Randale in Italien Straßenschlacht statt Fußballfest

Es sollte ein schöner Fußballabend auf Sizilien werden, mit Rücksicht auf die Schutzpatronin Catanias war das Derby gegen Palermo sogar vorverlegt worden. Doch dann die Katastrophe: Ausschreitungen, ein toter Polizist, fast hundert Verletzte. Italiens Fußball droht nun der Kollaps.

Von Vincenzo Delle Donne, Udine


Es war einer dieser Abende, an dem die Rolle Siziliens in der italienischen Fußballgeografie gefeiert werden sollte. Catania gegen Palermo, gleich zwei Champions-League-Aspiranten kommen in diesem Jahr von der stolzen Insel, ein Fest kündigte sich an. Doch aus dem geplanten Hochgesang am Fuße des Ätnas wurde eine Tragödie, die ein Abgesang auf den Fußball des ganzen Landes sein könnte. Die schwärzeste Stunde des sizilianischen "Calcio" ist es ohnehin.

"Drastische Maßnahmen" müssten ergriffen werden, das war einer dieser Sätze zwischen Entsetzen und Wut, die Verbandspräsident Luca Pancalli kurz nach der Katastrophe sprach. Randale von Tifosi - so nennt man in Italien die Anhänger - hatten das Derby zwischen Catania und Palermo in einen neuerlichen Tiefpunkt für den italienischen Fußball verwandelt: Ein Polizist starb, ein weiterer schwebt in Lebensgefahr, fast hundert Polizisten und Fans wurden bei den Ausschreitungen verletzt, neun Catania-Tifosi festgenommen - und der gesamte Ligabetrieb auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. So groß sei der Schaden, dass es nicht ausreiche, den Spielbetrieb nur "für einen Tag zu unterbrechen", erklärte FIGC-Boss Pancalli.

Aus andächtiger Ehrfurcht war die Partie auf den Freitag vorverlegt worden, um die Feierlichkeiten zu Ehren der Heiligen Sankt Agata, Schutzpatronin der Stadt Catania, am Sonntag nicht zu stören. Doch das Spiel der beiden sizilianischen Rivalen geriet zu einem Stadtguerillakrieg, bei dem der 38-jährige Chefinspektor Filippo Raciti ums Leben kam. Er saß in einem Polizeiwagen vor dem Stadion, als Catania-Fans der Nordkurve einen Feuerwerkskörper in seinen Dienstwagen warfen. Der Polizist wurde daraufhin ins städtische Garibaldi-Krankenhaus gefahren, wo er eine Stunde nach seiner Einweisung an den Folgen eines Leberrisses starb, den er bei einem Schlag erlitten hatte, verstarb. Ein anderer Polizist schwebt zur Zeit in Lebensgefahr.

Vor dem Stadio Massimino spielten sich kriegsähnliche Szenen ab. Das Spiel selbst wurde in der 57. Minute beim Stand von 1:0 für Palermo unterbrochen. Die Polizei hatte vor dem Stadion Tränengas gegen Randalierer eingesetzt, das auf das Spielfeld und die Ränge geweht war. Nach rund 40-minütiger Pause wurde die Partie dann fortgesetzt. Das Spiel endete schließlich mit einem 2:1-Sieg Palermos. Aber das interessierte niemanden - nach Spielende ging die Gewalt weiter. Hunderschaften von Polizisten versuchten, hauptsächlich randalierende Palermo-Tifosi im Zaume zu halten. Mit wenig Erfolg.

Die Vorkommnisse lösten im Land eine Welle der Entrüstung aus. Entsprechend hart waren die Reaktionen der Verantwortlichen. "Die Meisterschaft wird auf unbestimmte Zeit gestoppt", erklärte der kommissarische Leiter des Verbandes, Luca Pancalli.

Catanias Präsident Antonino Pulvirenti kündigte seinen Rücktritt an. "Der Club muss weiterleben, doch nach diesen Ereignissen kann ich nicht mehr weitermachen", sagte Pulvirenti. Zugleich stellte er jedoch klar, dass sein C lub in der Vergangenheit alles zur Isolierung gewalttätiger Ultras unternommen hätte. "Wir tun das Bestmögliche. Unser Club wurde kürzlich bei einem Gipfel über die Sicherheit in den Stadien als beispielhaft bezeichnet", sagte Pulvirenti .

