RB Leipzig gewinnt den DFB-Pokal Die Antihelden

Mit viel Geld hat Red Bull in Leipzig einen DFB-Pokalsieger aus dem Boden gestampft. Ein historischer Erfolg für einen ungeliebten Klub – und eine Mannschaft, die den Argwohn nicht verdient hat.
Leipzigs Torhüter Péter Gulácsi feiert den Pokalsieg

Leipzigs Torhüter Péter Gulácsi feiert den Pokalsieg

Foto: Lukas Schulze / Getty Images

Kein Grund zur Freude: Eine gute halbe Stunde dauerte es, bis der Pokalsieger auch geehrt wurde. Das hatte nichts mit dem Spiel zu tun, nichts mit den beteiligten Mannschaften: Ein medizinischer Notfall war es, der die Stimmung im Berliner Olympiastadion abkühlte. Ein Fotograf sei betroffen, informierte der DFB. Sein Zustand sei stabil. Erst, nachdem der herbeigerufene Krankenwagen den Innenraum der Arena verlassen hatte, setzte sich die Zeremonie fort. Von Pfiffen begleitet, betrat das siegreiche Team von RB Leipzig die Bühne, Kapitän Péter Gulácsi reckte den DFB-Pokal in die Höhe. Es ist der erste Titelgewinn seit der Klubgründung 2009.

Das Ergebnis: 4:2 im Elfmeterschießen (1:0, 1:1, 1:1) setzt sich Leipzig im Finale des DFB-Pokals gegen den SC Freiburg durch. Lesen Sie hier den Spielbericht.

Duell um die Seele des Spiels: Was haben RB Leipzig und der Cheftrainer Christian Streich gemeinsam? Nein, das ist keine Scherzfrage: Für beide sollte das Pokalfinale das 396. Pflichtspiel im Profifußball werden. Für einen Klub ist das ein Wimpernschlag, für einen Coach eine Ära – und Teil der größeren Erzählung, die das Pokalfinale umgab. Auf der einen Seite das glitzernde Marketing-Produkt RB, nur in Leipzig gelandet, weil Red Bull in Hamburg, München und Düsseldorf keine Unterstützer für die eigenen im Fußballpläne fand. Auf der anderen die Freiburger, Klischee des kleinen Traditionsvereins, schon durch Streichs Mundart in der Region verwurzelt. Im Vorfeld hatte der Sportclub einen gemeinsamen Fan-Schal mit RB verhindert – schon das war eine Kriegserklärung an die Identität des Leipziger Projekts.

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Die kleinen Unterschiede: So forderte auf dem Papier der Bundesliga-Sechste den Bundesliga-Vierten, gefühlt aber David Goliath heraus. Wobei: Nahm man die Fankultur als Maßstab, so gewannen die Freiburger den Größenvergleich um Längen. Das lag weniger an den fast durchgängig brennenden Bengalos im SCF-Block und den Pfiffen bei der Leipziger Ehrung, sondern vielmehr daran, wie kalt dieses potenziell historische Spiel den Leipziger Anhang zu lassen schien. Die Choreografie vor Anpfiff las sich schlicht »Rasenballsport Leipzig« – mehr eine Produktbeschreibung als eine leidenschaftliche Botschaft an die Mannschaft.

»Einzigartiger Verein, so wie du soll Fußball sein«: Die Freiburger Fans zogen eine klare Trennlinie zum Finalgegner

»Einzigartiger Verein, so wie du soll Fußball sein«: Die Freiburger Fans zogen eine klare Trennlinie zum Finalgegner

Foto: Jan Woitas / dpa

Der ausgeschiedene Finaltorschütze: Neun Monate ist es her, da schied Maximilian Eggestein aus dem DFB-Pokal aus. In Runde eins, 0:2 gegen den VfL Osnabrück. Dann wechselte Eggestein den Klub, von Werder Bremen ging es zum SC. Mit den Breisgauern nahm Eggestein Rache an Osnabrück, warf im Anschluss Hoffenheim, Bochum und den HSV aus dem Pokal – und fand sich plötzlich auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions wieder. Die Geschichte konnte nur ein Final-Tor Eggesteins vervollständigen, folgerichtig traf der schon Gescheiterte mit einem platzierten Flachschuss zur Freiburger Führung.

