Eklat um englischen Fußball-Chef Beleidigungen in alle Richtungen

Der englische Fußball will fortschrittlich sein im Kampf gegen Rassismus. Doch mit diskriminierenden Bemerkungen stellt der nun zurückgetretene FA-Chef Greg Clarke die Glaubwürdigkeit des Engagements infrage.
Von Hendrik Buchheister, Manchester
2016 kam er in die Chefposition bei der FA, doch nun ist Schluss: Greg Clarke

2016 kam er in die Chefposition bei der FA, doch nun ist Schluss: Greg Clarke

Foto: Jordan Mansfield / Getty Images

Greg Clarke merkte gar nicht, wie er sich aus dem Amt als Vorsitzender der traditionsreichen englischen Football Association redete. Er referierte bei einer Parlamentsanhörung am Dienstag über "farbige" Fußballer und unterschiedliche "Karriere-Interessen" von Menschen aus Südostasien und der Karibik, über "junge Mädchen", die Angst davor hätten, "dass der Ball hart nach ihnen getreten wird", und darüber, dass das offene Ausleben von Homosexualität eine "Lebens-Entscheidung" sei. Er redete und redete und wie selbstverständlich breitete er rassistische, sexistische und homophobe Klischees aus.

Kurz: Er beleidigte alle im Fußball unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen. 

Als der 63 Jahre alte Funktionär hinterher gezwungenermaßen um Verzeihung für seine verbalen Fehlschläge bat, da war es schon zu spät. Der Verband hatte ihm das Vertrauen entzogen. Wenige Stunden nach der Fragerunde musste er zurücktreten . Das Medienecho war so verherrend, dass der FA gar keine andere Wahl blieb. Wer bei so wichtigen Themen wie Diskrimierung und Gleichberechtigung schon an der Sprache scheitert, hat auf dem Posten des FA-Chefs nichts verloren, lautete der Tenor. Wer mit Stereotypen aus der Vorzeit hantiert, ist für die Gegenwart und die Zukunft ungeeignet. Inzwischen ist Clarke auch als Vizepräsident der Fifa zurückgetreten.

Scharfe Kritik an der FA

Eigentlich hätte die FA schon früher reagieren können, denn Clarkes fahrlässiger Umgang mit gesellschaftlichen Problemen war lange bekannt. Im Zuge des Rassismus-Skandals um den einstigen Frauen-Nationaltrainer Mark Sampson vor drei Jahren tat der FA-Chef möglichen strukturellen Rassismus in seinem Verband als Geschwätz ab. Schon damals musste er hinterher um Entschuldigung bitten. Jetzt zeigte sich, dass er seither nichts dazu gelernt hat. 

Die FA steht nun massiv in der Kritik dafür, dass sie überhaupt so lange an Clarke festgehalten hat. "Die FA ist eine Organisation, die sehr resistent gegen Veränderung ist", sagt David Bernstein, Clarkes Vor-Vorgänger. Ex-Nationalspieler Trevor Sinclair wirft dem Verband sogar offen institutionellen Rassismus vor. "Entsetzlich" seien die fehlenden Chancen für Angehörige von ethnischen Minderheiten. Die Entwicklung gehe "im Schneckentempo" voran. 

Schon länger klagen ehemalige schwarze Profis über Barrieren beim Einstieg in den Trainer-Beruf, und auch Manchester Citys englischer Nationalspieler Raheem Sterling, eine Art gesellschaftspolitischer Sprecher der aktuellen Generation, hat im Frühjahr bessere Chancen für die Karriere nach der Karriere gefordert. Diese Chancen soll künftig der Football Leadership Diversity Code garantieren, den die FA gerade vorgestellt hat. Der englische Fußball war zuletzt durchaus bemüht, die richtigen Signale zu senden, wenn es um mehr Gleichberechtigung geht. 

Trainerinnen im Fußball der Frauen sind selten geworden, in England setzen sie künftig auf Sarina Wiegman (Foto) als Cheftrainerin der Lionesses

Trainerinnen im Fußball der Frauen sind selten geworden, in England setzen sie künftig auf Sarina Wiegman (Foto) als Cheftrainerin der Lionesses

Foto: Alex Grimm / Getty Images

Im Fußball der Frauen werden Rekordsummen investiert, außerdem wird der für den Job nicht hinreichend qualifizierte Frauen-Nationaltrainer Phil Neville im kommenden Jahr von Sarina Wiegman abgelöst, die die Niederlande 2017 zum EM-Titel und 2019 ins WM-Finale geführt hatte. Seit die Premier League nach der Corona-Pause im Frühjahr den Spielbetrieb wieder aufgenommen hat, ist der Slogan "Black Lives Matter" überall in den Stadien und auf den TV-Bildschirmen zu sehen. Es gibt ermutigende Zeichen in England im Kampf gegen Diskrimierung. Doch Clarkes Aussagen lassen die jüngsten Fortschritte wie ein Kartenhaus zusammenfallen. 

Clarkes Nachfolge wird wegweisend für den Verband

Die FA sagte nun, dass sie noch viel zu tun habe, und die Ernennung des oder der kommenden Vorsitzenden dürfte dabei den Weg weisen. Ist der Verband sogar gewillt, die schönen Worte von mehr Diversität auch mit Leben zu füllen? Progressive Kandidaten gäbe es, zum Beispiel die frühere Nationalspielerin Eniola Aluko, die sich gerade als Sportchefin bei den Frauen von Aston Villa beweist, oder den ehemaligen Profi Paul Elliott (unter anderem Aston Villa und Chelsea), der dem Inklusionsbeirat des Verbands vorsitzt.

Allerdings ist die Hoffnung auf eine fortschrittliche Lösung gering. "Die FA wird den nächsten Vertreter der Viktorianischen Ära des Fußballs befördern, einen Clarke-Klon”, fürchtet die "Times". So weit ist es also schon: dass sogar konservative Zeitungen das Vertrauen in die Football Association verloren haben.

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