Fotostrecke

Ralf Rangnick: Von Backnang ins Brauseimperium

Foto: Peter Endig/ dpa

Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick "Meine Ungeduld stand mir im Weg"

RB Leipzig ist das spannendste Projekt im deutschen Fußball - und das umstrittenste. Sportdirektor Ralf Rangnick spricht über die Angst der Traditionsklubs vor dem Aufstiegskandidaten und die Lehren aus seiner Trainervergangenheit.
Zur Person
Foto: Bongarts/Getty Images

Ralf Rangnick, 56, gilt als einer der innovativsten deutschen Fußballtrainer. Im schwäbischen Backnang geboren, kam er als Spieler nicht über die dritte Liga hinaus. Als Fußballlehrer sorgte der studierte Lehrer für Deutsch und Englisch dagegen deutschlandweit immer wieder für Aufsehen. So marschierte er mit Hoffenheim aus der dritten Liga in die Bundesliga durch. Mit dem FC Schalke 04 gewann Rangnick 2011 den DFB-Pokal, nahm sich im gleichen Jahr aber wegen einer Burn-out-Erkrankung eine Auszeit. Seit Juni 2012 ist der Mann, der wegen seines Taktik-Faibles den Spitznamen "Professor" bekam, Sportdirektor bei RedBull Salzburg und RB Leipzig.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rangnick, wie lange sind Sie noch Sportdirektor von RB Salzburg und RB Leipzig?

Rangnick: Mein Vertrag läuft bis Juni 2015.

SPIEGEL ONLINE: Wir wollten eigentlich wissen, wann Sie sich für einen von beiden entscheiden müssen.

Rangnick: Wenn Leipzig aufsteigt, kann und werde ich nur noch für diesen einen Klub arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Und warum würden Sie sich für Leipzig entscheiden?

Rangnick: Aus dem gleichen Grund, warum ich mich vor zweieinhalb Jahren in den Verhandlungen mit Dietrich Mateschitz (RedBull-Eigentümer; die Red.) für diesen Job entschieden habe. Leipzig war schon damals ein wichtiger Bestandteil, für Salzburg allein hätte ich den Posten wohl eher nicht angenommen. Das hat auch nichts mit der wunderbaren Stadt oder den tollen Mitarbeitern oder der spannenden Mannschaft zu tun. Es liegt vielmehr an der Begrenztheit der österreichischen Zehnerliga, in der man viermal im Jahr gegen den gleichen Gegner spielt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es vom Mäzen Mateschitz den Auftrag, mit Leipzig in dieser Saison in die Bundesliga aufzusteigen?

Rangnick: Nein. Aber wenn sich für uns die Chance ergibt, warum sollten wir nicht? Ich bin sicher, dass Ingolstadt aufsteigt - wenn sie von größerem Verletzungspech verschont bleiben und keiner auf die Idee kommt, ihren Trainer wegzuholen.

SPIEGEL ONLINE: Der gemeinsame Aufstieg vom Audi-Klub Ingolstadt und dem Brause-Klub RB - es wäre der Albtraum für alle Fußball-Romantiker.

Fotostrecke

Ralf Rangnick: Von Backnang ins Brauseimperium

Foto: Peter Endig/ dpa

Rangnick: Warum? Ich kann diese ganze Traditionsdebatte nicht mehr hören. Fußballklubs sind inzwischen Wirtschaftsunternehmen, die am Erfolg gemessen werden. Aber davon abgesehen gibt es einen Unterschied, ob Ingolstadt oder wir in der ersten Liga spielen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher sollte das sein?

Rangnick: Ingolstadt spielt ganz oben in der zweiten Liga mit, im Schnitt aber vor knapp 7000 Zuschauern! Wir haben fast viermal so viel, trotz des Auswärtsboykotts vieler Mannschaften. Ich bin überzeugt, dass unser Stadion nach einem möglichen Bundesligaaufstieg fast immer ausverkauft wäre. Und auswärts werden wir eine der Mannschaften sein, die die meisten Fans mitbringt. Da kann dann doch keiner sagen, Mist, dass Leipzig jetzt in der ersten Liga spielt.

SPIEGEL ONLINE: Aber vielleicht: "Mist, dass sich andere Klubs über Jahrzehnte nach oben kämpfen und RB mit Milliardär Mateschitz den Aufstieg in kurzer Zeit schafft".

