Dortmunds Guerreiro und Leipzigs Angeliño Neue Linke

Beim BVB zieht Raphaël Guerreiro die Strippen, in Leipzig ist Angeliño an mehr Toren beteiligt als jeder Stürmer. Beide stehen für einen Trend auf der Außenverteidiger-Position.
Von Tobias Escher
Dortmunds Raphael Guerreiro (Mitte)

Dortmunds Raphael Guerreiro (Mitte)

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Bernd Thissen/ dpa

Die Strategen einer Fußballmannschaft gehören ins Zentrum. Franz Beckenbauer, Michel Platini, Johan Cruyff: Sie alle dirigierten ihre Mitspieler mit Pässen und Gesten aus dem Zentrum. Das ist auch heute noch so, doch bei zwei Bundesliga-Spitzenklubs drängen zwei Profis vermehrt in die Spielmacherrolle, die auf Außen ihre Heimat haben.

Beim Bundesliga-Verfolgerduell zwischen RB Leipzig und Borussia Dortmund (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de; TV: Sky) stehen die vielleicht besten Offensivstrategen der Liga auf dem Feld – und sie spielen beide auf der linken Seite. Leipzigs Angeliño und Dortmunds Raphaël Guerreiro stehen exemplarisch für den Trend, dass Außenverteidiger im Spiel ihrer Mannschaften mehr Verantwortung übernehmen.

Herausragende Scorer-Werte

Technisch überzeugen Angeliño und Guerreiro mit einem großen Repertoire an Bewegungen – mit und ohne Ball. Sie sind ebenso versierte Dribbler wie feine Passspieler. Angeliños Stil bei Dribblings ist noch ein wenig schmutziger, er weiß seinen Körper besser einzusetzen als der filigrane Guerreiro. Dafür schlägt Guerreiro die präziseren Pässe und Flanken. Das linke Duo sticht mit strategischen Fähigkeiten heraus: Sie bewegen sich clever in Lücken der gegnerischen Verteidigung oder spielen die entscheidenden Pässe in ebenjene Lücken. Ihr hohes Maß an Kreativität macht sie zur Schaltstelle im Spiel ihrer Mannschaft.

Angeliño behält den Überblick

Angeliño behält den Überblick

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Andrew Yates / imago images/Sportimage

Beide Spieler sind längst Fixpunkte ihrer Mannschaft. Guerreiro hat pro Spiel mehr Ballkontakte (knapp 84) als die etablierten Mittelfeldspieler Axel Witsel (65) und Emre Can (73). Auch Angeliño (76) ist wesentlich präsenter als die zentralen Sechser seines Teams, Kevin Kampl (57) und Marcel Sabitzer (50).

Beide ähneln sich im technischen wie strategischen Profil, unterscheiden sich aber in der taktischen Ausführung. Angeliño ist ein noch offensiverer Geist. Unter Trainer Julian Nagelsmann agiert er als verkappter Stürmer: Immer wieder schleicht er sich an die Abseitsgrenze und sprintet hinter die gegnerische Abwehr. Wettbewerbsübergreifend kommt er diese Saison auf acht Tore und sieben Vorlagen. Beides sind Bestwerte im Leipziger Kader.

Guerreiro kommt nicht ganz an diese Werte heran. Drei Tore hat er geschossen, sechs Treffer vorbereitet. Dass auch er als Torjäger erfolgreich sein kann, bewies er vergangene Saison: In einer etwas offensiveren Rolle als Linksverteidiger einer Fünferkette erzielte er acht Bundesligatreffer. In dieser Spielzeit agiert Guerreiro häufiger als Linksverteidiger einer Viererkette. Er schaltet sich verstärkt in der ersten Linie in den Spielaufbau ein. Seine Pässe aus der eigenen Hälfte zu Dortmunds Dribblern im offensiven Mittelfeld sind unverzichtbar für sein Team.

Die neuen Spielgestalter

Dass bei gleich zwei Spitzenklubs der Bundesliga die Spielgestalter auf dem linken Flügel agieren, könnte man als Zufall abtun. Immerhin haben die Bayern mit Joshua Kimmich ihren spielgestaltenden Rechtsverteidiger vor nicht allzu langer Zeit ins Zentrum befördert; dorthin, wo traditionell die wichtigen Pässe gespielt werden.

Zugleich aber schalten sich bei immer mehr Bundesligateams die Außenverteidiger vermehrt in den Spielaufbau ein. Die Defensivreihen der Bundesliga verbarrikadieren immer stärker das Zentrum. Agiert der Gegner mit einer Dreierkette in der Abwehr und einer weiteren Dreierkette im Mittelfeld, ist der Weg durch das Zentrum praktisch versperrt. Der erste Pass geht meist raus auf die Außenverteidiger.

Diese werden nicht so furios attackiert wie die Spielgestalter im Zentrum. Die wenigsten Defensivreihen trauen sich, den Gegner weit auf dessen Flügel anzugreifen. Der Ball befindet sich dort weit vom eigenen Tor, das Pressing ist also riskant. Kaum ein Team öffnet das Zentrum, nur um auf dem Flügel den Ball zu jagen. Außenverteidiger erhalten daher Zeit am Ball. Selbst Innenverteidiger werden teilweise stärker bedrängt.

Diagonale Außenverteidiger im Stile Paul Breitners

Angeliño und Guerreiro sind aber keineswegs klassische Außenspieler, die am Flügel kleben. Das ist ein weiterer taktischer Trend: Außenspieler zieht es immer häufiger in die Mitte. Die meisten Teams verteidigen mit zwei Außenspielern, besetzen die Flügel im Angriff aber nur noch mit einem Spieler. Das genügt, um die Abwehrkette des Gegners in die Breite zu ziehen. Guerreiro etwa zieht immer wieder in die Mitte, sobald ein Kollege den linken Flügel besetzt. Angeliño wiederum besetzt als alleiniger Außen die letzte Linie, um von dort diagonal vor das Tor zu sprinten.

Möchte man Guerreiro und Angeliño unter einem einzigen Oberbegriff vereinen, wäre »diagonaler Außenverteidiger« wohl der passende. Statt wie klassische Außenverteidiger die Außenlinie entlangzuflitzen, wählen sie den diagonalen Weg Richtung Zentrum oder Tor. Sie sind also im Spielaufbau dort präsent, wo sie vom Gegner kaum gestört werden – und bewegen sich dann in die Räume, in die sie selbst für das gegnerische Tor gefährlich werden können.

Im Fußball wird das Rad selten neu erfunden. Auch dieser Trend ist weder einmalig noch neu. Erst vor wenigen Jahren ließ Pep Guardiola seine Bayern-Außenverteidiger David Alaba und Philipp Lahm als verkappte Sechser ins Zentrum ziehen.

Der bekannteste deutsche Vertreter der spielmachenden Außenverteidiger hat seine Fußballschuhe schon vor langer Zeit an den Nagel gehängt: Paul Breitner begann seine Karriere auf Linksaußen, zog aber mit den Jahren immer weiter ins Zentrum. Angeliño und Guerreiro sind gewissermaßen die legitimen Nachfolger des Weltmeisters von 1974.

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