Randale in der Regionalliga Angriff mit Ansage

Ausschreitungen in der Vierten Liga: 250 Antifa-Aktivisten aus dem Umfeld diverser norddeutscher Vereine haben am Wochenende Chemnitzer Fans angegriffen. Wird nun die Regionalliga zur Bühne für politisch motivierte Auseinandersetzungen? Die Polizei befürchtet das.


Es war ein turbulentes Spiel. Altona 93 schlug den Chemnitzer FC am vergangenen Wochenende 4:3. Zwei Elfmeter wurden verschossen, einer verwandelt, 1400 Zuschauer fühlten sich bestens unterhalten. Doch die Bilanz außerhalb des Spielfeldes stellt das bei weitem in den Schatten: Die Polizei war mit 240 Beamten vor Ort. Sie konnte dennoch nicht verhindern, dass zahlreiche Gästefans verletzt wurden - allerdings nicht von Anhängern des Gegners.

Provozierende Chemnitzer Fans 2006 am Millerntor: Von Antifa-Aktivisten angegriffen
Getty Images

Provozierende Chemnitzer Fans 2006 am Millerntor: Von Antifa-Aktivisten angegriffen

Während die meisten Fans der Heimmannschaft Altona 93 nach dem Schlusspfiff im Stadion blieben, griffen draußen 250 Antifa-Aktivisten Fans aus Chemnitz an, die sie dem rechtsradikalen Spektrum zuordneten. Auch später konnten die etwa 240 eingesetzten Polizeibeamten streckenweise nicht verhindern, dass es rund um das Stadion sowie auf zwei Hamburger Bahnhöfen zu Auseinandersetzungen kam.

Grund für den Aufruhr: Der Chemnitzer FC steht nicht zu Unrecht im Ruf, viele rechtsradikale Fans zu haben - ein Umstand, der die auf den ersten Blick etwas überraschende Zusammensetzung der Angreifer erklärt: Neben Antifa-Aktivisten, die ansonsten mit Fußball nichts zu tun haben, waren Anhänger des FC St. Pauli vor Ort. Zu ihnen gesellten sich jedoch auch HSV-Ultras sowie Fans, Ultras und vereinzelte Hooligans aus dem Umfeld anderer norddeutscher Vereine. Die Angreifer bewerten den Sonntag im Rückblick als gelungenes Antifa-Manöver. Doch es gibt auch andere Stimmen. "Es waren auch eine ganze Menge Leute da, die einfach nur Bock auf Fußballrandale hatte", sagt ein Fußballfan, der ebenfalls vor Ort war, "mir war vorher schon klar, dass es knallen würde."

So hat das auch Kay Herrmann empfunden, der als diplomierter Sozialarbeiter das Chemnitzer Fanprojekt leitet. Nach dem Spiel wurde er übel beschimpft, das mit "Awo" und "Fanprojekt Chemnitz" gekennzeichnete Auto wurde bespuckt und mit unzähligen Aufklebern versehen. "Dabei ist die Awo ja nun wirklich nicht als rechtsradikale Organisation bekannt", sagt Herrmann.

Die CFC-Fans, die mit Bussen aus der Gefahrenzone gebracht wurden, habe es allerdings schlimmer erwischt. Mit Steinen und Flaschen seien die beworfen worden, eine Scheibe zersplitterte. "Alle, die mit dem Zug angereist waren, waren da drin - vom Ultra bis zum Familienvater." Überhaupt meint Herrmann, dass die CFC-Fans keinen Anlass für politisch motivierte Aktionen geboten hätten: "Es gab während des Spiels keinerlei Provokationen, keine Parolen, Spruchbänder oder Gesänge."

Das deckt sich mit der Einschätzung der Polizei, nach deren Angaben unter den etwa 200 Chemnitzer Fans genau die Leute fehlten, denen der Angriff nach dem Spiel eigentlich galt: "Die waren gar nicht mit ihren echten Problemfans da. Die sind wohl zu Hause geblieben", sagte Polizeisprecher Ralf Meyer SPIEGEL ONLINE. Tatsächlich beschränkte sich das Gros der Gästefans während des Spiels auf die Unterstützung ihrer Mannschaft, weite Teile des Chemnitzer Fanblocks bestanden aus traditionellem Fußballpublikum, das weder auf Gewalt noch auf politische Provokationen aus war.

Auf Seiten der Angreifer führt man hingegen an, dass Mitglieder der "NS-Boys" (der Name ist nicht zufällig gewählt, steht aber offiziell für "New Society") und anderer rechtsextremer Gruppen vor Ort gewesen seien. Nur denen hätten die Angriffe gegolten, heißt es, normale Fans seien nicht zu Schaden gekommen.

Tatsächlich stellten einige CFC-Fans bei der An- und Abreise ihr rechtsradikales Gedankengut offen zur Schau, die Rede ist unter anderem von Gesängen wie "Hier marschiert der nationale Widerstand". Von den Antifa-Aktivisten wird das als Legitimierung für die Angriffe herangezogen.

Kaum vorstellbar allerdings, dass die 250 Antifas einfach unverrichteter Dinge nach Hause gegangen wären, wenn sie keine einschlägigen T-Shirts entdeckt oder Gesänge gehört hätten. Schon vor Wochen war szeneintern diskutiert worden, ob man bei Heimspielen von Altona 93 Präsenz zeigen wolle. Für das Spiel gegen den CFC wurde wochenlang in diversen Fanforen mobilisiert. Den Rechten, zumindest denen, die am Spieltag vor Ort waren, sollte eine Lektion erteilt werden. Schließlich hatten sie sich zwei Jahre zuvor in Hamburg durch NS-Propaganda diskreditiert.

Im April 2006 - beim letzten Spiel des Chemnitzer FC am Millerntor - hatten CFC-Ultras, unter anderem die besagten "NS-Boys", an Hakenkreuzflaggen erinnernde Fahnen gehisst. Nach dem Spiel hatte die Polizei damals Wasserwerfer einsetzen müssen, um bei den Schlachten zwischen Rechten und Linken Schlimmeres zu verhindern. "Die Chemnitzer haben seither einen gewissen Bekanntheitsgrad, die werden kollektiv als Rechte eingestuft, dann wird entsprechend gehandelt", vermutet Polizeisprecher Meyer.

Meyer schaut schon mit Sorgen auf den Spielplan, denn an die Hoheluft müssen auch noch ein paar andere Mannschaften, deren Anhänger in linken Kreisen als rechtsradikal unterwandert gelten. Die Regionalliga, Deutschlands vierthöchste Spielklasse, könnte bald dauerhaft zur Bühne werden, auf der politische Konflikte ausgetragen werden. Vergangenen Sonntag war das der Fall - zum Leidwesen der Polizei. "Wir haben da einen höheren Aufwand betrieben als bei den meisten Heimspielen des HSV," sagt Meyer.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.