Rangnick: Ich akzeptiere es, wenn jemand sagt: Das ist nicht ganz fair mit Leipzig, die hatten Starthilfe, so wie damals Hoffenheim mit Hopp. Aber im Gegenzug erwarte ich auch Ehrlichkeit. Wo wäre beispielsweise der VfR Aalen ohne seinen Mäzen Scholz? Vermutlich eher in einer niedrigeren Liga. Wenn dann aber ausgerechnet solche Vereine meinen, sie müssten eine Faninitiative gegen RB Leipzig starten, kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren sehr lange Trainer. Sind Sie es immer noch, auch wenn Ihre Position in Leipzig und Salzburg jetzt Sportdirektor heißt?

Rangnick: Ich denke noch wie einer, ich schaue mir Spiele mit den Augen eines Trainers an, also bin ich wohl noch einer (lacht). Und natürlich war es am Anfang in meiner neuen Position für mich schwer im Umgang mit meinen Salzburger und Leipziger Cheftrainern, genau wie übrigens für die beiden auch. Aber ich habe gelernt, nicht weiter zu gehen, als ich es selbst als Trainer akzeptiert hätte.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie empfinden es schon weiter als Kompromiss?

Rangnick: Natürlich. Es wäre Quatsch zu sagen, die tägliche Arbeit mit den Spielern auf dem Platz fehle mir gar nicht, weil: Sie fehlt mir. Ich habe aber auch jede Menge gewonnen. Der größte Gewinn ist die Distanz.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Rangnick: Ich bin davon überzeugt, dass man die größten Fehler in der Emotion macht, sei es in der Euphorie des Erfolges oder in der Krise. Und im Trainerjob sind extreme Emotionen im Spiel. Man sagt auch mal was, was man am nächsten Tag wieder bereut. Als Sportdirektor geht es um strategische Entscheidungen, und die triffst du am besten bei klarem Verstand. Das tut mir gut und meinem Job auch. Und ich schlafe heute auch viel schneller ein.

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen jetzt beide Seiten: die des Trainers und die des Sportdirektoren. Bei letzterer scheint immer noch das Prinzip zu regieren, dass man nur eine Qualifizierung braucht: mal Spieler gewesen zu sein. Obwohl man ein 300-Millionen-Euro-Unternehmen lenkt.

Rangnick: Sie haben recht, das ist unlogisch. Jeder Trainer braucht einen Trainerschein, für die ersten drei Ligen muss er die Fußballlehrerausbildung machen, die ein Jahr dauert und einen fünfstelligen Betrag kostet. Für einen Sportdirektor gibt es nicht mal ein richtiges Anforderungsprofil. Theoretisch kann ich als Verein dafür einstellen, wen ich will. Wenn man ehrlich ist, müsste es auch eine Sportdirektorausbildung geben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben aber auch keine.

Rangnick: Meine Ausbildung war meine Karriere. Bei meiner ersten Station beim Bezirksligisten Backnang gab es keine Stadionzeitung, keinen Trikotsponsor, die Mannschaft hatte keine einheitliche Trainingskleidung, nach jedem Spiel stand ein Kasten Bier in der Kabine. Ich habe dann mit meinem Vater das Stadionblatt gemacht, die Sponsoren geholt, vor jedem Spiel einen Spielball organisiert. Ich war Multifunktionär: Trainer und Sportdirektor. Wie später oft auch.

SPIEGEL ONLINE: In Ulm und Hoffenheim waren Sie sehr mächtig - und sehr schnell sehr erfolgreich. Hat das eine mit dem anderen zu tun?

Rangnick: Zumindest kann man diesen Zusammenhang nicht leugnen. Genau wie die Tatsache, dass ich bei anderen Vereinen in anderen Konstellationen nicht ganz so erfolgreich war.

SPIEGEL ONLINE: Beim VfB Stuttgart zum Beispiel, zu dem Sie 1999 aus Ulm wechselten - und scheiterten.

Rangnick: Der Wechsel zum VfB war für mich damals ein Kulturschock. Da war ich vielleicht auch zu naiv. Ich dachte, ich mache da genau die gleichen Dinge wie in Ulm, und der Klub wird durch die Decke gehen. Doch am Ende war das nicht der Fall, und ich habe viel Lehrgeld bezahlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah das aus?