Palermo-Präsident Maurizio Zamparini kritisierte hingegen die Entscheidung, die Meisterschaft auszusetzen. "Wir leben in einer unzivilen Gesellschaft", sagte er, "diese Sachen passieren, weil etwas nicht funktioniert." Auf die Frage, was er davon halte, dass der Verband vorläufig den Spielbetrieb unterbrochen habe? "Es ist eine spontane Entscheidung aus dem Bauch heraus", sagte er. "Um diese Probleme zu lösen, brauchen wir keine Demagogie, sondern konkrete Fakten!" Er schlug deswegen vor, sich an den englischen Maßnahmen gegen gewalttätige Hooligans zu orientieren. Die potentiellen Gewalttäter waren mit Überwachungskameras und Stadionverboten in die Schranken gewiesen worden.

Sportministerin Giovanna Melandri befürwortete indessen die Entscheidung, den Spielbetrieb auszusetzen. "Die Regierung wird nicht mehr tolerieren, dass bei jedem Spieltag Tausende von Polizisten eingesetzt werden und nicht nur ihr Leben riskieren, sondern auch das von unbeteiligten Bürgern", sagte die Ministerin. Auch Ministerpräsident Romano Prodi drohte, keine Polizisten mehr in die Stadien zu schicken. Sergio Camapana, Präsident der Spielergewerkschaft, stellte kategorisch fest: "Ein Spieltag reicht nicht aus, wir müssen die Meisterschaft mindestens ein Jahr lang aussetzen."



