"Rassismus" in der öffentlichen Debatte Die Abwehr steht

"Rassismus gibt es nicht im deutschen Fußball" - die Reaktion vieler Spieler auf Mesut Özils Rücktritt zeigt, wie gestört der deutsche Umgang mit manchen Begriffen ist. Nicht Diskriminierung gilt als Tabu, sondern Kritik daran.
Toni Kroos

Toni Kroos

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

"Vom Rassismus im Sport und in der Nationalmannschaft kann absolut keine Rede sein", hatte Thomas Müller als Reaktion auf den Rücktritt von Mesut Özil gesagt. Jetzt hat Toni Kroos diese Sichtweise als zweiter prominenter Weltmeister von 2014 bekräftigt: "Ich denke, dass er selbst weiß, dass es Rassismus innerhalb der Nationalmannschaft und des DFB nicht gibt."

Damit unterstellte Kroos seinem ehemaligen Teamkollegen nicht nur, bewusst die Unwahrheit zu behaupten. Er offenbarte auch einmal mehr den erstaunlichen Umgang mit dem Wort Rassismus in der deutschen Debatte. Abstrakte Bekenntnisse gegen Rassismus, wie sie in Fußballstadien bei Imagekampagnen vorgetragen werden, gelten als unproblematisch und wünschenswert. Sobald man sich aber mit konkreten Aussagen einer einzelnen Person auseinandersetzen muss, hört bei vielen jedes Verständnis schnell auf.

Am deutlichsten äußert sich dieser Umgang in der Verwendung des Worts "Rassismus-Keule". Es unterstellt, dass die Verwendung des Begriffs Rassismus eine zu grobe Waffe sei, mit der der Kritisierte erschlagen werde. Nach dieser Logik darf man von Rassismus eigentlich gar nicht mehr sprechen - es sei denn, es geht um Vorkommnisse in fernen Ländern oder Leute, die explizit Dinge sagen wie "Ich finde, alle Menschen mit dunkler Hautfarbe sind minderwertig."

Das große Tabu

So gesehen ähnelt die Rolle des Begriffs Rassismus im öffentlichen Diskurs inzwischen der von Worten wie Nazi oder Antisemitismus. Was sie konkret bedeuten, ob ihre Verwendung jeweils zutreffend ist oder nicht, darüber kann gar nicht geredet werden, denn es kommt einem Tabubruch gleich, sie überhaupt auszusprechen oder aufzuschreiben. Das allerdings ist eine tragische Umkehrung. Die vermeintlichen Lehren aus der deutschen Geschichte, also der Zeit des Nationalsozialismus, des Angriffskriegs und des Holocaust, sollten ja ursprünglich darin bestehen, dass es nie wieder Faschismus, nie wieder Antisemitismus geben dürfe.

Übrig geblieben scheint jedoch oft nicht das Bewusstsein für die inhaltliche Basis dieser Imperative, sondern lediglich ihre Rolle als Tabu. Und dieses Tabu wird gewissermaßen vorgelagert. So ist es dann nicht mehr geächtet, rassistische oder antisemitische Dinge auszusprechen, sondern es gilt als indiskutabel, die Begriffe Rassismus oder Antisemitismus zu verwenden. Das allerdings kommt dann dem Gegenteil des ursprünglich Beabsichtigten gleich. So wirken Tabus auf viele Menschen: Sie verbieten und unterdrücken etwas so sehr, dass sich die Abwehr einer Praxis in die Abwehr ihrer Benennung verkehrt.

Ein Grund dafür scheint in der simplen, unerbittlichen Logik zu liegen: Wenn etwas (wie Rassismus) absolut geächtet ist, dann ist jemand, der des Rassismus bezichtigt wird, entweder sofort nicht mehr tragbar in seiner Rolle - oder der Vorwurf muss falsch sein und in Gänze zurückgewiesen werden.

Entweder man ist Rassist oder man hat sich nichts vorzuwerfen

Das mag erklären, warum fast niemand in der deutschen Fußballöffentlichkeit die Vorwürfe Özils gegen DFB-Präsident Reinhard Grindel auch nur für bedenkenswert hält: Wenn an der Kritik etwas dran wäre, dann wäre Grindel in dieser Logik ein "Rassist". Und da das etwas Indiskutables ist, muss man sich auf eine Seite schlagen: Entweder Özil hat Recht, oder er hat Unrecht.

Noch rigider wird es, wenn diese Logik nicht nur auf einzelne Personen, sondern auf 80 Millionen Personen zugleich angewendet wird: "Nein, wir Deutschen sind nicht rassistisch", twitterte  Christian Lindner, der stellvertretende Chefredakteur der "Bild am Sonntag" als Reaktion auf Özils Rücktritt. Das macht es natürlich einfach: Entweder alle Deutschen sind Rassisten (was weder Özil noch sonst jemand behauptet hatte), oder jeder Rassismus-Vorwurf führt in die Irre.

Ein jeder mag selbst beurteilen, auf welcher Seite der Debatte hier argumentative Keulen zur Anwendung kommen. Warum ist es so schwierig, Kritik wie die von Özil nicht als Ende, sondern als Anfang einer Debatte zu begreifen? Fußballstars wie Kroos müssten keine soziologische Analyse erstellen, und sie müssten sich auch nicht die Position der Menschen zu eigen machen, die sich rassistisch behandelt fühlen. Aber es wäre schon ein Anfang, mit ihnen zu reden. Statt sie zu belehren.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.