Bundesligist Leipzig Fan-Kämpfe bei RB

Neue Fans waren für RB Leipzig bislang ein Segen. Doch jetzt zieht der junge Bundesligist eine problematische Klientel an, es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen etablierten linken und rechten Gruppen.
Facebook-Seite von "L.E. United"

Facebook-Seite von "L.E. United"

Foto: facebook.com/ L.E. United

"RB Leipzig hat ein Problem mit Fans? Die haben doch gar keine Fans!"

Klar, man kann darüber Witze machen: Seitdem der Red-Bull-Verein in Deutschland existiert, ist er der Häme vor allem von Fans der Traditionsvereine ausgesetzt. Es gibt kaum ein negatives Attribut, mit dem der Klub und seine Fanszene in den vergangenen Jahren nicht bedacht worden wären.

Andererseits kannte man beim RB auch keine Gewalt oder politischen Extremismus. Die RB-Anhängerschaft gilt als friedlich, Hooliganismus und rechte Parolen waren dort bisher tabu. Doch das Idyll bekommt erste Risse.

Nach dem vergangenen Heimspiel gegen Hannover wurden zwei Mitglieder des Fanclubs "Red Aces" auf der belebten Jahnallee, die am Arena-Areal vorbeiführt, von Mitgliedern eines anderen Fanklubs angegriffen und verprügelt, einem wurde dabei das Nasenbein gebrochen. Alkohol, Adrenalin - körperliche Auseinandersetzungen kommen am Rande von Fußballspielen immer wieder mal vor. Doch dies sei keine "gewöhnliche" Schlägerei gewesen, ist ein Mitglied der "Red Aces" überzeugt - sondern das Ergebnis eines "politischen Konflikts".

Die Gruppe, von der der Angriff ausging, firmiert unter dem Namen "L.E. United", erstmals trat sie vor rund einem halben Jahr in Erscheinung. Schon in den vergangenen Monaten sollen jüngere Mitglieder der "Red Aces" von "United"-Angehörigen angegangen worden, zum Beispiel weil sie T-Shirts mit der Aufschrift "Refugees welcome" getragen haben. So beschreiben es die "Red Aces", die sagen: "United hat es sich zum Ziel gemacht, nicht nur gegen Fans anderer Vereine vorzugehen, sondern auch unliebsame Fans in den eigenen Reihen zu bedrohen."

"Martialisch und oft alkoholisiert"

Sportlich ist RB in der Bundesliga angekommen, jetzt steht der Verein also auch an der Basis vor Herausforderungen, die er so noch nicht kannte. Probleme mit Gewalt gab es in der Vergangenheit bei Derbys zwischen BSG Chemie und Lokomotive Leipzig - aber bei RB? Die "Red Aces" sagen: "Wir hoffen, dass die Großzahl der Fans und der Verein gemeinsam diese Leute isoliert und sich nicht nur verbal positioniert, sondern auch deutlich handelt."

Doch das dürfte sich nicht sonderlich einfach gestalten. Denn - und hier unterscheidet sich die Szene in Leipzig nicht von anderen Bundesligisten - viele Fangruppen sehen es nicht gerne, wenn in der Kurve überhaupt (fan-)politische Botschaften artikuliert werden. Und auch der Klub differenziert: Ein Sprecher sagte dem SPIEGEL, man wolle "keine Politik im Stadion, die sich beispielsweise mit Fragen der Gentrifizierung, dem türkischen oder amerikanischen Präsidenten beschäftigt oder sich mit den Verbänden befasst." Der Kampf gegen Rassismus oder Homophobie aber seien "aus unserer Sicht keine politische Meinungsäußerung, sondern Haltungen, die wir allesamt nachdrücklich unterstützen".

Nicht nur die offen linken "Red Aces", auch andere Fangruppen sehen die Mitglieder von "L.E. United" kritisch und beschreiben diese als "martialische" und "oft alkoholisierte Gruppe", auf die man gerne verzichten würde. Man hört aber in Gesprächen auch zwei Einschränkungen: Zum einen sind einige Gruppierungen in Leipzig von den politischen Aktionen der "Red Aces" genervt, die in der Vergangenheit etwa zum Marsch gegen Legida aufgerufen hatten.

Zum anderen finden manche, dass eine gewaltaffine Gruppe wie "L.E. United" auch durchaus mal nützlich sein könnte. Seit man im vergangenen Februar beim Auswärtsspiel in Dortmund angegriffen wurde, fänden viele die Idee ganz charmant, sich künftig nicht mehr allein auf die Polizei verlassen zu müssen, heißt es in der Fanszene.

Schaut man sich die "United"-Mitglieder näher an, wirken sie nicht "unpolitisch"

Es wird also viel über "L.E. United" geredet unter Leipziger Fans, nur "L.E. United" selbst redet nicht so gerne, trotz der auf ihrer Facebook-Seite  formulierten Klage, Journalisten kontaktierten die Gruppe nicht selbst und stellten sie zu Unrecht als politisch rechts dar. Eine Anfrage vom SPIEGEL blieb unbeantwortet, aber man kann sich die Profile der "United"-Mitglieder in den Sozialen Netzwerken anschauen. Dort bekommt man nicht zwingend den Eindruck, diese seien "unpolitisch", wie sie es für sich reklamieren. Viele bekunden dort ihre Sympathien für rechte Gruppierungen (AFD, NPD, Identitäre Bewegung etc.) und polemisieren gegen "Zecken" und "Kanaken".

Dass die Fanszene von RB die Spannungen (friedlich) unter sich regelt, scheint angesichts der Gemengelage unwahrscheinlich. Wäre es da nicht an der Zeit, dass der Klub aktiv wird?

Tatsächlich ist laut RB genau das geschehen, man habe "'L.E. United' und ihre rund 20 Mitglieder, von deren Seite nach unseren Erkenntnissen die Aggression ausging, für diesen Vorfall pauschal abgemahnt und im Wiederholungsfall ein Hausverbot für die Red Bull Arena angedroht". Allerdings, so der Sprecher, sei RB Leipzig stolz auf seine "friedliche und familienfreundliche Fankultur. Es handelt sich hier um einen Einzelfall".

Unbestritten ist, dass im Gegensatz zu manch anderen Standorten Gästefans in Leipzig nichts zu befürchten haben, Gewaltfreiheit galt bislang als Selbstverständlichkeit. Doch das muss nicht so bleiben. Die Anhängerschaft sei "in den letzten Jahren natürlich rasant gewachsen", sagt das "Red Aces"-Mitglied. "Und es gibt erste Anzeichen und ernsthafte Vorfälle, die zeigen, dass eine rechtsoffene Klientel auch in unserem Stadion salonfähiger wird."

Ein Kenner der Szene ist Matthias Kießling, der als "Rotebrauseblogger" über seinen Verein schreibt. Er hat Veränderungen festgestellt. "In den letzten Jahren und dann noch mal verstärkt seit dem Aufstieg in die Bundesliga sind auch viele Menschen aus dem Leipziger Umland dazugekommen." Die seien zum Teil "bodenständig und zumindest sehr konservativ", einige von ihnen hätten deshalb weltanschaulich auch weniger Probleme mit "L.E. United" als mit den beiden linken Gruppen "Rasenballisten" und "Red Aces".

"Das Stadion ist nicht der beste Ort, um sich mit Landtagsabgeordneten XY zu beschäftigen", sagt Blogger Kießling: "Aber in der Arena war immer Raum für Auseinandersetzung mit Diskriminierung, und das wird es auch bleiben."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.