Eigenhändig vorgelegt: Mustergültig aufgelegt hatte den Führungstreffer Eggesteins Mitspieler Roland Sallai. Nur: Weil das mit dem Arm geschah, erhitzten sich die Gemüter. Handspiel vor der Torerzielung, das wird doch immer gepfiffen? Denkste: Seit Saisonbeginn gilt diese schwarz-weiße Regelauslegung nur noch, wenn die Hand auch dem Torschützen gehört. So wurde Sallais Aktion nach denselben Maßstäben bewertet wie jedes andere Handspiel, und nach denen war eine Strafbarkeit nicht eindeutig gegeben.

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Zehn und Tedesco: Ein Freiburger Befreiungsschlag schien schon die Vorentscheidung zu bringen: Lucas Höler wand sich um Marcel Halstenberg, erlief den langen Ball zuerst und wurde vom Leipziger per Notbremse zu Fall gebracht. Eine unumstrittene Rote Karte – aber eine, nach der die zehn verbliebenen Leipziger erst so richtig ins Spiel fanden. Und zum Ausgleich kamen: Eine schon geklärte Freistoßflanke hob Konrad Laimer noch einmal in den Strafraum, Willi Orban legte per Kopf quer auf den mitgelaufenen Christopher Nkunku, frisch zum Bundesliga-Spieler der Saison gewählt. Der traf natürlich, es war seine 55. Torbeteiligung der laufenden Saison in allen Wettbewerben. Trainer Domenico Tedesco war so begeistert, dass er sich mit den Spielern in die Jubeltraube stürzte.

Leipziger Erfolgsgaranten: Christopher Nkunku, Domenico Tedesco

Leipziger Erfolgsgaranten: Christopher Nkunku, Domenico Tedesco

Foto: Martin Rose / Getty Images

Böses Aluminium zu gutem Spiel: Erst in der Verlängerung berappelten sich die Freiburger wieder, nachdem Benjamin Henrichs (82.) und Dani Olmo (85.) noch Chancen hatten, das Spiel in 90 Minuten für Leipzig zu entscheiden. Dann näherte sich der Sportclub wieder an: Ermedin Demirović köpfte an den Pfosten (92.), Péter Gulácsi lenkte Janik Haberers Versuch an den Innenpfosten (104.), erneut Haberer scheiterte an der Latte (115.). Doch das war noch nicht die letzte Pointe dieser atemlosen Partie, nicht einmal die vorletzte.

Adlerauge Stegemann: Denn noch bevor es zum tatsächlichen Shootout kam, wähnte sich Leipzig im Elfmeter-Glück – und war ganz perplex, dass Referee Sascha Stegemann nicht auf den Punkt zeigte. Hatte Nicolas Höfler nicht Olmo ganz klar zu Fall gebracht? Ja, aber davor und weit weniger klar hatte er auch den Ball gespielt. Stegemann schaute sich das, was er schon in der Realgeschwindigkeit richtig erkannt hatte, noch einmal in der Zeitlupe an. Am Ende führte die ganze Aufregung zu nichts außer Gelb-Rot für den schon ausgewechselten Leipziger Kevin Kampl.

Unbeirrbar und souverän: Sascha Stegemann entschied in den wichtigen Szenen des Finalspiels richtig

Unbeirrbar und souverän: Sascha Stegemann entschied in den wichtigen Szenen des Finalspiels richtig

Foto: Martin Rose / Getty Images

Und man muss es ihnen doch gönnen: Im Elfmeterschießen trafen dann alle Leipziger Schützen, Freiburgs Kapitän Christian Günter schoss den Ball übers Tor, Demirović an die Unterkante der Latte. Für viele Fußball-Traditionalisten fiel die letzte Bastion des Sports, den sie lieben: In Deutschland, das steht seit heute fest, kann ein Milliardär in nur 13 Jahren einen titelreifen Fußballklub erfinden, wenn er nur richtig investiert. Das ist eine Niederlage für die Idee des demokratisch geführten Vereins, auch für die Idee, dass Klubs sich das finanzielle Fundament für den sportlichen Erfolg selbst erarbeiten müssen. Die Leipziger Spieler aber, auch der Trainer Tedesco, sie verdienen es, für ihre Leistung gewürdigt zu werden. In Unterzahl einen Rückstand durch Leidenschaft und Spielfreude zu drehen, wäre der Stoff einer Heldengeschichte – wenn die Helden denn das Trikot eines organisch gewachsenen Klubs tragen würden.