Peter Ahrens

Rassismus-Eklat in der Champions League Niemand kann mehr wegsehen

Der Spielabbruch in der Champions League in Paris zeigt vor allem eines: Es braucht solche Aktionen, um dem breiten Publikum das Thema Rassismus bewusst zu machen. Auch und gerade im Fußball.
Spielabbruch und Debatten bei der Partie PSG gegen Başakşehir

Spielabbruch und Debatten bei der Partie PSG gegen Başakşehir

Foto: FRANCK FIFE / AFP

Eigentlich sollte man nicht mehr darauf hinweisen müssen. Aber es scheint dann doch noch einmal notwendig zu sein, den Satz zu zitieren, den Piara Powar, der Geschäftsführer des internationalen Netzwerks Fare gegen Diskriminierung nach dem Champions-League-Eklat von Paris gesagt hat: »Auch unbeabsichtigter Rassismus ist Rassismus.«

Weil das so ist, ist es nicht erheblich, ob der Vierte Offizielle bei der Partie von Paris Saint-Germain gegen den türkischen Klub Istanbul Başakşehir tatsächlich das berüchtigte N-Wort ausgesprochen hat oder ob er den Betreuer der Gäste als »den Schwarzen« titulierte, um ihn für seine Schiedsrichterkollegen zu identifizieren. Der rumänische Schiedsrichter-Assistent beteuerte, er habe das Wort »negru« (Schwarzer) benutzt. Aber darum geht es überhaupt nicht. Es geht vielmehr darum, wie weit der Fußball, der sich ganz offiziell den Kampf gegen Rassismus auf die Fahnen schreibt, dabei wirklich vorangeschritten ist, wie weit seine Akteure damit sind, dieses Thema zu verinnerlichen.

Es gab vor ein paar Tagen im deutschen Fernsehen einen Fall, der ähnlich gelagert ist. Als der TV-Experte und Ex-Profi Steffen Freund im »Doppelpass« des Senders Sport 1 darüber räsonierte, dass die Schalke-Profis, die aus dem Maghreb stammen, »von ihren Wurzeln her« nicht die Mentalität zur Disziplin mitbrächte. Niemand in der Talkrunde reagierte darauf, offenbar empfand niemand es als anstößig genug. Nachdem die Empörung in den sozialen Netzwerken darüber groß war, versuchte Freund, sich via Twitter für die Wortwahl zu entschuldigen, er habe sich »leider missverständlich ausgedrückt«. Der Sport-1-Chefredakteur Pit Gottschalk sprang ihm zur Seite, Freund sei sicherlich kein Rassist.

Ein böses Wort bleibt ein böses Wort

Dass es darum nicht geht, ob jemand ein Rassist ist oder nicht, wenn er so etwas sagt, das muss der Fußball – und sicherlich nicht nur der Fußball – offensichtlich erst langsam lernen. Ein böses Wort bleibt ein böses Wort, unabhängig von dem, der es ausspricht. Und es sind gerade die so dahingeworfenen Äußerungen, die unbedachten Sätze, die zeigen, welche Arbeit noch geleistet werden muss. Wie lang und weit der Weg ist, bis so ein Wort nicht einfach eben mal »so herausrutscht« und man es »gar nicht so gemeint hat«.

Rassismus tritt in so vielen Gewändern und Ausformungen auf, er hat über so viele Jahre und Generationen wachsen können, er ist in Formulierungen, Denkweisen in Fleisch und Blut übergegangen. So wichtig und richtig ist es, ihn auch und besonders dort zu benennen, wo er anscheinend unbeabsichtigt daherkommt. Dafür mildernde Umstände anzuführen, ist zwar nachvollziehbar, aber ebenso verharmlosend.

Mildernde Umstände, die erst recht dann nicht gelten, wenn es um ein internationales Schiedsrichtergespann geht. Die Uefa redet so oft davon, wie sehr ihr der Kampf gegen Rassismus am Herzen läge – da sollten die von ihr auf den Platz geschickten Referees gut genug geschult sein, die nötige Sensibilität für dieses Thema aufzubringen. Verbände können nicht jeden Fan kontrollieren, der von der Tribüne Diffamierendes ruft. Aber ihre eigenen Unparteiischen zu schulen, dass so etwas nicht vorkommen darf, das kann man schon verlangen.

Signalwirkung auf der großen Bühne

Umso wirkmächtiger kann das Zeichen sein, das beide Teams am Dienstagabend in Paris gesetzt haben. Die demonstrative Einigkeit beider Mannschaften, den Platz zu verlassen und auch nicht nach fünf Karenzminuten wieder zurückzukehren und das Ding zu Ende zu spielen. Wobei der sonst so leidige Umstand, dass keine Zuschauer im Stadion waren, diesmal hilfreich war. Jeder konnte den Ausspruch über die Außenmikrofone hören und zuordnen, keiner konnte sich wegducken mit der Ausrede, er habe das nicht wahrnehmen können.

Die Verbände haben das scharfe Schwert des Spielabbruchs im Falle rassistischer Äußerungen und Vorfälle bereits in ihren Satzungen festgeschrieben, es gab auch schon kurze Spielunterbrechungen deswegen, in Frankreich, in Italien, in Spanien. Aber die Champions League ist noch einmal eine besondere, sie ist die große Bühne.

Sie zu nutzen, um zu zeigen, was nicht gehen darf, im internationalen Fußball nicht und auch nirgendwo sonst, dazu vorgelebt von Superstars wie Neymar und Kylian Mbappé, zudem an dem finalen Gruppenspieltag, an dem es um Weiterkommen oder Ausscheiden und damit um Millionen Euro geht, all das hat nicht nur Signalwirkung. Die Champions League ist so groß, so global, dass niemand mehr wegschauen kann. Das ist nicht (mit Verlaub) FCO Dijon gegen Amiens SC. Das ist die Liga, die in der ganzen Welt geguckt wird.

Am Abend soll das Spiel nach dem Willen der Uefa fortgesetzt werden. Durch den Ausgang des gestrigen Parallelspiels Leipzig gegen Manchester United ist PSG schon vor dem Abpfiff fürs Achtelfinale qualifiziert, der sportliche Wert der Partie ist somit gering. Und dennoch ist PSG gegen Başakşehir jetzt schon das wichtigste Spiel dieser Champions-League-Saison geworden.

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