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22. September 2011, 21:09 Uhr

Rangnick-Nachfolge

Machen wir's doch mit dem Ex

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Ralf Rangnicks Rücktritt stürzt Schalke in die Krise. Der Trainer sollte den Club in die Zukunft führen, nun muss bereits kurz nach Saisonbeginn ein neuer Coach her. Wird der Verein in der eigenen Vergangenheit fündig? Als heiße Kandidaten gelten zwei alte Bekannte.

Es war eine lange Nacht. Als Horst Heldt am Donnerstagmittag in Gelsenkirchen vor die Presse trat, waren die Augenringe in seinem Gesicht nicht zu übersehen. Blass und mit tonloser Stimme bestätigte Schalkes Sportdirektor, was er bereits am Mittwochabend von Ralf Rangnick erfahren hatte und wenige Stunden später Schlagzeilen machte: Der Chefcoach von Schalke 04 tritt mit sofortiger Wirkung zurück.

"Für uns ist das ein Schock", sagte Heldt. Wenn dieser Schock verflogen ist, muss sich der Club mit den Folgen auseinandersetzen. Wer soll die Mannschaft künftig betreuen? Co-Trainer Seppo Eichkorn, der am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) beim Spiel gegen den SC Freiburg auf der Bank sitzen wird, soll nur eine Übergangslösung sein. Gesucht wird ein neuer Mann - und zwar mitten in der Saison. Es gibt bessere Zeitpunkte für die Neubesetzung des Trainerpostens.

Bei der Konkurrenz wird man bei der Suche kaum fündig werden. Es gilt als ausgeschlossen, dass ein anderer Bundesligaclub jetzt einem Trainerwechsel zustimmen würde. Passende arbeitslose Coaches gibt es jedoch kaum. Schalke will unbedingt einen deutschsprachigen Trainer und plant eine zeitnahe Lösung. Heldt ließ sich am Donnerstag lediglich entlocken, dass der Neue "zu Schalke passen" müsse. Das ist reichlich schwammig, sicher ist jedoch: Rangnicks Nachfolger tritt ein schweres Erbe an.

Der 53-Jährige verhinderte in der vergangenen Saison den Abstieg der "Königsblauen", wurde im Mai DFB-Pokalsieger und dürfte auf Jahre davon zehren, beim historischen 5:2-Sieg der Schalker gegen Inter Mailand im Champions-League-Viertelfinale auf der Trainerbank gesessen zu haben. Noch nie zuvor hatte sich der Club für das Halbfinale der Königsklasse qualifiziert. Von den Fans wurde Rangnick zwar nicht geliebt, aber immerhin geschätzt.

Ihm war zuzutrauen, die wechselhafte Vergangenheit des Traditionsclubs vergessen zu machen. 15 Trainer hat Schalke seit dem Jahr 2000 verschlissen. Interimsweise versuchten sich unter anderem Eddy Achterberg, Oliver Reck und Marc Wilmots. Das Experiment mit Rangnicks Vorgänger Felix Magath als Trainer und Manager in Personalunion ist fehlgeschlagen. Schalke sehnte sich nach Stabilität - Rangnick schien sie geben zu können.

Er etablierte bei Schalke einen offensiven Spielstil, ließ deutlich schneller und direkter agieren als Magath. Rangnick, der gerne als einer der ersten "Konzepttrainer" der Bundesliga bezeichnet wird, zeigte den Zuschauern in Gelsenkirchen endlich attraktiven Fußball. Das soll der Neue fortführen und angesichts der hohen Schulden auch weiter auf junge Spieler setzen. Doch das sind nicht die einzigen Anforderungen an den künftigen Coach.

Spätestens seit dem gescheiterten Versuch mit Rangnicks unnahbarem Vorgänger Magath gilt in Gelsenkirchen der Satz des Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies: "Auf Schalke muss man die Fans mitnehmen." Rangnick suchte zwar nie explizit die Nähe zu den Fans, seine Abschiedsrunde am Ende seiner ersten Amtszeit auf Schalke im Dezember 2005 war eine sentimentale Ausnahme. Aber er war stets schlau genug, die Schalker Gefühlswelten zu achten.

Als die Fanseele am vergangenen Sonntag kochte, weil Ex-Keeper Manuel Neuer mit seinem neuen Club, dem FC Bayern, zum ersten Gastspiel wieder in der Schalker Arena auftauchte, verteidigte Rangnick die teils beleidigenden Spruchbänder gegen den Nationaltorwart schmallippig. "Es war zu erwarten, dass Neuers Empfang nicht freundlich ausfällt, und das war auch so", sagte er. So viel Loyalität gehört in Gelsenkirchen dazu.

Einer, der das bestens weiß, ist Michael "Mike" Büskens. Das Schalker Urgestein ist inzwischen Trainer des Zweitligisten Greuther Fürth. Bereits im April 2009 übernahm der frühere Schalker Co-Trainer die Verantwortung als Nachfolger des entlassenen Fred Rutten. Anschließend wurde er durch Magath ersetzt. Der 43-Jährige kennt Club und Fans bestens, zudem lässt er in Fürth einen ähnlichen Fußball spielen wie Rangnick. Derzeit ist sein Club Tabellenführer. Das Problem: Büskens ist noch bis 2012 vertraglich bei den Franken gebunden. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte er sich nicht zu einem etwaigen Interesse von Schalker Seite äußern.

Seine Vorsicht ist womöglich unbegründet. Schließlich gibt es noch den alten Schalker Uefa-Cup-Helden Huub Stevens. Der Niederländer führte den Verein 1997 zum bisher letzten internationalen Titel, hielt sich dort insgesamt fast sechs Jahre auf dem Trainerstuhl und genießt bis heute hohe Wertschätzung. Allerdings soll der derzeit arbeitslose Coach auch ein Kandidat beim Tabellenschlusslicht Hamburger SV sein. Ob Stevens dem kriselnden HSV aber zusagt, wenn er ein Angebot des FC Schalke vorliegen hätte, darf bezweifelt werden.

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