Rangnick : Es war eben genau nicht so, dass ich als Trainer alles entscheiden konnte, sondern es andere Positionen gab, mit denen man sich abstimmen musste…

SPIEGEL ONLINE: Sportdirektoren…

Rangnick: …zum Beispiel. Und da wurde manchmal nicht so gearbeitet, wie ich mir das vorstellte, deshalb hat es geknistert. Es hieß nicht, klasse, an was der Rangnick alles denkt, sondern: Was will der denn jetzt? Warum beschwert der sich über die Rasenlänge oder fragt, warum wir fünf Stunden ins Trainingslager fahren und schlechtere Trainingsbedingungen haben als zu Hause? Und was habe ich daraus gelernt?

SPIEGEL ONLINE: Sagen Sie es uns.

Rangnick: Es muss im Verein immer jemanden geben, der das große Ganze im Blick hat.

Die Erfindung des Supercoachs
Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Aus dem SPIEGEL 50/2008: Ausgerechnet in der Provinz wagen Clubs wie der VfL Wolfsburg und 1899 Hoffenheim die Modernisierung des Fußballs: Sie haben ihre Trainer Felix Magath und Ralf Rangnick zu Alleinherrschern gemacht - mit erstaunlichem Erfolg.Die Erfindung des Supercoachs 

SPIEGEL ONLINE: Und genau deshalb müssen Sie uns erklären, warum Sie 2011 zum FC Schalke 04 zurückgekehrt sind. Sie hatten dort nie die Chance, allein zu entscheiden. Und Sie wussten es, 2005 waren Sie ja nicht gerade im Frieden aus Gelsenkirchen geschieden.

Rangnick: Auch das war im Nachhinein ein Fehler, aber ich kann Ihnen erklären, warum ich mich damals so entschieden habe. Clemens Tönnies und Horst Heldt haben sich extrem um mich bemüht, wir wollten zusammen richtig was aufbauen. Ich hatte außerdem aufgrund meiner ersten Zeit auf Schalke das Gefühl des Unvollendeten. Und dann gab es den Reiz der Konstellation, dass die Mannschaft in der Liga im Abstiegskampf steckte und gleichzeitig im Champions-League-Viertelfinale stand. Im Rückblick muss ich sagen, dass mir ein ganzes Jahr Auszeit besser getan hätte als drei Monate Pause: ein Thomas-Tuchel-Sabbatical. Ich hoffe, er zieht es durch.

SPIEGEL ONLINE: …und wird nicht vorher Trainer bei RB Leipzig.

Rangnick: Das ist überhaupt kein Thema.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich auf Ihren vorherigen Stationen umhört, dann verbindet man dort mit Ihnen neben dem Allesmacher und dem schnellen Erfolg oft Perfektionismus. Und Ungeduld.

Rangnick: Ich bin Perfektionist, aber das ist für mich kein Schimpfwort. In unserem Job musst du Perfektion anstreben.

SPIEGEL ONLINE: Und die Ungeduld?

Rangnick: Meine Ungeduld stand mir ganz sicher auch im Weg. Es wäre doch falsch zu glauben, dass es immer nur an den Vereinen lag, wenn es in den letzten 15 Jahren mal nicht so gut funktioniert hat. Es lag in manchen Fällen sicherlich auch ein Stück weit an meiner Art. Aber so bin ich eben.

SPIEGEL ONLINE: Wir sprechen jetzt über eine Zeit, in der Sie vor allem Trainer waren. Ist Ungeduld eine wichtige Eigenschaft eines guten Trainers?

Rangnick: Alle guten Trainer haben eins gemeinsam: sie nerven. Und sie sind mit ihren Spielern nie zufrieden. Es geht heute im Fußball um schnelle Entscheidungen, schnelle Wechsel, nach Ballverlust oder Ballgewinn keine Zehntelsekunde zu verschwenden, sondern wieder umzuschalten. Das hat extrem viel mit dem Kopf zu tun. Es ist sicher kein Zufall, dass die WM-Generation um Philipp Lahm, Manuel Neuer oder Mario Götze alles hochintelligente, fast schon akademisch schlaue Kerls sind. Was für ein Kontrast zu den Achtzigern und Neunzigern, da galten die meisten Fußballer ja nicht gerade als die intelligentesten.

SPIEGEL ONLINE: Und Trainer mit Taktikfaible als Exoten.

Rangnick: Das stimmt, wir waren eher suspekt, zu theoretisch, zu intelligent. Jemand wie ich, der über Taktik geredet hat, war gleichzeitig nicht Praktiker. Mein Spitzname "Professor" war ja auch kein Kompliment. Umgekehrt hatte ein Ex-Profi als Trainer gleich den sogenannten "Stallgeruch", er war einer, der die "Sprache der Spieler spricht" - aber kein Theoretiker.

