Koch allerdings nicht. Er ist nach wie vor der Vertreter des DFB in der Uefa, zudem gehört er als Chef des Bayerischen Fußballverbandes auch automatisch dem Vorstand an. Fäden kann er von dort sicherlich immer noch ziehen. Aber dem engsten Führungszirkel des DFB gehört er ab sofort nicht mehr an. Es gibt einige im deutschen Fußball, die nicht geglaubt hätten, dass sie das noch einmal erleben würden.

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