insgesamt 151 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
T. Wagner 03.02.2007
1.
Um die Frage zu beantworten müsste man zunächst wissen, was das eigentlich für Menschen sind, die - offenbar nicht unbedingt wegen eines Fußballspiels, sondern um Randale zu machen - allwöchentlich zum verabscheuungswürdigen Monster mutieren. Die Frage ist: Was sind sie jeweils VOR der Mutation? Was treibt sie um? Wie sieht ihr "normales" Leben aus? Altersgruppe? Soziale Herkunft? Alles Fragen, die zunächst beantwortet werden müssen.
medienquadrat, 03.02.2007
2. der heutige Fußball ist an sich schon brutal und asozial.
Solange sich die meisten Spieler benehmen, wie die hinterletzten Bunken, Fußball mit alten Gladiatorenkämpfen verwechselt wird und die Spieler mit allen möglichen Tricks versuchen, sich am Sport vorbei zu profilieren wird es niemals ein faires Miteinander geben. Weder zwischen den gegnerischen Mannschaften, noch bei den Fans. Alleine schon, dass andauernd auf den Rasen gerotzt wird, wo im nächsten Moment ein anderer Spieler mit dem Gesicht aufschlägt ist einfach nur ekelerregend. Warum urinieren oder koten diese ******** nicht einfach unter sich, dann würde man deren Einstellung zum Sport anschaulicher vor Augen geführt bekommen. Und noch was, zu bedenken: Die WM in Deutschland haben die Medien gerettet, weil sie Ausschreitungen der "Fans" und pöbelnde Spieler weitestgehend ausgeblendet oder entsprechend kommentiert haben. Wäre in BILD-Zeitungsart über die WM in den Medien berichtet worden hätten wir sicherlich einen Kriegszustand in unseren Straßen erlebt.
Dr h.c. Ceasar, 03.02.2007
3.
---Zitat von T. Wagner--- Um die Frage zu beantworten müsste man zunächst wissen, was das eigentlich für Menschen sind, die - offenbar nicht unbedingt wegen eines Fußballspiels, sondern um Randale zu machen - allwöchentlich zum verabscheuungswürdigen Monster mutieren. Die Frage ist: Was sind sie jeweils VOR der Mutation? Was treibt sie um? Wie sieht ihr "normales" Leben aus? Altersgruppe? Soziale Herkunft? Alles Fragen, die zunächst beantwortet werden müssen. ---Zitatende--- Das sind keine Menschen, sondern Affen (obwohl die Affen möglicherweise zivilisierter), die den Sprung der Evolution nicht geschafft haben. Bitte jetzt nicht so ein Hooligan-Spruch, wie "den Kick" suchen. Solchen Leuten rate ich an, wenn sie den Adrenalin brauchen, fahrt mit dem Auto gegen die Wand, dann bekommt ihr einen Kick und die Gesellschaft ist euch los. Leider sind die Strafen für solche Koffer zu gering. Mien Mitgefühl mit der Familie des toten Polzisten (das erinnert mich an den französichen Polizisten, der von deutschen Einzellern zu einem Pflegefall geprügelt wurde, wegen des Kicks). Es ist kein italienisches Problem, solche ernsthaft kranken Leute gibts überall, sie gehören eingebuchtet für mehrere Jahre, die Gesellschaft braucht diese Halbaffen nicht. Man hört ja immer wieder, dass auch Anwälte und Ärzte da mitmischen (so als Rechtfertigung für diejenigen, die einen IQ haben, der geringer ist als der eines Aschenbechers, was bei der überwiegenden Zahl dieser Spinner so sein dürfte), in diesem Fall gehört diesen Leuten die Approbation entzogen bzw. ein Berufsverbot erteilt. Im Falle des Tods ines Polizisten sind die Leute lebenslänglich wegzusperren, "den Kick" suchen ist für mich ein niedriger Beweggrund und wer auf einen Menschen einschlägt ihn ins Gesicht tritt muss mit Ableben dieser Person rechnen, wer dies dennoch tut handelt vorsätzlich. Dann können sie 15 Jahre darüber nachdenken, ob es nicht sinniger gewesen wäre, den Kick anderswo zu suchen.
Pelusa, 03.02.2007
4.
Beleidigungen beim Fußball gegen gegnerische Fans und auch Polizisten sind ein Teil des Spiels, aber das gestrige Ereignis ist völlig unakzeptabel. Die Grenze wird mit Steinwürfen bereits überschritten, weil Treffer tödlich sein können. Italiens Fußball ist sicherlich noch zu retten, für die Zuschauer wird es dadurch aber einen Verlust ihrer "südländischen Begeisterung" geben. Feuerwerkskörper, Bengalfackeln usw. Dinge, die Fußballfans in aller Welt lieben, werden in Zukunft wohl nicht mehr toleriert. Die italienischen Vereine müssen sich konsequent für eine Gewaltprävention einsetzen. Allein durch verstärkte Polizeieinsätze lässt sich das Problem nicht lösen. Das Bewusstsein, dass Gewalt nicht zum Spiel gehört, ist bei vielen Fans leider nicht vorhanden.
webleser, 03.02.2007
5. italien = mafiosi-land
---Zitat von sysop--- Bei Ausschreitungen in der Serie A kam ein Polizist ums Leben. Kann der italienische Fußball den Randalierern noch Herr werden? ---Zitatende--- Italien ist so ein land, wo man so manchmal zweifelt, was da eigentlich los ist. vom industrialisierten/ziviliserten norden bis zum dritte-welt-mafiosi-sueden spannt der "stiefel". Ein in der tat "illusterer" geselle der EU - vor dem sich EU-aspiranten wie Rumaenien und Bulgarien ueberhaupt nicht zu verstecken brauchen - vor nicht allzu langer zeit gefuehrt vom ober-mafiosi berlusconi, der uns allen demonstrierte, welche dinge, in aller oeffentlichkeit und voellig sanktionslos, in der bananen-EU moeglich sind. nun haben sich ein paar gelangweilte italienische hooligans gekloppt, ja sogar ein polizei-inspektor musste in's grass beissen. man zeigt sich entsetzt. und das ist gut so. aber es ist nun mal ein teil, wenn auch der unerfreulichere, vom fussball. was soll's. es wird vorueber gehen. es gibt andere, viel draengendere probleme in der EU, die angepackt werden sollten. z.b., die bananen-zustaende beseitigen. naja, ziemlich utopisch. ich weiss. - w -
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.