SPIEGEL ONLINE: Taktiker im Fußball sind heute nicht mehr negativ konnotiert, im Gegenteil: Markus Gisdol aus Hoffenheim oder Leverkusens Roger Schmidt gelten als Popstars einer neuen Generation, die die Bundesliga mit spektakulärem Spiel bereichern, obwohl sie selbst nie höherklassig gespielt haben. Sind das Ihre Nachfolger?

Rangnick: Wir haben zumindest denselben Lehrmeister, denn ob Roger, Markus oder ich, wir sind alle geprägt durch Helmut Groß, dem großen Trainerausbilder in Württemberg. Er ließ schon Mitte der Achtziger ballorientierte Raumdeckung und Pressing spielen, Groß war seiner Zeit Jahre voraus. Ich war 25, als ich ihn kennenlernte, und ich merkte sofort, dass er völlig anders war. Wir haben nächtelang Videos des AC Mailand von Trainer Arrigo Sacchi geguckt, hier in Deutschland gab es ja niemanden, der so spielte.

SPIEGEL ONLINE: Was passierte dann?

Rangnick: Ich war skeptisch, bis Helmut irgendwann sagte: Ralf, du wirst immer irgendwas zu kritisieren finden. Aber solange du deine Ängste nicht überwindest, spielst du eben weiter deine Abzählreim-Manndeckung. Mir war plötzlich klar, was mein Problem war: Ich konnte mir nicht vorstellen, so Fußball spielen zu lassen, weil ich als Spieler anders geprägt worden war.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben, wie schwer es ist, jemanden von seiner Taktik zu überzeugen. Danach standen Sie als Trainer hundertfach vor dieser Aufgabe: Ihren Spielern gegenüber. Wie bringt man die dazu, etwas Neuem zu folgen?

Rangnick: Wir reden hier über Motivation, und Motivation ist Überzeugungstransfer. Ich muss versuchen, meine eigenen Überzeugungen auf meine Auszubildenden zu übertragen. Voraussetzung dafür ist aber, dass ich selbst eine klare Überzeugung habe. Der Film des perfekten Spiels muss in meinem Kopf sein. Je klarer desto besser.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihr Film aus?

Rangnick: Die Ballorientierung ist das zentrale Thema: Wir wollen dort präsent sein, wo der Ball ist. Aber einen Spieler decken, der 50 Meter weg ist? Nein! Viele Elemente sind dazugekommen. Seit acht Jahren ist Fußball fast eine andere Sportart, was die Lauf- und Sprintwerte angeht und die Geschwindigkeit des Umschaltspiels.

SPIEGEL ONLINE: Es ist allerdings auch immer schwerer vorstellbar, wo da noch Raum für Verbesserungen sein sollte.

Rangnick: Die Steigerungsraten sind nur noch marginal, aber es gibt sie. Umso wichtiger ist es für uns zu beobachten, was gerade in den Top-Mannschaften weltweit passiert, um neue Strategien zu finden, wie wir uns einen Vorteil verschaffen können. Wer sich zurücklehnt, hat schon verloren.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie nochmal als Trainer arbeiten?

Rangnick: Körperlich und mental ging es mir noch nie so gut wie heute. Daher denke ich auch nicht darüber nach, etwas anderes zu machen. Ich habe derzeit einfach eine sehr hohe Jobzufriedenheit.

SPIEGEL ONLINE: Beim DFB könnte 2016 ein Arbeitsplatz frei werden, wenn Joachim Löw nach der EM etwas anderes machen wollen würde. Und wir haben gelesen, es hätte 2004 schon mal Kontakte zum Verband gegeben.

Rangnick: Nein, nie. Es wurde viel geschrieben, und irgendwann hat mich ein Journalist gefragt, ob ich ein Kandidat als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann sei. Da habe ich gesagt: "Nein. Ich war bislang noch nie Co-Trainer. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, das zu werden." Ich bin jetzt 56. Joachim Löw macht einen tollen Job. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich mir vorstellen kann, in meinem Leben noch mal irgendwo Nationaltrainer zu sein, dann würde ich sagen: Kann ich Ihnen jetzt nicht beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Was spräche denn dagegen?

Rangnick: Ich will Entwicklungen auf den Weg bringen. Und wie schnell ist sowas bei einem Verband möglich? Wahrscheinlich nicht schnell genug für mich.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.